Augstein kauft „Freitag“

Der „Spiegel“-Erbe

Von Michael Hanfeld

Jakob Augstein übernimmt die linke Wochenzeitung Freitag

Jakob Augstein übernimmt die linke Wochenzeitung Freitag

26. Mai 2008 Wenn man es landauf, landab an den Zeitungskiosken aushängte, würden viele dieses Wochenblatt garantiert für eine neue Zeitung halten – den „Freitag“ aus Berlin, das dezidiert linke Wochenblatt, das ohne Anzeigen auskommt. Dabei gibt es den „Freitag“ seit dem Einheitsjahr: Am 9. November 1990 erschien er zum ersten Mal. Fünf Jahre später schien die Geschichte schon wieder zu enden, hätte sich nicht eine Gruppe von Privatleuten als neue Eigentümer gefunden. Vom 1. Juni an erscheint der „Freitag“ nun unter den Vorzeichen eines großen Namens im deutschen Journalismus: Jakob Augstein, der Sohn des verstorbenen „Spiegel“-Gründers Rudolf Augstein und Minderheitsaktionär des Magazins, hat die Zeitung gekauft.

Folgt man ihm und den bisherigen Eigentümern, handelt es sich um eine freundliche Übernahme. Die Identität und das politische Profil des „Freitag“ sollten erhalten bleiben, sagt der Psychologe Wilhelm Brüggen als Sprecher der bisherigen Eigentümergruppe, zu der die Journalisten Ursel Sieber, Holger Schmale und Wolfgang Storz sowie der Sozialwissenschaftler Frieder Otto Wolf gehören. Zudem sei im Kaufvertrag festgelegt worden, dass die zehnköpfige Redaktion übernommen wird, „keiner soll entlassen werden“. Verabredet sei mit dem neuen Eigentümer Augstein zudem, dass den Herausgebern des Blattes eine Fortsetzung ihrer Tätigkeit angeboten werde. Jakob Augstein erklärt auf Anfrage zu seinem Kauf nichts anderes. „Der ,Freitag‘“, sagt er, „ist eine wunderbare Zeitung, die ich stärken und weiter entwickeln werde.“

Am Rande der Öffentlichkeit

Da Augstein ein Journalist mit Ambition ist, darf man erwarten, dass er den „Freitag“ tatsächlich nicht umstülpt; Pläne aber, die das Blatt aus der Nischenexistenz herausführen, dürfte er haben. Bislang hält sich der „Freitag“ mit einer Auflage von 14.000 Exemplaren und einem Anzeigenaufkommen von null – was man für ein Markenzeichen hält – eher am Rande der Aufmerksamkeit. Das wird Augstein ändern wollen. Allerdings nicht so, wie es eine böswillige Pressemitteilung mit unbekanntem Absender vor ein paar Wochen wissen wollte, in der davon die Rede war, der „Freitag“ werde nun für 650.000 Euro verkauft und komplett auseinandergenommen. Das sei ein vollkommener Unsinn gewesen, heißt es bei den Beteiligten. „Wir wissen den ,Freitag‘ in guten Händen“, sagt der Sprecher der bisherigen Eigentümer, Wilhelm Brüggen, dazu.

In den vergangenen Monaten war wiederholt darüber spekuliert worden, dass Jakob Augstein einen eigenen neuen Titel auf den Markt bringen wolle. Auch hatte er vor Jahren im „Spiegel“ die Idee für ein eigenständiges kulturpolitisches Magazin lanciert, war damit aber gescheitert. Nun also ist der „Freitag“ das Projekt des Jakob Augstein, von dem man vieles erwarten darf, nicht aber, dass er einem Blatt, das sich lange genug in Grabenkämpfen erging, den politischen Anspruch austreiben will. Zuletzt hat sich der neue Verleger vor allem als Sprecher der Augstein-Erben bei den Kämpfen um den ehemaligen Chefredakteur Stefan Aust und den noch amtierenden Geschäftsführer Mario Frank als Stimme eines vernunftgeleiteten Ausgleichs zu Wort gemeldet.

Erste gesamtdeutsche linke Zeitung

Der „Freitag“ hat eine bewegte Geschichte. Hervorgegangen ist das Blatt 1990 aus der Fusion der westdeutschen „Volkszeitung“ und des ostdeutschen „Sonntag“. Die „Volkszeitung“ wiederum war erst kurz zuvor aus dem DKP-Blatt „Deutsche Volkszeitung“ erwachsen, der „Sonntag“ hingegen war das Blatt des DDR-Kulturbundes. Die Ost-West-Verbindung spiegelte sich sowohl in der Redaktionsbesetzung als auch im Inhalt wider, der „Freitag“ wollte nicht weniger als die erste echte gesamtdeutsche linke Zeitung sein.

Das sei das Markenzeichen des „Freitag“ bis heute, heißt es in der Pressemitteilung der bisherigen Eigentümer, die ihr Engagement als Non-Profit-Investment betrachtet haben und dieses, wie es heißt, aus persönlichen Gründen nun beenden zu einem Zeitpunkt, zu dem das Blatt finanziell bei „plusminus Null“ stehe, also keine roten Zahlen schreibe. Man habe aber seit geraumer Zeit darüber diskutiert, dem „Freitag“ eine breitere ökonomische Basis zu verschaffen, nach dreizehn Jahren sei die Zeit reif für einen „großen Schnitt“. Und vielleicht auch für einen großen Schritt.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Snapshot von Homepage

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