„Germany's Next Topmodel“

Liebe auf den zweiten Blick

Von Peer Schader

08. Mai 2008 Das hätte natürlich genauso gut mächtig schief gehen können. Gleich in der ersten Sendung stand diese junge Frau vor der Kamera, mit viel zu langen, viel zu blonden Haaren im viel zu knappen Kleidchen. Sie hat das Kamerateam zu sich nachhause gelassen, sich ein bisschen auf dem Bett geräkelt und mit ihrer rauen Stimme, die immer knapp an der Heiserkeit entlang schrammt, gesagt: „Ich bin halt mein eigener Mensch, ich mach mein eigenes Ding.“

Die anderen Mädchen haben natürlich komisch geschaut: Was will die denn hier? Eine, die zu tief in den Schminkkoffer greift, zu oft ins Solarium geht und sich eher für den Pin-Up-Kalender eines Auto-Tuning-Magazins eignen würde als für den Laufsteg. Eine, die sich bisher auf merkwürdigen Misswahlen herumgetrieben hat und schon „Miss Schweinfurt“, „Miss Darmstadt“ und „Miss Internet“ war. Die kann doch unmöglich „Germany's Next Topmodel“ werden. Ist sie ja auch nicht. Was für ein Glück für Gina-Lisa Lohfink. Jetzt ist die 21-Jährige was viel Besseres: Deutschlands neuer Babbel-Darling, eine Frau, die zu ihrer großen Klappe steht, bei jeder Gelegenheit betont, dass sie sich von nichts und von niemandem verbiegen lassen wird, ein bisschen naiv vielleicht, aber doch grundsympathisch. Sozusagen die kleine Schwester von Mark Medlock.

Eine echte Type

Schon früh müssen sie bei Pro Sieben gemerkt haben, dass diese Gina-Lisa etwas Besonderes ist - sicher nicht das Model, das zum Schluss in der vorausgeplanten Vermarktungsstrategie aufgehen wird, aber doch wertvoll wie keine ihrer Konkurrentinnen: eine echte Type, der man nicht mühsam ein Image andichten muss und den breiten hessischen Dialekt nicht verbieten kann.

Gina-Lisa hat durch Zufall alles mitgebracht, wonach die Branche verlangt. Und deshalb musste sie bei „Germany's Next Topmodel“ auch rechtzeitig gehen. Denn jetzt hat Gina-Lisa eine kleine Karriere und einen vollen Terminkalender. Am Dienstag saß sie bei Stefan Raab in „TV total“, am Mittwoch bei Johannes B. Kerner, heute startet bei Prosieben.de die Internet-Show „Gina-Lisas Welt“ und in ein paar Wochen kriegt die Offenbacherin im Boulevardmagazin „taff“ ihre eigene Rubrik, für die sie durch europäische Städte reisen darf. (In Istanbul hat sie schon mal jede Menge „schnuggelischer Kerlscher“ kennen gelernt.)

Als Pro Sieben vor drei Wochen in Berlin seine neue Serie „Unschuldig“ mit Alexandra Neldel vorstellte, sind die Fotografen völlig durchgedreht, als Gina-Lisa als Gast über den roten Teppich lief.

Was ist das Besondere an dieser Frau?

Vielleicht ja: ihre Direktheit, ihr etwas derber, simpler Humor, ein bisschen auch, dass ausgerechnet sie Werte vertritt, die im Fernsehen verloren gegangen sind. „Egal was kommt, ich geb' einfach nicht auf“, hat sie gesagt. Und bei „Germany's Next Topmodel“ ihre Mitbewerberin Sarah kennengelernt, von der sie sich seitdem kaum noch trennen kann.

Sarah Knappik aus Bochum, ebenfalls 21 Jahre, hat „so aus Spaß“ beim Casting mitgemacht und ebenso wenig in die Modelshow gepasst wie ihre neue Busen-Freundin, aber nicht, weil sie „als Kind so hässlich“ war, wie sie mal in die Kamera gestand, seit dem Teenager-Alter zig Kilo abgenommen hat und sich jetzt noch für ein klitzekleines Bäuchlein schämt - sondern weil sie mit alldem ebenso offen umgegangen ist, wie es sich manche „Topmodel“-Zuschauerin für sich wünschen würde.

„Wir sind uns immer treu geblieben“

Von Konkurrenz war zwischen diesen beiden jungen Frauen nichts zu spüren. Sie haben sich gegenseitig unterstützt, gedrückt, getröstet und herum gealbert wie auf der Schulfreizeit bis sie von der Jury ermahnt wurden. Sowas schweißt zusammen. Kein Wunder also, dass überall dort, wo Gina-Lisa auftaucht, Sarah nun nicht weit sein kann. Bei „TV total“ war sie dabei, bei „Kerner“ auch, und wenn man eine von beiden fragt, wie das denn alles gekommen ist, sagt garantiert eine: „Wir sind uns immer treu geblieben.“ Mit einundzwanzig.

„Zack, die Bohne“ lautet ihr Schlachtruf, von dem keine mehr so recht erklären kann, wo er eigentlich herkam, aber er ist zum Running Gag auf deutschen Pausenhöfen geworden, und bedeutet so viel wie: Wir schaffen das schon zusammen! Was war das deshalb für eine Tragödie, als Heidi Klum die beiden vor ein paar Wochen in der Show trennte.

Wenn Gina-Lisa gehen muss, gehe ich auch, weinte Sarah, und für Pro Sieben war das ein dramatisches Highlight, dessen endgültige Entscheidung sich quotengerecht über zwei Sendungen strecken ließ. Aber es hat sich ja gelohnt, für alle irgendwie: In ein paar Wochen dürfen die beiden Freundinnen als Backstage-Reporter bei der Viva-Preisverleihung „Comet“ zusammenarbeiten. „Schätzelein, das war Liebe auf den ersten Blick“, hat Gina-Lisa bei „TV total“ zu Sarah gesagt.

Selbst Raab hat Respekt

Und ausgerechnet Raab, der sich ein paar Wochen zuvor noch ständig über sie lustig gemacht hatte, war anzumerken, dass er seinem Gast inzwischen einen gewissen Respekt entgegenbringt, weil Gina-Lisa eine Schlagfertigkeit besitzt, die es ihr ermöglicht, Raab auch mal einen Gag voraus zu sein. „Der ist so süß, den nehmen wir mit nachhause“, witzelte sie zum Schluss über den Gastgeber.

Dass sie jetzt so beliebt beim Publikum ist, war aber wohl eher Liebe auf den zweiten Blick - und da hat Pro Sieben tatsächlich ganze Arbeit geleistet, weil der Sender Gina-Lisa, bei der im Grunde von Anfang an feststand, dass sie nicht „Topmodel“ werden würde, die Chance gab, in der Klum-Show zu zeigen, dass sie eben nicht der Proll ist, als der sie genauso gut hätte inszeniert werden können.

Welche Halbwertzeit diese Karriere hat, ist schwer zu sagen. Dass sie jetzt ständig in Talkshows sitzt und im Pro-Sieben-Programm präsent ist, muss ja nicht zwangsläufig Gutes heißen: So ist die Gefahr leider groß, dass die Zuschauer sie bald satt haben. Aber andererseits: Gülcan hat es ja auch geschafft - wobei der Vergleich vielleicht ein bisschen unfair gegenüber Gina-Lisa ist.

„Du hast ein unheimlich hübsches Gesicht, aber du schmierst dir soviel Schminke da rein, dass man dich gar nicht richtig sehen kann“, hat Heidi Klum sie im ersten „Topmodel“-Casting kritisiert, als sie vor der Jury stand wie ein zurechtgemachter Teenager, der sich die Farbe ins Gesicht schmiert, um so auszusehen wie eines seiner Idole aus der Modezeitschrift und dabei viel zu dick aufträgt.

Danach hat sie die Haare abgeschnitten bekommen, striktes Sonnenbankverbot und einen Make-Up-Berater. Die Röcke, die sie trägt, sind immer noch zu kurz. Aber ein bisschen besser sehen kann man sie jetzt schon.



Text: FAZ.NET
Bildmaterial: ProSieben/Gürcan Öztürk

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