Von Michael Hanfeld
26. Februar 2008 Und was wird aus mir? Den Satz haben wir von Heide Simonis noch im Ohr. Was wird aus mir? Das und nichts anderes hatte sie im Sinn, nachdem sie als Ministerpräsidentin von Schleswig-Holstein gescheitert war. Und das und nichts anderes sagte sie, als sie vor Jahr und Tag in der Talkshow von Reinhold Beckmann zu Gast war. Eine Offenbarung, unfreiwillig.
Wie sehr sie sich selbst und was sich seither alles gewandelt hat, das konnten wir am Montagabend sehen, als Heide Simonis wieder bei Beckmann saß. Es hat den Anschein, dass sie heute nüchtern und klar sieht, was sie damals noch nicht erkennen konnte: Was in Politik und Gesellschaft so alles läuft, vor allem was schiefläuft, und woran man nur wenig ändern kann. Sie wirkt ein wenig resigniert, aber ehrlich.
Die ganze Gesellschaft hat ein Glaubwürdigkeitsproblem, sagte sie. Also nicht nur eine in Verruf geratene Spitzenmanager-Kaste, sondern auch die Politik, die sich dieser Tage unisono über die Steuerflüchtlinge aufregt. Und die SPD doch wohl auch, meinte Reinhold Beckmann, wenn diese nun das Gegenteil dessen vollziehe, was sie vor der Wahl versprochen habe. Nämlich doch mit der Linkspartei in Hessen und vielleicht bald auch anderswo gemeinsame Sache macht. Und siehe da, was sagte Heide Simonis? Ja, das sei in puncto Glaubwürdigkeit wohl gleichwertig. Aber man solle es trotzdem machen.
Maximale Abhängigkeit
Aus der vielbeschworenen maximalen Distanz bringt sich die SPD in eine maximale Abhängigkeit von der Linken? Ganz so wollte Heide Simonis das nicht sehen, aber doch das Motto ausgeben, dass Andrea Ypsilanti jetzt handeln müsse, koste es, was es wolle. Allerdings dürfe sie das Schauspiel, das sie selbst dereinst bei ihrer gescheiterten Wahl in Kiel gab, nicht wiederholen. Stelle Andrea Ypsilanti sich am 5. April im hessischen Landtag zur Wahl und gelange doch nicht ins Amt, wäre dies für die SPD und Parteichef Kurt Beck schlicht eine Katastrophe. Auf Gedeih und Verderb angewiesen auf die Zustimmung der Linken - kann man sich eine maximalere Abhängigkeit vorstellen? Wohl kaum.
Seit Konrad Adenauers flapsigem Spruch, dass ihn sein Wort von gestern nicht interessiere, da er sich heute entscheide, hat sich nichts geändert. Man muss bei Politikern und nicht nur bei diesen damit rechnen, dass sie das Gegenteil von dem vollziehen, was sie zuvor angekündigt haben. Taktik, die reine Taktik, von Wahrheit keine Spur. Das einzige, woran man sich als aufgeklärter Mensch noch stören darf, ist, wenn wir Heide Simonis richtig verstanden haben, dass so viele Dinge undiskutiert bleiben. Also nicht Tacheles geredet wird, weder vor der Wahl noch nach der Wahl. Die Wähler, so dürfen wir ihr aus der Fernsehsessel-Perspektive versichern, haben trotzdem verstanden. Sie haben verstanden, dass sie, wenn sie in der Stimmkabine stehen, nur eine Auswahl haben zwischen kleineren und größeren Übeln.
Gerät Beck ins Wanken?
Man kann durchaus Aufklärung nennen, was Heide Simonis bei Reinhold Beckmann betrieb. Denn sie sagte frank und frei, was ist. Was nicht unbedingt gut ist, aber halt einfach so ist. (Zum Beispiel, dass die Herren Steinbrück, Steinmeier und Struck in der SPD jetzt erst einmal fein Mikado spielen, also stillhalten und abwarten, bis Kurt Beck vielleicht doch von selbst ins Wanken gerät.) Womit Heide Simonis das Glaubwürdigkeitsproblem, das sie unserer ganzen Gesellschaft anlastet, eindrucksvoll unter Beweis stellte. Hier sitze ich und kann nicht anders. Und beantworte einige entscheidende Fragen dann lieber doch nicht, auch wenn ich so tue.
Reinhold Beckmann befördert solche Erkenntnis in ruhigen Einzelgesprächen durch Fragen, die in anderen Talkshows entweder nicht gestellt werden oder in der Kakophonie einer Generalsekretärsrunde untergehen. Er tut nicht so, als ob er in Wahrheit doch gar nicht fragen wollte. Er wird persönlich, aber bleibt bei der Sache. Und fragte Heide Simonis also, nachdem sie die Landtagswahlen und die Lage im Bund durchgenommen hatten, was bei dem Kinderhilfswerk Unicef vorgefallen sei, aus dessen Vorstand Heide Simonis Anfang dieses Monats zurücktrat.
Wieder einmal ohne Amt
Man kann nicht sagen, dass Heide Simonis ganz und gar heil aus der Sache herauskam und auch nicht, dass sie bei Beckmann die Heldin hätte spielen können. Bei Unicef, so das Fazit, gab es ein unklares Verfahren beim Spendensammeln, es gab Absprachen über Provisionen für professionelle Geldsammler, aber keine Dokumente darüber und es gab einen Vorstand, der sich ein halbes Jahr lang mühte, die Geschichte intern aufzuklären, dem dies aber offenbar nicht gelang. Jetzt ist der Geschäftsführer weg und das Spendensiegel ist es auch. Eine Katastrophe, die offenbar niemand abwenden konnte. Und Heide Simonis wieder einmal ohne Amt. Ist sie freiwillig zurückgetreten? Ja oder nein? Ich weiß es nicht, sagt sie. Auch das haben wir verstanden.
Am Ende dieser wirklich lehrreichen Talkstunde hören wir den Zahnarzt Roland Garve, der zu unentdeckten Völkern, die in den entlegensten Gebieten der Welt leben, reist und sie behandelt, erzählen, was die Menschen eines der Stämme, die er besucht hat, in schwierigen Fällen tun - sie begehen Selbstmord. Einfach so, auch bei kleineren Problemen. Mit dem Gift einer Baumwurzel, an die man leicht herankommt und die normalerweise dazu taugt, Fische zu töten. Wenn es einem reicht, beißt man in die Wurzel und also ins Gras. Was niemanden erschüttert, denn - so die Überzeugung - man ist ja nicht tot, sondern lebt im Jenseits irgendwie irgendwo weiter. In diesem Jenseits dürfte in unserem Fall wahrscheinlich aber auch schon die Linkspartei warten und anbieten, die Ministerpräsidentin zu wählen.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: dpa
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