Von Michael Hanfeld
17. September 2007 Erst einmal kommt nicht Anne Will. Es kommt Edgar. Edgar ist der Redaktionsassistent. Gestern war er noch bei Florian Silbereisen und bei der Volksmusik, heute ist er bei Anne Will und beim politischen Talk der ARD. Er erklärt uns, was wir zu tun haben: Anne Will tatkräftig unterstützen nämlich, vor allem durch freundlichen Applaus an der richtigen Stelle. Machen Sie der Anne Will einfach eine schöne Sendung, sagt er, denn schließlich solle die ja Erfolg haben, wie auch immer.
So ist Fernsehen, so ist das Talk-Gewerbe. Der Erfolg hängt von der Moderatorin ab, von den Gästen und, in der Tat, vom Publikum. Von dem im Studio, das sich ein wenig frenetisch gebärden soll und natürlich von dem vor dem Fernsehbildschirm - das wird am nächsten Morgen gnadenlos bemessen nach der Quote. Anne Will aber vermittelt an diesem Abend den Eindruck, dass sie das nicht weiter belastet. Ich fühle mich super, sagt sie, als sie ihr Publikum im Studio vor der Show begrüßt. Die Sendung soll gelingen, sie muss gelingen und sie wird gelingen, sagt Anne Will. Ich komme dann noch einmal. Dann legen wir los und Sie sind bei mir. Wir applaudieren.
Es beginnt mit einer Überraschung
Das Klatschen zum eigentlichen Beginn der Sendung funktioniert sogar richtig gut, obwohl hier rund hundert Medienprofis im Studio D in Adlershof sitzen, denen jungfräuliches Staunen über dieses Medium fremd ist.
Und dann beginnt es tatsächlich mit einer Überraschung. Bei Anne Will sitzen zwar die üblichen Verdächtigen, etwa die Ministerpräsidenten Kurt Beck und Jürgen Rüttgers, doch das erste Wort hat eine Frau, die jeden Tag 130 Kilometer zur Arbeit fährt und fünf Euro brutto die Stunde verdient. Kerstin Weser arbeitet in einem Call-Center. Sie mag Arbeiten und sie mag ihren Job, doch er reicht nicht zum Leben. Tausend Euro brutto im Monat sind 810 Euro netto, sind zuwenig, um das Auto reparieren zu lassen, mit dem Kerstin Weser jeden Tag zur Arbeit fährt. Sie braucht zusätzliche staatliche Hilfe. Und die zu beantragen ist entwürdigend und demütigend. Sie arbeitet, aber sie kann nicht davon leben. Sie muss sich immer wieder offenbaren, keinen Euro kann sie ansparen, ihre Eltern müssen ihr unter die Arme greifen.
Ein paar Minuten ohne Phrasen
Die Geschichte von Kerstin Weser verfehlt ihre Wirkung nicht. Sie hat als Stilmittel etwas von dem, was Frank Plasberg in seiner Talkshow Hart aber fair einsetzt. So bestimmt man die Dinge bei ihrem Nennwert, holt die Realität ins Studio und verhagelt den Phrasendreschern die Ernte. Weder Rüttgers noch Beck und auch nicht der Telekom-Vorstandsvorsitzende René Obermann kommen an Kerstin Wesers Schilderungen vorbei, die evangelische Bischöfin Margot Käßmann auch nicht, will und muss sie auch gar nicht, denn das Thema Arbeit und Würde des Menschen ist ihres. Anne Wills Konzept Politik zu erden, von dem später der NDR-Programmdirektor Volker Herres sprechen wird, geht tatsächlich auf, zumindest für ein paar Minuten.
Doch es dauert auch nicht lange, bis Beck und Rüttgers zum parteipolitischen Sparring bitten. Kurt Beck hat sich für diesen Abend offenbar etwas ganz besonderes vorgenommen: Er will zeigen, wo bei der SPD der Hammer hängt, nämlich bei ihm. Also trommelt er fleißig auf Rüttgers ein, der erst einmal nicht dazu kommt, an seinem Profil als erster Sozialdemokrat der Union zu feilen. Wären wir beim Fußball, würden die Statistiker sagen: Ballbesitz Beck 78 Prozent. Allerdings schießt er keine Tore, Rüttgers kommt zurück und irgendwann geht Becks aufgesetzte Entrüstung zum Thema Hartz IV, der Kritik an der Agenda 2010 und dem großen, bösen, schwarzen Koalitionspartner auch dem Publikum im Studio auf den Wecker. Ein kollektives Stöhnen geht durch die Reihen, als Beck zum dritten oder vierten Mal den Zampano spielt und erzählt, dass Rüttgers und die Union und deren Haltung in der Großen Koalition mit einer konstruktiven Haltung zum Thema Mindestlohn so viel zu tun hätten wie eine Kuh mit der Strahlenforschung. Für solche gelungenen Sprachbilder ist der rheinland-pfälzische Ministerpräsident bundesweit bekannt. Während dessen nuschelt Rüttgers minutenlang in seinen nicht vorhandenen Bart, was er für die Kindergartenkinder in Nordrhein-Westfalen tun will. Darüber soll man keine Witze machen - über den Auftritt der beiden allerdings schon.
Schon wieder Weltuntergang
Das haltlose Tauziehen spielt sich so nach einer halben bis dreiviertel Stunde ab, als wir beginnen, auf die Uhr zu sehen. Wie, noch so früh? Wir haben zu diesem Zeitpunkt beinahe vergessen, dass dies die erste Sendung von Anne Will ist, ja dass es überhaupt eine Moderatorin gibt. Sie habe die Debatte laufen lassen, wo man sie laufen lassen musste und nachgehakt, wo es nachzuhaken galt, sagt später der mächtige Programmdirektor des Ersten, Günther Struve. Uns ist das etwas anders vorgekommen: Anne Will hat nachgehakt, wo es schon keine Punkte mehr zu verteilen gab und laufen lassen hat sie die beiden Rumpelstilzchen zu ihre Linken und Rechten um einiges zu lange. Und noch ein Eindruck stellt sich ein: Wir sind plötzlich wieder mitten in dem Weltuntergangsszenario, das Sabine Christiansen gefühlte neunhundertneunundneunzig Mal beschworen hat. Es fehlt nur der obligatorisch ahnungslos-arrogante Unternehmensberater und der beseelt-wissend in sich hinein lächelnde Friseur (ein solcher wird glücklicherweise auch nicht im Abspann erwähnt) - und wir wären wieder da, wo wir nie wieder hinwollten.
Es ist an René Obermann, dem Souveränsten in der Runde, angesichts des Themas der Sendung Rendite statt Respekt: Wenn Arbeit ihren Wert verliert, darauf hinzuweisen, dass es in diesem Land vor zwei Jahren nach fünf Millionen Arbeitlose gab und dass es jetzt 3,8 Millionen sind. Immer noch viel zu viele, aber immerhin kein Zeichen, dass alles, aber auch wirklich alles immer schlechter wird. Das nämlich konnte man nach den ersten dreißig Minuten bei Anne Will denken.
Soziale Gerechtigkeit geht immer
War das nun eine gute Sendung? Das lässt sich, wenn man im vom Scheinwerferlicht aufgeheizten Studio sitzt, gar nicht so leicht sagen. Die versammelten ARD-Hierarchen sind natürlich ostentativ zufrieden, wir werden sehen, wie lange das hält. Aber hätte Anne Will zu dem lang erwarteten, beinahe mythisch überhöhten Auftakt ihrer Sendung nicht ein spannenderes Thema finden können? Die Außenpolitik zum Beispiel - die Bundeswehr in Afghanistan, die Terrorgefahr in Deutschland. War vielleicht schon abgenudelt und eine Debatte über soziale Gerechtigkeit geht bei uns ja immer, da macht man nichts falsch. Wobei unser persönlicher Favorit schon ein heißes Eisen gewesen wäre: Der Spruch des Bundesverfassungsgerichts zu ARD, ZDF und den Rundfunkgebühren. Was könnte man sich da für Kritiker ins Studio laden, dazu ein paar GEZ-geschädigte Bürger und - die Post ginge ab. So etwas aber läuft in der ARD wahrscheinlich gar nicht.
Nach der Sendung bekommt Anne Will vom Chefredakteur des Norddeutschen Rundfunks, Andreas Cichowicz, einen Strauss Sonnenblumen in die Hand gedrückt. Ob das eine Anspielung auf ihr sonniges Gemüt ist? Anne Will ist gelöst, sie war nicht nervös und nervös zu sein gefällt ihr auch nicht. Ich bin sehr zufrieden mit dem Start, sagt sie. Besonders der Einstieg habe ihr gefallen, mit ihrem Sofa-Gast (so heißen bei Anne Will die Gäste, die nicht oben auf der Bühne im Rund, sondern auf zwei kleinen Couches gegenüber Platz nehmen), Kerstin Weser. Das Gespräch sei von einer tiefen Nachdenklichkeit gewesen. Und sie habe sich einfach gefreut, dass es jetzt mit ihrer Sendung endlich losging. Darüber darf nicht nur Anne Will sich freuen. Am Rest kann man ja noch arbeiten, vielleicht ohne Beck und Rüttgers.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: REUTERS
