Von Gina Thomas, London
07. Juli 2008 Am 16. Juni 1953 aß der BBC-Korrespondent Charles Wheeler in Berlin in einem Straßenrestaurant zu Mittag, als ein Bekannter aus der Militärregierung vorbeifuhr und ihm sagte, er müsse eigentlich in Ost-Berlin sein. Wheeler setzte sich sofort ins Auto und stieß nahe dem Bahnhof Friedrichstraße auf den anschwellenden Protestzug der Bauarbeiter, die zum Regierungssitz in der Leipziger Straße marschierten. Am nächsten Tag erlebte er, wie die sowjetischen Panzer anrückten, um die Volkserhebung niederzuschlagen.
Wheeler stand im Laufe seiner langen Karriere immer wieder mitten im Weltgeschehen und wurde im Alter selber oft als Zeitzeuge befragt. Im Oktober 1956 reiste er per Anhalter unter anderem auf einem Kohlenlastwagen und verbotenerweise mit der einzigen Tonkamera der Panorama-Sendung nach Ungarn ein und beobachtete das Scheitern des Aufstandes, er war zur Stelle, als der Mauerflüchtling Peter Fechter im August 1962 im Todestreifen elend verblutete und nahm dank eines anonymen Hinweises an dessen Bestattung in Weißensee teil.
Wheelers Sternstunden
Aus einer Telefonzelle auf der Central Avenue berichtete er 1965 über die Rassenunruhen in Los Angeles, er entwirrte die Fäden des Watergate-Skandals, seine eindringlichen Reportagen über Saddam Husseins Verfolgung der Kurden nach dem ersten Golf-Krieg veranlassten Premierminister John Major, auf die Einrichtung von Schutzzonen zu dringen. Zu Wheelers Sternstunden zählte 1972 der Bericht am Vorabend von Richard Nixons Wiederwahl als Präsidentschaftskandidat beim Parteitag der Republikaner in Miami. Dem BBC-Korrespondenten war ein Exemplar des von den Republikanern bis zum spontanen Beifall geplanten Ablaufes in die Hand gekommen. In Wheelers lakonischer Darbietung geriet der Vorausbericht zu einer Art satirischem Sketch über das amerikanische politische System, von dem er einmal sagte, es produziere schreckliche Menschen.
Charles Wheeler war ein Jahr jünger als die 1922 gegründete BBC, die ihn 1946 als Rundfunkredakteur einstellte. Als ihr längstdienender Auslandskorrespondent verkörperte er den Reporter der alten Schule, der den Rätseln und Wendungen einer Sache folgte, um ihr auf den Grund zu gehen. In geschliffen klarer Sprache fasste er seine Befunde zusammen, ohne sich selber in Szene zu setzen. Wheeler blieb am liebsten aus dem Bild. Nicht zuletzt deswegen missrieten verschiedene Versuche, ihn als Moderator zu etablieren. Bei einem technischen Versagen saß er stumm vor der Kamera und trommelte mit den Fingern auf dem Tisch, statt die Zeit mit Worthülsen zu füllen. Phrasen waren ihm ein Greuel.
Furchtlos und integer
Die Mischung aus Bescheidenheit, Integrität, sturem Stöbern, furchtlosem Verstand und Einfühlungsvermögen verlieh seiner Berichterstattung ihre besondere Autorität und setzte Maßstäbe. Mitunter brachten ihn diese Eigenschaften allerdings auch in die Bredouille. Als er den Premierminister von Ceylon (jetzt Sri Lanka) zu Beginn der sechziger Jahre als unerfahrenen Exzentriker an der Spitze einer Regierung von kleinen Lichtern beschrieb, drohte das Land, aus dem Commonwealth auszutreten. Harold Macmillan musste sich einschalten, um die Wogen zu glätten. Die BBC hielt zu ihrem Korrespondenten.
Sensibilisiert gegen Unrecht und Ungerechtigkeit wurde Wheeler während seiner Kindheit in Hitlers Deutschland. Er wurde in Bremen geboren, wo sein Vater in der Schifffahrt tätig war, und wuchs in Hamburg auf. Später erinnerte er sich, wie er Juden, die sich im Wald versteckten, Brot brachte. Aufgrund seiner Deutschkenntnisse wurde er im Zweiten Weltkrieg als Marineoffizier zusammen mit dem Bond-Schöpfer Ian Fleming von jener Geheimdiensteinheit beschäftigt, die mit der Vorbereitung der Alliiertenlandung in der Normandie befasst war. Als die Nachricht von Hitlers Tod durchsickerte, nahm er es auf sich, armselige deutsche Gefangene, die im strömenden Regen saßen, zu unterrichten. Wheeler erzählte, wie nach vier oder fünf Sekunden einer von ihnen zu klatschen begonnen habe und der Beifall dann immer mehr anschwoll.
Empathischer Journalismus
Wheeler stand für die traditionellen Werte der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt ein, wie sie ihr Gründer Lord Reith definiert hatte, und bedauerte die Boulevardisierung der BBC-Nachrichten. Bei aller Bemühung um Genauigkeit glaubte er allerdings nicht an den objektiven Journalismus. Die nüchterne Vortragsweise vermochte Zorn und Mitgefühl nicht immer zu verbergen. Der Altersgrenze entging dieser Journalist aus Leidenschaft, indem er als Freischaffender einfach für die BBC weitermachte. Charles Wheeler, übrigens Schwiegervater des neuen Londoner Bürgermeisters Boris Johnson, arbeitete bis kurz vor seinem Tod am vergangenen Freitag an einer Dokumentarsendung über den Dalai Lama. Über dessen Flucht aus Tibet hatte er bereits im Jahr 1959 als Südasien-Korrespondent berichtet. Der Rundfunkbeitrag wird in der kommenden Woche gesendet. Wheeler ist fünfundachtzig Jahre alt geworden.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP