David Montgomery im Gespräch

„Die Süddeutsche Zeitung passt zu uns“

„Die Zeitung allein trägt nicht mehr”

„Die Zeitung allein trägt nicht mehr”

26. November 2007 Seit David Montgomery mit seinem Konzern Mecom im Jahr 2005 die „Berliner Zeitung“ gekauft hat, ist der 59 Jahre alte harte Sanierer zu einem der umstrittensten Zeitungsverleger im Land geworden. Im F.A.Z.-Interview unterstreicht er sein Interesse an der zum Verkauf stehenden „Süddeutschen Zeitung“ in München.

Herr Montgomery, kein Verleger in Deutschland wird angefeindet wie Sie. Was ist da schiefgelaufen?

Die Leute hier haben meinen Namen gegoogelt und 15 Jahre alte, tendenziöse Geschichten darüber gefunden, wie ich die Zeitungsgruppe „Mirror“ in Großbritannien restrukturiert habe. Dieses verzerrte Bild wurde ungeprüft übernommen. Dabei war der „Mirror“ damals fast pleite und ist nicht mit der „Berliner Zeitung“ vergleichbar. Wir haben heute ganz andere Herausforderungen.

Berlin ist kein Notfall?

Nein, natürlich nicht. Aber die Zeitungsbranche muss sich transformieren, das ist unbestreitbar, und dabei ist durchaus Eile geboten. Die Zeitungsleser werden älter, die jüngeren greifen immer weniger zur Zeitung. Wir müssen reagieren.

Leute, die mit Ihnen zusammengearbeitet haben, sagen, Sie könnten Ihre Ideen leichter durchsetzen, wenn Sie nicht immer mit dem Kopf durch die Wand wollten. Warum sind Sie ein Hardliner?

Diese Bezeichnung passt gar nicht. Mir ist klar, dass wir diese Transformation unseres Geschäfts nur hinbekommen, wenn die Mitarbeiter mitziehen. Ohne deren Einsatz und Kreativität geht es nicht.

Bei Ihrer „Berliner Zeitung“ droht aber Streit mit der Belegschaft, die Kreativität abzuwürgen.

Es gibt Mitarbeiter, die sich gegen Veränderungen sperren. Die melden sich lauter zu Wort und bekommen mehr Gehör als andere. Aber die überwältigende Mehrheit der Belegschaft sieht das anders und zieht mit.

Warum ist dann die verkaufte Auflage der „Berliner Zeitung“ in den vergangenen zwei Jahren weiter gefallen?

Die „Berliner Zeitung“ verzeichnete zuletzt einen minimalen Rückgang. Das ist eine ordentliche Entwicklung, verglichen mit der Vergangenheit und dem Gesamtmarktumfeld. Aber insgesamt bestätigt die Auflagenentwicklung - bei uns, bei unseren Wettbewerbern, in Berlin und darüber hinaus - natürlich unsere Grundthese, dass sich die Zeitungsbranche transformieren muss.

Können Sie nachvollziehen, dass sich Mitarbeiter Sorgen um die journalistische Unabhängigkeit machen, weil ihr Geschäftsführer Josef Depenbrock zugleich Chefredakteur ist?

Nein. Bei den fundamentalen Veränderungen, vor denen die Zeitungsbranche steht, ist es sehr wichtig, dass in der Geschäftsleitung Spezialisten für Inhalte sitzen. Niemand hat mir bisher Beispiele dafür genannt, dass die inhaltliche Qualität unserer Zeitungen unter Josef Depenbrock gelitten hätte. Er weiß genau, dass es bemerkt würde, wenn er versuchen würde durch Gefälligkeitsjournalismus mehr Anzeigen zu bekommen. Das würde sofort Schlagzeilen machen, und diese Kontrolle garantiert die journalistische Unabhängigkeit.

Sie selbst hatten angekündigt, dass Redaktion und Anzeigenabteilung enger zusammenzurücken. Was heißt das?

In den Redaktionen wurde lange die wirtschaftliche Realität verleugnet. Das war völlig in Ordnung, solange das Zeitungsgeschäft faktisch noch eine Lizenz zum Gelddrucken war. Diese Zeit ist längst vorbei, und das können wir nicht ignorieren.

Angeblich verstößt die Doppelfunktion Depenbrocks gegen das von Ihnen selbst unterschriebene Redaktionsstatut.

Nein, das stimmt nicht.

Was meinen Sie damit, wenn Sie sagen, die Journalisten müssten ihr Geld selbst verdienen?

Meine Kinder nutzen fünf verschiedene Medien in einer Stunde - Online, Fernsehen, DVDs und so weiter. Journalisten müssen deshalb erkennen, dass ihre Inhalte über viele Wege vermarktet werden müssen. Die Zeitung allein trägt nicht mehr.

Welche Rendite wollen Sie in Deutschland erzielen?

Es gibt da keine Obergrenze, aber es hängt stark davon, ab, ob es uns gelingt, zusätzlichen Umsatz zu schaffen. Deshalb haben wir zum Beispiel im Online-Bereich die Netzeitung gekauft. Sie ist der Motor unserer Internetaktivitäten. In anderen Ländern wächst unser Internetgeschäft sehr schnell, und das ist auch hier möglich.

Verdienen Sie im Internet Geld?

Ja, und auch die Netzeitung entwickelt sich deutlich besser, als wir erwartet hatten. Sie wird nächstes Jahr einen Gewinn ausweisen.

Im ersten Halbjahr ist der Mecom-Umsatz stärker als der Gewinn gestiegen. Sie leben also vom Kostenkürzen. Ist das ein dauerhaftes Geschäftsmodell?

Wir bemühen uns sehr, den Umsatz zu steigern, aber natürlich müssen wir effizient arbeiten. Bis Jahresende werden etwa 800 unserer 8.000 Mitarbeiter in Europa das Unternehmen verlassen haben. Betroffen sind überwiegend Stellen in der Verwaltung.

Sind in Deutschland weitere Stellen bedroht?

Wir werden eine einheitliche Nachrichtenzentrale schaffen, die Zeitung und Online-Portal bedient. Wir wollen uns damit weiterentwickeln. Es geht nicht darum, Kosten zu kürzen. Niemand kann Arbeitsplätze langfristig garantieren, denn der Markt ist in Bewegung. Aber zurzeit planen wir keinen Stellenabbau.

Deutsche Verleger investieren enorm ins Internet. Sie dagegen geben Milliarden für Zeitungen aus. Warum?

Weil wir ihnen ein neues Leben geben wollen. Wir sind überzeugt, dass Zeitungen aus ihren Inhalten, ihrer Marke und ihrer Leserschaft wirtschaftlich viel mehr machen können, als das heute geschieht. Das ist unsere Geschäftsidee.

Ihr schlechtes Image in Deutschland ist offenbar ein Nachteil in Ihrem Werben um die „Süddeutsche Zeitung“, die Sie kaufen wollen.

Das Negativimage wird von den Medien gezeichnet. Geschäftsleute machen ihre Entscheidungen nicht von einseitigen Medienberichten abhängig.

Sie haben also weiter Interesse an der „Süddeutschen“?

Wir schauen uns alle verfügbaren Unternehmen im deutschen Markt an, die zu uns passen. Und die „Süddeutsche Zeitung“ passt zu uns. Mehr will ich dazu nicht sagen. Es ist Stillschweigen vereinbart.

Der britische Pearson-Konzern will seine Hälfte an der „Financial Times Deutschland“ verkaufen. Vielleicht an Sie?

Wir haben uns damit bisher nicht befasst, weil die Situation unklar ist. Die Zeitung hat bekanntlich mit Pearson und Bertelsmann zwei Eigentümer, und es ist offen, ob einer oder beide aussteigen wollen. Außerdem macht das Blatt, so viel ich weiß, Verlust, und man fragt sich, warum der Gesellschafter wohl verkaufen will.

Ist der deutsche Markt reif für eine kostenlose Tageszeitung?

Bisher gibt es keine. Die Deutschen bevorzugen Blätter mit hoher Qualität, denen sie vertrauen. Deshalb bin ich mir nicht sicher, ob Gratisblätter, die sich nur über Anzeigen finanzieren, hier Fuß fassen können.

Sie wollen also nicht als Partner der Deutschen Post deren angekündigte Gratiszeitung produzieren?

Uns hat niemand gefragt, und ich halte es für eine merkwürdige Vorstellung, dass ein staatsnahes Unternehmen wie die Post eine Zeitung herausbringen will. Das klingt für mich wie aus einer Zeit, von der ich dachte, dass sie vorbei sei.

Das Gespräch führte Marcus Theurer.



Text: F.A.Z., 26.11.2007, Nr. 275 / Seite 14
Bildmaterial: Christian Thiel

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