Muhabbet-Aussage

Broder: Der Minister verleugnet die Realität

Von Michael Hanfeld

21. November 2007 An Henryk M. Broder scheiden sich die Geister. Das ist kein Wunder, schließlich geht es dem Börne-Preisträger bei allem, was er publiziert, vor allem darum, den wachen Geist vom Ungeist der Verdränger zu scheiden. Und so steht er jeden Morgen in dem guten Gefühl auf, dass sich mindestens ein Dutzend Zeitgenossen ärgern, weil er sie bei dem ertappt hat, was er unablässig geißelt: beim Negieren der Realität und bei der Annahme, dass sie damit auch noch das Publikum überzeugen.

Der Außenminister Frank-Walter Steinmeier fiel ihm da am Montagabend im Frankfurter Presse-Club als Beispiel ein. Der habe schließlich, nachdem eine Gruppe Taliban - oder Leute, die sich als solche ausgeben - einen von zwei entführten Deutschen getötet hatte, davon gesprochen, im Augenblick spreche alles dafür, dass der Mann an Entkräftung gestorben sei. Die Leiche des Mannes aber wies zwei Schusswunden auf.

Steinmeiers besondere Rolle

Steinmeier spielte bei Broders Frankfurter Auftritt eine besondere Rolle. Denn das Gespräch, in dem es um Broders Buch „Hurra, wir kapitulieren!“ging, führte die Journalistin Esther Schapira vom Hessischen Rundfunk. Sie hat gerade ihre ganz persönliche Erfahrung mit dem deutschen Außenminister gemacht. Sang der doch mit seinem französischen Amtskollegen Kouchner und dem deutsch-türkischen Rapper Muhabbet kürzlich im Terzett. Woraufhin Esther Schapira in den „Tagesthemen“ darauf aufmerksam machte, dass besagter Muhabbet kurz zuvor, als sie bei einer Preisverleihung ihren Film über den von einem Islamisten bestialisch ermordeten holländischen Autor Theo van Gogh vorstellte, die Tat gutgeheißen und mitgeteilt hatte, er hätte van Gogh vorher noch gefoltert.

Das Management des Sängers reagierte pikiert, Steinmeier aber hielt der ARD in einem peinlichen Interview vor, man solle doch bitte sorgfältiger recherchieren. Doch es gibt zwei Zeugen für Muhabbets Aussagen, kein ernstzunehmendes Dementi und keinen Grund zu der Annahme, hier habe jemand nicht sorgfältig recherchiert. Der Vorwurf fällt vielmehr auf den deutschen Außenminister und seinen französischen Amtskollegen zurück.

Gegen das dröhnende Schweigen

Seltsam nur, wie still sich die ARD in diesem Fall verhält, wo man doch, etwa wenn es um Gebühren, das Internet oder vermeintliche politische Einflussnahme geht, so gerne auf die Pauke haut. Der ARD-Chefredakteur hat dem Auswärtigen Amt zu der Causa zwar einen deutlichen Brief geschrieben, von dort aber hört man nichts. Da ist genau jenes dröhnende Schweigen, gegen das Broder auf seiner Homepage und bei „Spiegel Online“ anschreibt.

Er tut dies mit polemischem Furor und fast immer mit Witz, der ihm auch dann nicht ausgeht, wenn er sich wegen seiner Texte vor Gericht wiederfindet. Worum es ihm aber geht, ist von großem Ernst: um die Frage nämlich, „welche bürgerlichen Werte wir zu verteidigen bereit sind und welche nicht“. Da sich dies sich nicht erst seit dem 11. September 2001 vor allem in der Auseinandersetzung mit dem Islamismus beweist, ist der Islam Broders Thema.

Broder nimmt sie alle durch

Im Presse-Club stellte er darum auch die Mohammed-Karikaturen aus, die am 30. September 2005 in der dänischen Zeitung „Jyllands-Posten“ erschienen. Sie sehen tatsächlich so „grandios harmlos“ aus, wie Broder sagte. Was ihnen folgte, aber war das Gegenteil. Bei aller Kritik die er einstecke, sagte Broder in Frankfurt - wo er von Walser über Grass bis zur deutschen Linken alle durchnahm -, habe ihn nur ein Leser wirklich getroffen: Der hatte ihm - am Ende eines fünf Seiten langen Briefes - vorgeworfen, langweilig zu sein.

Wäre dem so, und würde Broder nicht mehr zu Bewunderung (angeblich bewerben sich bei ihm gänzlich Unbekannte, um auf seiner Internetseite zum „Schmock der Woche“ erklärt zu werden), Widerspruch und Ablehnung herausfordern, wäre das ein denkbar schlechtes Zeichen. Es bedeutete, dass wir endgültig beschlossen hätten, zu tun, wovon Broder schreibt: zu kapitulieren vor den Zumutungen der Fanatiker.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa

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