Kritik an DSDS

„Verlogen und scheinheilig“

Von Stefan Niggemeier

02. Februar 2008 Als „verlogen und scheinheilig“ hat Wolf-Dieter Ring, der Vorsitzende der Kommission für Jugendmedienschutz (KJM), einen Auftritt von Dieter Bohlen in der RTL-Sendung „Deutschland sucht den Superstar“ bezeichnet. Als ein Siebzehnjähriger, der nach dem vernichtenden und in üblicher Schärfe gesprochenen Urteil der Jury zusammengebrochen war, hatte Bohlen dafür in der Sendung dessen Vater verantwortlich gemacht. Die Produktion hatte dem offensichtlich völlig ungeeigneten Kandidaten Hoffnung gemacht und eigens einen kleinen Portraitfilm mit ihm und seinem Vater gedreht, bevor sie ihn von der Jury zerreißen ließ (Siehe auch: FAZ.NET-Fernsehkritik: Deutschland sucht den Super-Narren).

Organisationen wie der nordrhein-westfälische Kinderschutzbund und der Deutsche Kulturrat haben RTL jetzt für Auswahl und Bloßstellung der Kandidaten kritisiert. Die KJM hat abermals ein Verfahren eingeleitet, um zu prüfen, ob die Show gegen den Jugendschutz verstößt. Im vergangenen Jahr bereits beanstandeten die Medienwächter mehrere Wiederholungen am Nachmittag, weil Kinder unter zwölf Jahren durch die Sendung beeinträchtigt werden könnten. Sie führe vor, „wie Menschen herabgesetzt, verspottet und lächerlich gemacht werden“. Ring gab sich nun gegenüber der Agentur epd „schwer verärgert“, dass RTL keine Konsequenzen aus diesen Beanstandungen gezogen habe, und drohte mit einem Bußgeld.

Unfähige und teilweise debil wirkende Kandidaten

Rings Äußerungen sind zumindest scheinheilig. Unmittelbar nach der Beanstandung hatte der Sender in einer Pressemitteilung deutlich gemacht, wie gleichgültig ihm dessen Urteil ist. RTL betonte, dass es keine Beanstandung der Ausstrahlung um 20.15 Uhr gab, und nahm das als Beleg, dass „einige der jetzt diskutierten Fragen wohl eher Geschmackssache und weniger ein nachhaltiges Problem des Jugendschutzes“ seien, wie Unterhaltungschef Tom Sänger damals erklärte. Konsequenzen aus den Beanstandungen hat der Sender durchaus gezogen: Als Dieter Bohlen einen jungen, ebenfalls gescheiterten Kandidaten mehrmals als „Vollschwuchtel“ bezeichnete, wurde das Wort in der Nachmittagswiederholung überpiept.

Dass der Sender am erfolgreichen Konzept der Sendung, das in den ersten Folgen fast ausschließlich darauf beruht, tatsächlich unfähige und teilweise ernsthaft debil wirkende Kandidaten mit der größtmöglichen Brutalität bloßzustellen, grundsätzlich etwas ändern würde, war nicht zu erwarten. Tom Sänger hatte schon vor einem Jahr das Rennen um die größte Scheinheiligkeit mit dem Satz eröffnet: „Wir sind sehr darauf bedacht, die Akteure nicht zu beschädigen.“



Text: F.A.Z., 02.02.2008, Nr. 28 / Seite 39
Bildmaterial: dpa

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