Von Daniel Bouhs
05. Juli 2008 Jörg Jaksche weiß, wie es einem ergeht, der mit der Wahrheit rausrückt. Vor genau einem Jahr legte der Profiradsportler ein Geständnis über seine gedopte Karriere ab (siehe auch: Jörg Jaksches Enthüllungen im Wortlaut). Ein neues Team hat er danach nicht mehr gefunden. Der Mann, der öffentlich Strukturen des Dopings skizzierte, wurde von seinen Kollegen abgestraft. Vor drei Monaten brach Jaksche die Suche nach einem neuen Rennstall ab – und gab seinen Sport auf.
Gestern nun hat die Tour de France 2008 begonnen. Und Jaksche ist vom ZDF als Experte vor der Kamera verpflichtet worden. Das ist ein geschickter Zug. Denn nachdem ARD und ZDF vor einem Jahr aus der Live-Berichterstattung der Tour de France ausstiegen, weil eine Dopingsünde nach der nächsten herauskam, starten die Sender jetzt einen neuen Anlauf. Die Zuschauer aber fragen sich, was sich seitdem geändert hat – bei den Sportlern, aber auch bei den Sendern, die bis zum Eklat nur selten kritisch über Teilnehmer und Veranstalter berichteten. Jaksche gilt nach seinem Geständnis als glaubwürdig. Und das wären die Sender auch gerne wieder, deshalb wird gerade fleißig über geplante Dopingkontrollen berichtet.
Die Doping-Taskforce des ZDF
Einen neuen Ausstieg schließen die Verantwortlichen quasi aus. Nur wenn ganze Dopingsysteme erkennbar würden, könnte die Übertragung erneut abgebrochen werden. ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender sagte am Samstag im eigenen Programm: Ich glaube, dass die Veranstalter verstanden haben, dass der Ausstieg im letzten Jahr ein Schuss vor den Bug war. Der zweite Schuss geht in den Bug – und dann ist’s auch zu Ende.“
Es scheint als hätten ARD und ZDF erst im vergangenen Sommer wirklich registriert, wie wenig die Versprechen vom sauberen Radsport bis dahin wert gewesen waren. Jetzt hofft jeder, dass sich das – auch durch den Druck der Öffentlichkeit – geändert hat. WDR-Sportchef Steffen Simon sagt: Bei uns herrscht inzwischen ein ganz anderes Bewusstsein dafür, wie wir mit dem Sport umgehen müssen.“ Die ARD richtete eine eigene Redaktion ein, die sich ausschließlich dem Doping widmet und beim WDR in Köln angesiedelt ist. Das ZDF rief eine Doping-Taskforce“ ins Leben. Für die Tour de France haben ARD und ZDF dieses Mal je zwei Mitarbeiter allein für Dopingrecherchen im Einsatz und senden immer wieder ordentliche Dokumentationen zum Thema. Das Versprechen: Wir wollen uns vom Sport nicht mehr vereinnahmen lassen und kritisch hinter die Fassaden blicken. Nur klappt das nicht immer so wie es sollte.
Überlastete Reporter
Das ZDF hat es da vergleichsweise einfach. Brender ordnete im vergangenen Sommer an, dass das Thema Doping fortan in allen Sendungen vorkommen soll. Und mit Elmar Theveßen als Brenders Stellvertreter sitzt jetzt einer in der Führungsriege, der sich genau darum kümmert. Theveßen spricht gerne von einer Lernkurve“, auf der sich seine Journalisten bewegten. Er sagt: Wir sind schon ein gutes Stück vorangekommen, aber längst nicht am Ziel.“ Noch immer müssten Kollegen ausloten, wie nah sie den Sportlern sein dürften, nicht nur beim Radsport.
Tatsächlich ist bei der Sportberichterstattung im Zweiten öfter als früher eine kritische Grundhaltung erkennbar. Sowohl in den Nachrichten als auch im Sportstudio“ und der Sportreportage“ tauchen Betrug, Sucht und Leistungssteigerung auf. Selbst Mona Lisa“ und Das Philosophische Quartett“ kümmern sich um Doping. Manchem Kritiker wirbt der Sender nur ein bisschen zu viel mit seinem Engagement. Aber es werden Zeit und Geld investiert, um im Milieu zu recherchieren. Und der Taskforce“ gehören nicht nur Sportreporter, sondern auch Journalisten aus anderen Ressorts an, wie der Frontal 21“-Reporter Thomas Reichart, der sich sonst etwa mit der Preistreiberei der Stromkonzerne beschäftigt und kein Interesse an der Nähe zu Sportlern haben muss. So entstehen Filme, die Sportfunktionäre nicht mit Samthandschuhen anpacken. Der Zweiteiler Mission Gold“, der sich mit den Dopingmachenschaften in China beschäftigte, ist ein gutes Beispiel: Nach Ausstrahlung des ersten Teils Mitte Juni (zweiter Teil am 30. Juli) machte China sogar Produktionsstätten für illegale Hormonpräparate dicht, die das ZDF benannt hatte.
Wir haben die Führung ans ZDF abgegeben
Ganz anders ist die Situation bei der ARD. Bei neun Landessendern gibt es nämlich auch neun Chefredakteure und Sportchefs, die nicht immer alle einer Meinung sind. Dazu kommt ein Koordinator für Sport im Ersten. Dieses Durcheinander brachte der ARD schon mächtig Ärger ein: einen Sportchef, der sich vor Gericht wegen persönlicher Bereicherung im Amt verantworten muss, einen Sportkoordinator, der dem Ex-Publikumsliebling Jan Ullrich die Biographie schrieb, und nicht zuletzt der Exklusivvertrag mit Ullrich, der mit Prämien für ARD-Interviews belohnt wurde. Seit der Senderverbund die Selbstreinigung versucht, soll die Fachredaktion dafür sorgen, dass alles besser wird. Viele Dritte Programme verstecken sich aber nur allzu gerne hinter dieser Einrichtung. Wenn im eigenen Zuständigkeitsbereich Dopingfälle bekannt werden, wird mit dem Finger nach Köln gezeigt: Macht ihr ruhig mal!
Dabei haben sich die Landessender die Sportarten aufgeteilt und so für jede Fachkompetenz geschaffen: beim RBB für Biathlon und Schwimmen, beim BR für Alpin-Ski, beim NDR für Leichtathletik. Dopingbeauftragte gibt es in diesen Redaktionen aber keine. Ein ARD-Mitarbeiter kritisiert: Wir haben die Führung bei dem Thema längst ans ZDF abgegeben, könnten es aber viel besser, wenn hier nur jemand wollte.“ Und bei Großveranstaltungen müssen meistens dieselben ran: Hans-Joachim Seppelt, der lange mit seiner kritischen Haltung in der ARD aneckte, und Florian Bauer, der sich vor zwei Jahren als WDR-Volontär hervortat. Sie sind die wahren Dopingexperten der ARD. Und die steht oft nur gut da, weil sich ein paar wenige ins Zeug legen.
Der WDR hat im vergangenen Jahr Sport Inside“ gestartet, das sich wie keine andere Sendung im deutschen Fernsehen der Hintergründe im Sport annimmt, Betrugsstrukturen aufzeigt, sich mit Verbänden anlegt und von Funktionären schon als ,Panorama des Sportfernsehens“ gefürchtet wird. Andere Sender haben Doping zumindest hin und wieder im Programm, wie zuletzt der SWR einen Film über die Machenschaften Freiburger Sportmediziner. Von manchen, zum Beispiel dem MDR, ist gar nichts zu hören.
Ungeliebte Nörgler
Viel schlimmer: Es gibt immer noch Widerstand gegen die Nörgler“. Einer, der in der ARD kritisch über den Sport berichtet, sagt: Bei uns wirken riesige Kräfte, um zu verhindern, dass anderen Sportarten das widerfährt, was mit dem Radsport passiert ist.“ Wintersport- und Leichtathletikfans wollen lieber nicht, dass ständig der mögliche Betrug thematisiert wird.
Die kritischen Sportjournalisten fühlen sich von den Event-Fans in den eigenen Reihen bedroht: Uns darf kein Formfehler unterlaufen, weil sie uns daran wie an einem Nasenring durch die Arena schleifen.“ Das musste etwa Seppelt im Januar erleben, als er die Meldung verbreitete, nach ARD-Informationen seien Wintersportler Kunden einer Wiener Blutbank gewesen. Seppelt blieb die Beweise schuldig. Und der SWR-Sportchef Michael Antwerpes entschuldigte sich in einer laufenden Wintersportübertragung für die journalistische Fehlleistung“. Ob die tatsächlich unglücklich lancierte Meldung womöglich die Folge einer Überforderung des Reporters war, hat keinen interessiert. Und die Dopingredaktion des WDR, auf die sich alle verlassen wollen, besteht derzeit gerade mal aus zwei Mitarbeitern, ab Herbst immerhin aus drei festen Redakteuren plus Seppelt und Bauer als Autoren. Das ist manchen schon zu viel. WDR-Sportchef Simon, der auch die Dopingredaktion leitet, sieht das anders, sagt aber auch: Unsere ausländischen Kollegen verstehen uns in dieser Sache nicht. Die sagen: Wann immer ihr Deutschen etwas macht, macht ihr zu viel. Die denken, wir drehen bei dem Thema richtig durch.“
Stillhalten, bis etwas passiert
Während sich derzeit alles auf die Tour de France konzentriert, wird von der ARD zu den Olympischen Spielen in Peking nicht gerade eine Offensive der Aufklärung zu erwarten sein: Seppelt recherchiert zwar bereits seit einigen Wochen in China für eine Doku über dortige Dopingpraktiken (am 21. Juli im Ersten). Auf die Frage, was er und Bauer während der Spiele leisten sollen, sagt Olympia-Teamchef Walter Johannsen aber salopp, sie würden für den Fall gewappnet sein, dass wir reagieren müssen“. Aus seiner Sicht mache es keinen Sinn, ständig Mutmaßungen anzustellen“. Die Experten sollen schön stillhalten, bis etwas passiert.
Das ZDF hingegen lässt von einem Mediziner Erklärstücke vorbereiten, damit die drei für Doping abgestellten Reporter vor Ort kritisch recherchieren können. Ein ARD-Planer sagt dazu: Das ist bei uns nicht erwünscht. Wir sollen doch den Sport nicht kaputtmachen.“
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ASSOCIATED PRESS