19. Dezember 2006 Den Satz des Abends sprach Herbert Grönemeyer. Er stand auf einem Bahnsteig neben einem leerstehenden ICE und entgegnete auf die Frage von Gerhard Delling, was ihm an der zurückliegenden Fußball-WM besonders gefallen habe: Daß man auch mit dem dritten Platz extrem zufrieden sein kann. Es paßte gut zu dieser Sendung, dem Jahresrückblick der ARD, weil das Erste damit ebenfalls auf einem dritten Rang landete. Und zwar gleich in doppelter Hinsicht: Zum einen waren die Konkurrenten ZDF und RTL deutlich schneller ins Ziel gekommen, indem sie ihre Rückblicke schon Anfang Dezember versendeten. Zum anderen hat die ARD-Jahresbilanz auch bei den Quoten wohl nicht mithalten können.
Diese mitternächtliche Prognose ist nicht allzu gewagt. Denn während beim ZDF zur besten Sendezeit Johannes B. Kerner mit Braunbärdamen geflirtet und sich Günther Jauch bei RTL mit Bully Herbig ein Gummihand-Wettrennen geliefert hatte, wollte sich die ARD ganz seriös geben. Daher waren die Moderatoren nicht Heidi Klum und Reinhold Beckmann, sondern der Tagesthemen-Anchorman Tom Buhrow und Gerhard Delling, der bei Netzer & Delling der Delling ist. Gemeinsam führten sie durch eine Sendung, die keine Show, sondern eine auf fünfundsiebzig Minuten verlängerte Tagesthemen-Variante war, deren Schauplatz nicht das Studio, sondern ein Bahnhof war.
Gleich zweimal in den Schlagzeilen
Denn Grönemeyer stand nicht deshalb auf dem Bahnsteig, weil er gleich noch wegmußte. Nein, der Grund dafür war, daß die ARD bei aller Seriosität schon auch etwas Besonderes machen wollte und auf den Berliner Hauptbahnhof gekommen war. Kaum etwas ist ja erquicklicher, als aus ruhiger Beobachterposition das rege Treiben auf einem Bahnhof zu verfolgen, die Menschen, die zu ihren Zügen hetzen, das Kommen und Gehen, die Begrüßungen und Abschiede (was ja auch keine schlechte Metapher für einen Jahresrückblick ist). Zudem hat der neue Hauptbahnhof in diesem Jahr für Schlagzeilen gesorgt, als 600.000 Leute (was Buhrow gleich mehrfach erwähnte) seine Eröffnung feierten, und ein paar Monate später noch einmal, als der Architekt eine Klage gegen die Bahn gewann, die gegen seinen Willen eine Flachdecke einbauen ließ und nun wohl aufwendig umbauen muß (was in der ARD-Sendung niemand erwähnte). Also stand Grönemeyer neben dem Zug und Buhrow und Delling an einem großen Schreibtisch inmitten der Bahnhofshalle, wo sie zwar nicht die ursprünglich angekündigten Herren Bierhoff und Beckenbauer begrüßten, dafür aber - wer hätt's gedacht - Netzer.
Schon bei diesem Gespräch zeigte sich, daß das mit dem Bahnhof gar keine schlechte Idee war. Denn zu sehen gab's in der Tat einiges, zum Beispiel Berliner Rentner, die im Hintergrund vorbeiliefen, plötzlich Halt machten und in die Kamera grinsten. Leider sah man sie nur verschwommen, es genügte aber, um vom scharfgestellten Netzer abzulenken, der auf Fragen wie Die Fußball-Weltmeisterschaft - hat die was bewirkt? etwas antwortete, auf das wir uns nicht konzentrieren konnten.
Suchspiel mit Mehdorn
Noch skurriler verlief das Gespräch mit dem Hausherrn Hartmut Mehdorn. Mit dem Bahnchef hatte sich Delling direkt vor die Tür eines S-Bahnzuges gestellt - was einen Fahrgast sichtlich irritierte -, um dann, ganz ungezwungen natürlich, loszumarschieren. Während sie über den Börsengang der Bahn fachsimpelten, stiegen sie in einen Fahrstuhl - und verschwanden in die Tiefe. Der Ton lief zwar weiterhin, doch hörte man gar nicht hin, weil die Frage viel spannender war, wo die Kamera die beiden wohl wiederfinden würde. Sie tat es ein Stockwerk tiefer, nur um sie gleich wieder zu verlieren - ein heiteres Suchspiel hatte die ARD da für ihre Zuschauer inszeniert. Zum Ende des Gesprächs blieben die beiden endlich stehen, und Mehdorn riß das Schlußwort an sich: 2006 war fantastisch, wir hatten Wachstumsraten im Güterverkehr, im Personenverkehr, prahlte er, und Delling hätte sich unseren aufrichtigen Respekt verdient, wenn er jetzt nur ganz leise Flachdecke gesagt hätte. Er tat es nicht.
An anderer Stelle gab man sich kritischer. Auf investigative Recherchereise begab sich ein Reporter, um herauszufinden, was aus der WM-Euphorie des Sommers wurde. In einem Hamburger Hinterhofgarten, wo einst die Nachbarschaft auf einer selbstgezimmerten Bühne die Spiele zelebrierte, standen nun zwei einsame Männer. Ob Deutschland patriotischer geworden ist, kann ich nicht sagen, sagte der eine, und der andere stellte als einzige Veränderung fest, daß er jetzt die Nachbarn besser kenne. Immerhin. Genauso gut hätte man sich auf den Rasen des Berliner Olympiastadions stellen und konstatieren können, daß dort am 9. Juli mehr los war. Und auch die Neonazis, klagte der Reporter, seien durch die WM nicht etwa ganz lieb geworden, sondern weiterhin neonazistisch.
Gammelfleisch und Giftmüll
Auch sonst gab es wenig zu lachen. Im Schnelldurchlauf reihte der Rückblick zu getragenen Streicherklängen Stichworte aneinander wie Fährunglück, Vogelgrippe, Gammelfleisch und Giftmüll: Da war man froh, daß das Jahr endlich vorbei ist. Auch die Unterschicht tauchte auf, über die Buhrow just in jenem Augenblick dozierte, als hinter ihm jemand den Bahnhofsboden wischte. Von ihrem reiselustigen Volk fern hielt sich Angela Merkel, die sich nicht im Hauptbahnhof, sondern im Kanzleramt interviewen ließ. Von ihr wollte Delling wissen: Haben Sie Spaß gefunden an dieser Weltmeisterschaft? Da hätten wir gern weggehört, doch es war kein Bodenwischer oder Brezelverläufer da, der uns ablenken konnte.
Wieder zurück im Bahnhof, besuchte Delling auch noch Mehdorns Sicherheitschef, der die Bahnhofsüberwachung als ein ständiges lebendes Produkt lobte. Wir sind gespannt, was sich die ARD für ihren Jahresrückblick 2007 einfallen läßt. Vielleicht besucht sie mit uns ja die Telekom, von der wir schon immer wissen wollten, wie sie eigentlich funktioniert. Oder sie führt uns, um in Berlin zu bleiben, im Weihnachtsrummel durchs KaDeWe, wo man sich sicher auch über ein fantastisches Jahr freuen würde. Zur Jahreszeit passen würde es auch, den Jahresrückblick während eines Heimspiels der Eishockey-Mannschaft Berliner Eisbären zu übertragen. Verstehen würde man zwar kein Wort, zu sehen aber gibt es sicher viel.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: REUTERS