Von Karl-Peter Schwarz, Bukarest
28. Mai 2007 Ein Windows-User dürfte mit der Fehler-Warnung Error 322. Cannot open Parliament.exe. The file seems to be corrupt. Please reinstall wenig anfangen können, es sei denn, er ist ein Rumäne und war dieser Tage den Spaßattacken der guerilla digitala ausgesetzt. 322 Parlamentarier, von denen etliche unter Korruptionsverdacht stehen, hatten am 19. April den Präsidenten Traian Basescu abgesetzt, am 19. Mai bestätigte ihn ein Volksentscheid mit nahezu 75 Prozent der Stimmen im Amt.
In den vier Wochen dazwischen wurde die Digitalguerrilla, die Basescu schon bei der Präsidentschaftswahl 2004 gestützt hatte, aktiv. Wieder füllte sich www.basescu.ro mit verbalen und visuellen Gags, die im ganzen Land verbreitet wurden. Am Ende konnte man sogar Handy-Klingeltöne gegen Basescus Suspendierung herunterladen. Die mächtigen Gegner des Präsidenten hatten Rundfunkstationen, Zeitungen und Parteiapparate hinter sich; im Internet waren ihre Auftritte aber pathetisch hilflos.
Die digitalen Guerrilleros kennen sich nicht einmal
Etwa zweihundert kampferprobte Scherzbolde stellen den harten Kern von Basescus Truppe - Kreative aus der Werbung, Designer, Schüler und Studenten. Die digitalen Guerrilleros sind nicht an den Präsidenten gebunden, sie arbeiten ohne Entgelt und kennen sich untereinander nicht einmal. Die Idee, ihnen eine Plattform zur Verfügung zu stellen, kam dem Werbemanager Felix Tataru bei den Kampagnen des Wahljahres 2004. Viele hätten sich damals an ihn gewandt, die etwas für Basescu tun wollten, erzählt Tataru, aber eben nicht öde Flugblätter verteilen. Tataru verzichtete darauf, eingehende Videos zu selektieren; es störte ihn nicht, dass auf der Website auch Botschaften standen, die sich gegen seinen Klienten richteten.
Weit wichtiger war, dass Basescu mit dem neuen Medium identifiziert wurde, was seine Gegner alt aussehen ließ. Basescus Allianz mit der Internet-Generation ist nicht neu. Schon als Oberbürgermeister von Bukarest und bei seiner Wahl zum Präsidenten hatte er sie auf seiner Seite und diesmal beim Referendum über seine Absetzung. Nicht, weil sie ihm sonderlich vertraut, sondern weil ihr die Arroganz unerträglich erscheint, mit der die korrupten Seilschaften quer durch die Parteien und Medien versuchten, sich des unbequemen Präsidenten zu entledigen.
Drei verschiedene Versionen zu einem Ereignis
Als Tataru vor sieben Jahren Basescu eine Website einrichtete, gab es unter den zweiundzwanzig Millionen Rumänen gerade mal 15.000 Internetnutzer, jetzt sind es an die sechs Millionen. Das Internet ist das Leitmedium der neuen urbanen Mittelschicht. Charakteristisch für unsere Internet-Generation ist das tiefe Misstrauen gegenüber den Parteien, den traditionellen Medien, den Zeitungen, und vor allem gegenüber dem Fernsehen, sagt Traian Ungureanu, Kolumnist der Zeitung Cotidianul, diese Skepsis sei Basescu zugutegekommen, der gegen die geballte Macht der Oligarchen-Medien kämpfen musste.
Wer in Bukarest drei verschiedene Zeitungen aufschlage, finde dort über dasselbe Ereignis drei verschiedene Versionen, sagt Cristian Pantazzi, Chefredakteur von Hotnews.ro, eines äußerst erfolgreichen rumänischen Internet-Journals. In der Statistik rangiert Hotnews.ro unter den Online-Medien an fünfter Stelle, knapp hinter zwei Sportzeitungen, einem Boulevardblatt und der Zeitung Evenimentul zilei. An Werktagen registriert es an die 70.000 Nutzer, am Wochenende geht die Zahl auf etwa die Hälfte zurück.
Es geht nicht um Basescu, sondern um Demokratie
Hotnews.ro ist aus einem Presseportal hervorgegangen, das vier Journalisten vor sieben Jahren gegründet haben. Seit zwei Jahren liefert es eigene Inhalte, beschäftigt jetzt mehr als zwanzig Mitarbeiter und hat Korrespondenten in Frankfurt und New York. Das Unternehmen finanziert sich über Werbung. Wirtschaftsnachrichten werden mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgt, unter den großen Themen war der Klimawandel beherrschend - bis zu jenem 19. April, an dem das Parlament Basescu suspendierte.
Hätte Hotnews.ro Basescu auch dann unterstützt, wenn die Leser gegen ihn gewesen wären? Pantazzi versteht die Frage nicht. Es gehe doch nicht um Basescu, es gehe um den Rechtsstaat, um Demokratie und Transparenz. Der dreißig Jahre alte Journalist hat bei einer Zeitung gearbeitet, bevor er zu Hotnews.ro wechselte. Die Anziehungskraft des neuen Mediums auf die Journalisten sei groß, denn Hotnews.ro garantiere einen Grad von Unabhängigkeit, der von den anderen Medien nicht erreicht werde.
Eine Zukunftsprognose? Ich bin doch nicht verrückt
Und nichts nerve die Leser mehr, als wenn Irrtümer, auf die sie aufmerksam gemacht hätten, nicht sofort korrigiert würden. Häufig trügen sie durch wichtige Hinweise zur Recherche bei. Erst in diesen Tagen sei auf diese Weise die von der Regierung zunächst verschwiegene Identität des russischen Bewerbers um den Kauf des rumänischen Daewoo-Werkes enthüllt worden: es ist Oleg Deripaska.
Wie Tataru auf Basescus Website lässt auch Pantazzi auf Hotnews.ro die besten Leute gratis arbeiten. Dem Narzissmus der Digitalguerrilla entspricht jener der Blogger, denen Hotnews.ro eine begehrte Plattform bietet. Pantazzi kann sich die besten aussuchen, und die wiederum erhöhen die Attraktivität des Mediums. Doc, ein junger Blogger aus Hermannstadt (Sibiu), ist mit seinen brillanten politischen Analysen über den Kreis der regelmäßigen Blog-Konsumenten hinaus bekannt geworden und wird schon in den Printmedien zitiert. Wagt der Hotnews.ro-Chefredakteur eine Prognose, wie die rumänische Medienszene in fünf Jahren aussieht? Pantazzi lacht: Ich bin doch nicht verrückt.
Text: F.A.Z., 29.05.2007, Nr. 122 / Seite 46
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