Fernsehen

Viele Promis sind sich hierfür zu schade

Von Peer Schader

Charlotte Karlinder und Jürgen Milski präsentieren die neue Staffel

Charlotte Karlinder und Jürgen Milski präsentieren die neue Staffel

04. Februar 2007 Diesmal ist alles eine Nummer kleiner. Das Dorf ist wieder ein Haus, und statt komplizierter Regeln heißt es bloß: „150 Tage, zwölf Bewohner, 250.000 Euro.“ An diesem Montag geht „Big Brother“ bei RTL II in die siebte Runde. Die siebte schon! Erinnert sich überhaupt noch jemand an Kandidaten aus den zwei, drei letzten Staffeln? Irgendwann hatten die Zuschauer genug vom Rund-um-die-Uhr-Beobachtungsfernsehen, und vor einem Jahr machte der Sender „Big Brother – Das Dorf“ dicht, das eigentlich hätte unbegrenzt laufen sollen.

„Wir hätten vor dem Start von ,Das Dorf‘ eigentlich ein Jahr Pause machen müssen“, sagt Borris Brandt, Geschäftsführer des „Big Brother“-Produzenten Endemol. Aber weil die Ex-Aufregershow lange Zeit so gut lief, dass der Marktanteil von RTL II einen deutlichen Anschub bekam, dachte niemand daran, dass sich die Zuschauer auch einmal satt sehen könnten. Brandt sagt: „Wir haben versucht, aus ,Big Brother‘ ein Format zu machen, das zum Fernseh-Alltag gehört wie zum Beispiel eine Daily Soap. Aber die Sendung hat auf der ganzen Welt eher Event-Charakter.“

Erinnerung an die erste Staffel

Dahin will Endemol nun zurück. Alles soll ein bisschen an die erste Staffel erinnern, die für RTL II nach hitzigen Diskussionen, ob man Menschen einsperren und rund um die Uhr beobachten dürfe, einer der größten Erfolge in der Sendergeschichte wurde. Diesmal habe man bewusst auf „Exoten“ verzichtet, verrät Brandt: „Den bewusst gecasteten Vollproleten gibt es nicht mehr.“ Wenn man den wiederkehrenden Erfolg von Klassikern wie „Deutschland sucht den Superstar“ und „Popstars“ zugrunde legt, müsste eigentlich auch „Big Brother“ noch einmal funktionieren. Für Endemol ist das mindestens genauso wichtig wie für RTL II. Der Produktionsfirma mit Hauptsitz im niederländischen Hilversum fehlt selbst ein Anschub: Man hat das Gefühl, seit Jahren verließen sich die Macher bloß auf Klassiker wie „Wer wird Millionär?“ (RTL) und „Nur die Liebe zählt“ (Sat.1). Echte Innovationen sind selten geworden.

Das sieht Brandt freilich etwas anders: Rund zwanzig Piloten neuer TV-Formate entwickele Endemol derzeit im Jahr, dazu kämen dreißig internationale Piloten, die auch für den deutschen Markt interessant sind. Bloß seien die Sender beim Einkauf deutlich vorsichtiger geworden: „Dass John de Mol wie früher mit einem Koffer kommt, einen Zettel auspackt, erklärt, was er machen will, und alle begeistert sind – das gibt es nicht mehr“, sagt Brandt. Das liegt natürlich auch daran, dass Gründer de Mol, der in den 90ern für RTL Quotenhits wie „Traumhochzeit“ erfand, sein Unternehmen im Jahr 2000 an den spanischen Konzern Telefónica verkaufte, der unglaubliche fünf Milliarden zahlte, schnell feststellen musste, die Firma völlig überbewertet zu haben, und seitdem kein Geheimnis daraus macht, Endemol baldmöglichst wieder loswerden zu wollen. Seit wenigen Wochen ist de Mol nun wieder an Endemol beteiligt – und die Spekulationen über einen Verkauf seitens Telefónica werden immer abenteuerlicher. Silvio Berlusconis Mediaset habe Interesse, hieß es zuletzt, und Rupert Murdochs News Corp., die aber prompt dementierte.

Woran die deutsche TV-Branche derzeit krankt

An der Arbeit in Deutschland würde auch ein Eigentümerwechsel nicht viel ändern, sagt Brandt, weil man gute Arbeit leiste. Doch zuletzt hatten die Kölner kein allzu glückliches Händchen: Die RTL-II-Realitysoap „Projekt Chor“ floppte, Pro Sieben warf „Unsere Liebe“ aus dem Nachmittagsprogramm. Lediglich „Deal or no Deal“, in den USA ein Quotenbringer, hat bei Sat.1 seinen Platz gefunden. 2007 soll das Portfolio deutlich erweitert werden, erstmals seit Jahren werden wieder TV-Serien produziert, und seit der Fernsehfilm „Mr. Nanny – Ein Mann für Mama“ mit Ex-„Traumhochzeit“-Moderatorin Linda de Mol im Dezember fürs ZDF gute Quoten holte, ist der Draht nach Mainz ganz gut. Im Frühjahr macht Brandt den ZDF-„Grand Prix der Chöre“ und versucht sich an einer Wiederkehr der klassischen Nachmittagstalks, ohne daß es dafür bereits einen festen Abnehmer gibt. Für Sat.1 hat Endemol gerade „Was denkt Deutschland“ entwickelt. „Es hat lange gedauert, bis man uns die Chance gab, auch mal Comedy zu machen“, sagt Brandt.

Der 46-jährige Geschäftsführer erklärt, woran die deutsche TV-Branche derzeit krankt: Weil US-Serien gut funktionieren, stopfen die Sender ihre Programmplätze damit zu – bis die Zuschauer auch davon genug haben und die Sender eiskalt erwischt werden, weil vorher wenig in Neues investiert wurde. Oft sei es wichtiger, den Marktanteil übers nächste Quartal zu retten, als Innovatives zu riskieren. Aus Sicht der Verantwortlichen könne er das nachvollziehen, sagt Brandt, der Ende der 90er für kurze Zeit Programmdirektor bei Pro Sieben war. Aber das blockiert eigene Erfolge. Konzepte ließen sich oft nur noch verkaufen, wenn man am anderen Tag in Produktion gehen könne – und das deutsche „Quengel-Jein“ nennt er den „größten Feind der Kreativität“.

„Big Brother“-Promiversion mit deutschen Stars?

Brandt glaubt dennoch an eine Besinnung: „Dieses Jahr wird ein Schlüsseljahr in der deutschen Fernsehbranche.“ Pro Sieben fahre mit seiner Mischung aus Bewährtem und Neuen trotz einiger Flops schließlich ähnlich gut wie Sender, die überhaupt kein Risiko eingingen – das ist ein Anfang. Im Ausland, zum Beispiel in Großbritannien, gehörten Innovationen trotz Risiko selbstverständlich dazu, weiß Brandt von seinen Kollegen. Gerade ist dort „Celebrity Big Brother“ zu Ende gegangen, das wegen Beleidigungen gegen eine indische Kandidatin auch hierzulande für Diskussionen sorgte.

Eine „Big Brother“-Promiversion mit deutschen Stars würde Brandt trotzdem gerne machen. „Viele interessante Promis sind sich aber zu schade dafür. Dabei ist ,Big Brother‘ doch nicht mehr als die ehrlichere Homestory, weil man die Personen so kennen lernt, wie sie wirklich sind.“ Manchmal aber lernt man sie leider auch besser kennen, als man das vorher gewollt hätte – immer montags bis freitags bei RTL II.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

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