Claude Lévi-Strauss auf Arte

Der undurchschaubare Ort des Ethnologen

Von Hubert Spiegel

Ethnologie als Berufung: Claude Lévi-Strauss

Ethnologie als Berufung: Claude Lévi-Strauss

27. November 2008 Er sei ein „improvisierter Ethnologe“, sagt Claude Lévi-Strauss zu Beginn dieses fesselnden Films über ein wohl einzigartiges Wissenschaftlerleben. Was mit der Formulierung gemeint ist, scheint zunächst klar: Denn als sich der junge Lévi-Strauss, der die zwar ehrenwerte, aber „doch sehr häusliche“ Laufbahn des Philosophen eingeschlagen hatte, der Ethnologie zuwendet, kennt man das Fach in Frankreich noch gar nicht. Lévi-Strauss muss sich die Profession, die er erwählt hat, weil sich nur in ihr das Erkenntnisstreben mit der Sehnsucht nach Abenteuern und dem „Schauspiel der Welt“ vereinen konnte, erst noch erschaffen.

In den dreißiger Jahren, als junger Soziologieprofessor in Sao Paulo, beginnt er Ethnologie zu unterrichten, weil dies der einzige Weg für ihn gewesen sei, sich das Fach anzueignen: „Ich wusste rein gar nichts darüber“ - der Lehrer war damals sein wissbegierigster Schüler. Wahrscheinlich ist das bis heute so geblieben.

Das ich als ein provisorischer Ort

Im Verlauf der Dokumentation wird deutlich, dass die nach konventioneller Bescheidenheit klingende Formulierung von der Improvisation eine viel tiefer reichende, geradezu existentielle Dimension besitzt. Denn gegen Ende dieser Collage von Interviews, Filmporträts und Gesprächen mit dem Anthropologen sagt Lévi-Strauss von sich, er habe immer größte Schwierigkeit gehabt, sich als Individuum wahrzunehmen, als ein Ich, das eine eigene Geschichte und Identität vorzuweisen habe. Vielmehr sehe er sich eher als einen Ort, an dem „vorübergehend gewisse Dinge geschehen“. Er mache sich gern zu einem „nahezu passiven Ort für Phänomene, die nicht zu meiner Existenz, nicht zu meiner Geschichte, meinem Milieu oder meiner Gesellschaft gehören“. Wo andere von Genie reden würden, spricht er von einer persönlichen Besonderheit und von einem „Gebrechen“.

„Das Selbstbildnis des Ethnologen“, ein Dokumentarfilm des im Sommer tödlich verunglückten Arte-Mitbegründers Pierre-André Boutang, gehört zweifellos zu den Höhepunkten des Thementages, der dem Anthropologen am Vortag seines hundertsten Geburtstages gewidmet ist. Dass Arte damit ein glanzvolles Beispiel dafür setzt, was Kulturfernsehen leisten kann, sei ausdrücklich vermerkt. Boutang bezieht sein klug arrangiertes Material aus zahlreichen Gesprächen mit Lévi-Strauss, die er mit Dokumenten und Fotografien aus dem Leben des Gelehrten ergänzt. Er zeigt den jungen bärtigen Forscher in Brasilien, wo seine ersten Exkursionen ins Landesinnere den Stämmen der Caduveo und der Bororo galten, wir sehen Fotografien und Filmaufnahmen aus den dreißiger Jahren ebenso wie aus der Zeit der Emigration in New York, wo Lévi-Strauss mit André Breton, Max Ernst und anderen Surrealisten befreundet ist.

Den Strukturalismus fand er an der Maginot-Linie

Wenn die Kamera über die Manuskriptseiten von „Traurige Tropen“ fährt, berichtet Lévi-Strauss von der Wut und dem Furor, die ihn das Buch in nur vier Monaten schreiben ließen. Es enthalte „schreckliche Fehler“, so habe er die portugiesischen Begriffe, die er darin verwendet, einfach dem Gehör nach hingeschrieben, rein phonetisch, ohne auch nur einen einzigen Blick in ein Wörterbuch zu werfen. In seinen Kommentaren und Selbstauskünften berichtet Lévi-Strauss, wie mühsam die Arbeit am vierbändigen Werk der „Mythologica“ war, er verrät, warum man Mythen wie Partituren lesen sollte, wie er an einem schönen Sommertag während des Zweiten Weltkriegs an der Maginot-Linie zum Strukturalisten wurde, ohne es zu wissen, und für welchen Wunschtraum er zehn Jahre seines Lebens geben würde.

Auch die eigene Kindheit wird nicht ausgespart. Er verbrachte sie zum großen Teil im Haus seines Großvaters, der in Versailles der jüdischen Gemeinde als Oberrrabbiner vorstand. Ein Porträt des etwa fünfjährigen Claude zeugt vom Talent des Vaters als Kunstmaler. Nein, sagt Lévi-Strauss, ein akademisches Milieu sei das nicht gewesen. Es ist eines der wenigen Male, dass man ihn lächeln sieht.

„Claude Lévi-Strauss - Das Selbstbildnis des Ethnologen“ läuft heute Abend um 22.35 Uhr auf Arte. Bis zum 5. Dezember ist er als Stream auf Arte+7 im Internet abzurufen.



Bildmaterial: AFP

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Glück im Unglück: Schützen Sie sich vor den finanziellen Folgen eines Unfalls. Jetzt Unfallversicherungen vergleichen!

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche