05. November 2007 Die Tätigkeit des Moderators wird ja gemeinhin überschätzt. Beziehungsweise wird überschätzt, was ein Moderator können muss, um in seinem Job als gut zu gelten. Das merkt man spätestens, wenn man den einen oder anderen persönlich kennenlernt.
Nicht nur, dass viele Bildschirmgrößen körperlich viel kleiner sind, als sie auf dem Bildschirm wirken - der frühere Tagesthemen-Moderator Ulrich Wickert stellt die weit über ein Meter neunzig lebensgroße Ausnahme dar, zu der man locker aufschauen kann -; die Moderatoren schrumpfen mitunter auch auf Normalformat oder weniger, wenn die kleinen Kärtchen fehlen, auf denen fleißige Redakteure alles für die nächste Ansage Notwendige notiert haben, und es gilt, ohne Teleprompter das Wort zu ergreifen.
Bei Dieter Moor allerdings ist das anders. Insofern ist die Einleitung völlig irreführend. Doch es gilt auch ihr Umkehrschluss: Die wahre Größe desjenigen, der durch eine Sendung führt, wird mitunter nicht erkennbar und schnurrt auf das Maß der Beiträge zusammen, mit der sie oder er es zu tun haben.
Keine Gelegenheit, aus der Rolle zu fallen
Es sei denn, einer wagte es, sich erkennbar von dem, was seinen Sätzen folgt, aber nicht seinem Niveau entspricht, zu distanzieren, es zu überhöhen oder zu konterkarieren. Doch so jemand behielte den Job im Fernsehen nicht lange. Dabei hätten wir uns im Falle von ttt, dem Kulturmagazin im Ersten, in den letzten Monaten einige Male sehr gewünscht, dass die Moderatorinnen aus der Rolle fielen, etwa als es um die Aussöhnung zwischen den Hinterbliebenen der Opfer des RAF-Terrors und den damaligen Tätern ging, um nur ein Beispiel zu nennen.
Solcherlei Feuerprobe war Dieter Moor bei seiner Moderation von ttt am Sonntag nicht aufgeben. Es schien vielmehr so, als habe sich die Redaktion des dieses Mal für das alternierend von den verschiedenen beteiligten ARD-Sendern bestückte Magazin zuständigen MDR besondere Mühe gegeben, Moor eine Vorlage nach der anderen zu geben, auf dass er sie in treffliche Formulierungen verwandle.
Um etwa die wahre Geschichte von Astrid Lindgren anzukündigen, zu deren Leben und Wirken nun eine neue Biographie vorliegt und dazu der Text der Ur-Pippi Langstrumpf, die noch viel anarchischer war, als sie uns in Lindgrens Büchern bislang erschienen ist. Man könnte sich vorstellen, dass dem Moderator diese Lektüre auch zusagt.
Die Quote bestimmt das Fernsehen
Für Moor richtiggehend gemacht war sodann der Beitrag über Hans Weingartners neuen Film Free Rainer - Dein Fernseher lügt, der von einem Produzenten handelt, der Schund-Shows inszeniert und dann - dem Sensemann knapp von der Klinge gesprungen - der Quotenherrschaft den Kampf ansagt und für das Wahre und Gute im Fernsehen streitet. Denn die Leute sind ja gar nicht so blöd, wie uns das Programm glauben macht.
Und nehmen wir an, dass die Einschaltquote Quatsch ist - die in fünfeinhalbtausend Haushalten stellvertretend für achtzig Millionen Menschen in Deutschland ermittelt wird. Folgen sodann dem Regisseur Weingartner, der die Gleichung aufmacht: Die Quote bestimmt das Fernsehen und das Fernsehen bestimmt unsere Kultur, dank einer Quote, die ja vielleicht gar nicht stimmt.
Hören auch noch den Moderator Moor sagen, dass dann ja eine Sendung wie ttt am Ende höhere Einschaltquoten als Wetten, dass ..? haben könnte und eigentlich nicht sonntags um 23 Uhr, sondern am Samstagabend um 20.15 Uhr laufen müsste. Ja, wenn das alles so wäre, dann fänden wir es in der Tat märchenhaft, wie Mister Moor meinte.
Wider den Mainstream
Allerdings wäre es zugleich ein Albtraum für die meisten Programmdirektoren und Intendanten gerade des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, namentlich der ARD. Denn sie gehören alle dem Orden der Quotenkapuziner an und stünden plötzlich ohne Gott da. Und schließlich haben sie auch allerlei Marketingzuschauerforschungsmeinungsumfragenfirlefanz betrieben, bevor sie den neuen Dauermoderator des Magazins ttt fanden, das ja angeblich mit Kultur und also nicht unbedingt etwas mit quotengeheiligtem Mainstream zu tun haben sollte.
Umso besser, dass am Ende die Entscheidung fiel, auf Dieter Moor zu setzen, den die meisten Zuschauer noch in Erinnerung haben dürften aus der Zeit, als er bei dem Privatsender Vox das Medienmagazin Canale Grande vorstellte und sich irgend wann, wenn unser Programmgedächtnis nicht trügt, im Adamskostüm erschien, in welchem Zusammenhang auch immer. Nackt haben wir Moor am Sonntagabend bei seinem ersten festen Auftritt bei ttt nicht gesehen.
Wohlfeiler Zwischenruf
Allerdings ist ihm sein offenbar auch auf Dauer eingerichteter Zwischenruf Schluss mit Moor zum Auftakt etwas wohlfeil geraten. Den Brief eines Hoteliers zu verlesen, der einige Kader der NPD, die sich in seinem Haus einmieten wollten, höflich, aber bestimmt und sehr zivilcouragiert eine Absage erteilte, das ist eine sichere Bank. Doch beantwortet das mitnichten die Frage, die Moor anriss, ob es nicht nur schwierig, sondern auch sinnvoll ist, die NPD zu verbieten.
Halten wir es mit der Foto- und Videokünstlerin Alison Jackson, die mit Bildern von Doubles, die Prominenten wie aus dem Gesicht geschnitten sind - von George Bush über Paris Hilton bis zur Queen - Situationen inszeniert, von denen die Betrachter denken sollen, dass sie dem wahren Wesen derjenigen, um die es eigentlich geht, viel mehr entsprechen könnten, als das, was wir von ihnen vor allem übers Fernsehen jeden Tag zu Gesicht bekommen.
Man kann dem nicht trauen, was man auf den Fotos sieht, sagt Alison Jackson und zeigt jemanden, der wie George Bush aussieht und mit seiner Flinte auf Zielscheiben anhält, die etwa das Konterfei von Wladimir Putin zeigen. In dessen Land wiederum der berühmte Regisseur Nikita Michalkow im Namen aller russischen Künstler - die er freilich nicht gefragt hat - den Präsidenten der gelenkten Demokratie aufgerufen hat, entgegen der Verfassung eine dritte Amtszeit anzutreten. Weil nur er das Land führen könne.
Auch davon handelte titel, thesen, temperamente an diesem Sonntag. Kaum zu glauben und ein guter Auftakt. Mal sehen, was die Programmverantwortlichen machen, wenn die Quoten da sind.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: dpa