Die Finanzen von ARD und ZDF

Wo Milch und Honig fließen

Von Michael Hanfeld

Gute Laune, gigantische Zahlen: Kurt Beck nimmt den Finanzbericht über ARD und ZDF vom Prüfungsvorsitzenden Heinz Fischer-Heidlberger entgegen.

Gute Laune, gigantische Zahlen: Kurt Beck nimmt den Finanzbericht über ARD und ZDF vom Prüfungsvorsitzenden Heinz Fischer-Heidlberger entgegen.

05. Februar 2010 Alle Jahre wieder ist uns ein einmaliger Blick in das Innenleben von ARD und ZDF vergönnt. Stets dann, wenn die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs, kurz Kef, ihr Datenkonvolut vorlegt, das die Finanzen der öffentlich-rechtlichen Sender kreuz und quer vermisst. Seit ein paar Tagen liegt der nunmehr siebzehnte Kef-Bericht vor, 330 Seiten plus Anlagen ist er dick und vermittelt vor allem eines: Die Rede vom verarmenden öffentlich-rechtlichen Rundfunk ist eine Mär. Es geht den Sendern so gut wie je, die Krise spüren sie kaum, nur insofern, als die erwarteten Mehreinnahmen in der sogenannten „Gebührenperiode“ bis ins Jahr 2012 ausfallen. Darben müssen die Sender deshalb noch lange nicht, sie sind vielmehr in der Lage, dreistellige Millionenbeträge umzuschichten. Die gehen vorzugsweise in die neuen digitalen Kanäle und - ins Internet. Sparen sieht anders aus.

Die Zahlen sprechen für sich: Rund 6,1 Milliarden Euro nahm die ARD im vergangenen Jahr ein, und bei dieser Summe wird es ungefähr bleiben, mit einer leichten Schwankung zwischen 6,25 Milliarden Euro in diesem und dann wieder rund 6,12 Milliarden Euro im Jahr 2012. Ähnlich verhält es sich beim ZDF, das 2008 rund 1,94 Milliarden Euro vereinnahmte, in diesem Jahr auf 2,05 Milliarden Euro springt und 2012 mit 2,04 Milliarden Euro bei fast der exakt gleichen Summe landet. Die Einnahmen des Deutschlandradios steigern sich in diesem Zeitraum von 203,4 Millionen auf 205,4 Millionen Euro.

Produktionskosten von 3164 Euro pro Minute enstehen bei der Talkshow von Anne Will.

Produktionskosten von 3164 Euro pro Minute enstehen bei der Talkshow von Anne Will.

Für dieses Geld produzieren die Sender reichlich Sendeminuten, 9,9 Millionen waren es im letzten Jahr, seit 2002 hat sich dieser Wert kaum verändert. Deutlich angestiegen aber ist das Online-Angebot der Sender. Das sei, so schreiben die Finanzprüfer der Kef, „der Bereich, in dem ein Ausbau des Angebots stattfindet“. Die Zahlen belegen es eindrucksvoll: So stockt das ZDF seine Mittel für die drei neuen Digitalkanäle um glatte 184 Millionen Euro auf - der Aufwand für die Kanäle verdreifacht sich. Den Löwenanteil steckt das ZDF in das neue Unterhaltungsprogramm ZDFneo, das zwar ohne Nachrichten auskommt, aber binnen vier Jahren 93,6 Millionen Euro kosten darf, das Vorgängerprogramm „ZDFDokukanal“ schlug nur mit 4,9 Millionen Euro pro Jahr zu Buche. „Die Kommission“, heißt es im Finanzbericht lapidar, „nimmt die Etatkorrekturen in dieser ungewöhnlichen Höhe zur Kenntnis und wird die Entwicklung weiterhin prüfen und darstellen.“

Ein Versprechen erweist sich als Schall und Rauch

Zu prüfen und darzustellen gibt es auch das neue, aufs Internet geeichte Programm „DRadio Wissen“ des Deutschlandradios - dafür werden bis 2012 exakt 26,2 Millionen Euro ausgegeben. Den dicksten Batzen aber legen die Sender für die „Telemedien“ neu an: 284,8 Millionen Euro steckten sie in den Jahren 2005 bis 2008 in ihre Online-Auftritte, vom vergangenen Jahr bis 2001 wird sich die Summe mehr als verdoppeln auf rund 611 Millionen Euro. Da fällt für jeden etwas ab, für die Seite „sportschau.de“ zum Beispiel 1,75 Millionen Euro pro Jahr, für „boerseard.de“ 1,48 Millionen Euro, beim Kinderkanal Kika geben sie für „Kikaninchen“ 500 000 Euro aus.

Ob dieser Summen erscheint es selbstverständlich, dass sich die sogenannte „Selbstbindung“ der Sender bei den Online-Ausgaben - es sollten bis 2008 nicht mehr als 0,75 Prozent des Gesamtaufwands sein, so war es der Politik versprochen - als Schall und Rauch erweist. Die Ausgaben lagen schon 2007 und 2008 darüber, bei der ARD lag die Quote 2008 bei 0,97, beim Deutschlandradio bei 0,9, beim ZDF bei 1,16 Prozent. Seit dem vergangenen Jahr müssen sich die Sender - den Ministerpräsidenten sei Dank - an gar keine Quote mehr halten. Strafe für ihre zeitweilige Überziehung müssen sie nicht fürchten.

Beim Personal sind die Sender auch nicht knauserig. Zahlte die ARD in den Jahren 2004 bis 2008 - also binnen fünf Jahren - insgesamt rund 5,63 Milliarden Euro aus, werden es in den vier Jahren von 2009 bis 2012 satte 5,99 Milliarden Euro sein. Beim ZDF bleibt die entsprechende Summe, berechnet auf die Jahre 2009 bis 2012, mit 1,08 Milliarden Euro etwa auf dem Niveau des Fünfjahreszeitraums zuvor, da waren es läppische sieben Millionen Euro (bei allerdings einem Jahr) weniger. Beim Deutschlandradio wird zugelangt: Die Personalkosten zwischen 2004 und 2008 betrugen rund 194 Millionen Euro, 2009 bis 2012 stehen sie mit 220 Millionen Euro in den Büchern. Die Steigerung lässt sich erklären: Für DRadio Wissen sind 28 neue Planstellen geschaffen worden.

Unser Rundfunk ist der teuerste weltweit

Angesichts dieser Summen, zu denen man sagen muss, dass die Honorare für freie Mitarbeiter nicht einberechnet sind, ist es erstaunlich, wie wenig die Finanzprüfer zu monieren haben. Die ARD habe nur das „Ziel“ von Einsparungen in Höhe von fünfzig Millionen Euro angegeben, was rechnerisch rund dreihundert Stellen bedeute, das ZDF wolle 18 Millionen einsparen. Was die Zahl der Planstellen angeht, ist die ARD 2012 mit 21 046 Stellen fast so gut dabei wie im vergangenen Jahr mit 21 204 Stellen, die Planstellenbilanz des ZDF verzeichnet für 2012 genau 3396 Stellen, für das vergangene Jahr 3516, 2009 waren es beim Deutschlandradio 728, 2012 sollen es 723 Stellen sein. Die Altersversorgung der Sender kann sich ebenfalls sehen lassen, bei der ARD beläuft sie sich zwischen 2009 und 2012 auf rund 1,99 Milliarden, beim ZDF auf 297 Millionen, beim Deutschlandradio auf siebzig Millionen Euro.

Der Regieraum des neuen digitalen ZDF-Nachrichtenstudios auf dem Mainzer Lerchenberg.

Der Regieraum des neuen digitalen ZDF-Nachrichtenstudios auf dem Mainzer Lerchenberg.

Ein klammer öffentlich-rechtlicher Rundfunk sieht anders aus, der deutsche öffentlich-rechtliche Rundfunk hält sich weiterhin als der teuerste und reichste weltweit. Dabei nehmen die Sender sogar bis 2012 noch 310 Millionen Euro weniger ein, als sie gehofft hatten - das sind die „Mindereinnahmen“, von denen die Sendergewaltigen gern sprechen. Echte „Mindereinnahmen“, als Rückgänge, sind es natürlich nicht, es ist ein Abzug von dem, was an Mehreinnahmen durch die letzte Rundfunkgebührenerhöhung hereinkommen sollte. Zweihundert Millionen jedoch, meinen die Kef-Prüfer, seien bei den Gebührenzahlern sehr wohl noch zusätzlich einzutreiben.

„Anne Will“ kostet 3164 Euro pro Minute

Denn nicht nur die explodierenden Online-Auftritte, selbst das gute alte Fernsehen ist teuer, wie man an den Minutenpreisen einiger Sendungen (aus dem Jahr 2008) ablesen kann, die sich im Kef-Bericht finden: Die Talkshow von Anne Will kostete demnach 3164 Euro pro Minute, die von Frank Plasberg 2908 Euro, Reinhold Beckmann war mit 2225 Euro pro Minute fast schon ein Billigheimer, wäre da nicht das ZDF, bei dem Johannes B. Kerner zu seinen öffentlich-rechtlichen Zeiten mit 2002 Euro pro Minute hinkam, für Maybrit Illners Talkshow schlugen alle sechzig Sekunden 1893 Euro Kosten auf. Das unterbot nur noch Sandra Maischberger mit einem Minutenpreis von 1552 Euro. Das teuerste Politmagazin - bemessen nach dem Jahr 2006 - ist derweil „Monitor“ vom WDR mit einem Minutenpreis von 5009 Euro, „Frontal 21“ kam mit Kosten von 3377 Euro pro Minute hin, das MDR-Magazin „Fakt“ mit 3284 Euro.

Welche Rolle ARD und ZDF über ihren Sendebetrieb und das Ausgreifen ins Internet hinaus mit ihren Gebühren spielen, verdeutlicht noch eine andere Zahl aus dem Rechnungswerk der Kef: Sie halten insgesamt 147 Beteiligungen, vor allem an Produktions- und Dienstleistungsfirmen. Überblicken können das große Reich von ARD und ZDF (Arte haben wir einmal außen vor gelassen) wohl nur noch die fleißigen Rechnungsprüfer der Kef, die sich in ihrem Bericht zwar die eine oder andere kritische Bemerkung erlauben, wichtige Posten wie das neue Radio Wissen aber durchwinken und umstrittene Posten - Stichwort Online - „kritisch“ beobachten.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp, dpa

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