Von Heike Hupertz
29. September 2006 Nie war fiktional aufbereitete Zeitgeschichte so wertvoll wie heute. Wertvoll vor allem für das Fernsehen selbst, für seine Produzenten, Schauspieler, Regisseure, für die Programmverantwortlichen der öffentlich-rechtlichen und mancher Privatsender, nicht zuletzt allerdings auch für die Zuschauer, nimmt man die Quote als Maßstab der Werthaltigkeit von Spielfilmen so unterschiedlicher Qualität wie beispielsweise Stauffenberg, Der Tunnel, Dresden, Die Luftbrücke oder Die Sturmflut.
Die zusammenhangstiftende Erfindung des jüngst Gefundenen hat im Fernsehen üblicherweise besonders rund um Gedenktage Konjunktur. Auch Hartmut Schoens Spielfilm Die Mauer - Berlin '61 ist in dieser Hinsicht keine Ausnahme. Die am 12. August 1961 beginnende Nachzeichnung des Mauerbaus, der Zerteilung der Stadt Berlin und seiner Einwirkungen in das Leben der Arbeiterfamilie Kuhlke wird von Arte zwar schon einmal heute abend, im Ersten jedoch erst im Nachklang des deutschen Nationalfeiertags am 4. Oktober, gefolgt von der Dokumentation Rabeneltern, gezeigt.
Thrillerhaft spannende Fluchtgeschichte
Der renommierte Drehbuchautor und Regisseur Schoen verdichtet die Auswirkungen großer Nachkriegspolitik auf einzelne Menschen und ihre Beziehungen zu einer hochdramatischen, gegen Ende thrillerhaft spannenden Fluchtgeschichte, wie es Der Tunnel von Roland Suso Richter vorgemacht hat. Aber Schoen mutet - oder traut - dem Publikum einiges mehr zu als viele andere Zeitgeschichtsfilme neueren Datums, weil er auf vieles verzichtet, was anderen zur besten Sendezeit unabdingbar erscheint.
Die Mauer - Berlin '61 hat zum einen nur einen Teil statt der marktüblichen zwei, was die Handlung deutlich strafft. Es gibt zum anderen keine Liebesgeschichte, keinen Schmonzettenansatz - höchstens den unausgesprochenen Beginn des Endes einer Liebe. Heino Ferch als unfreiwillig in West-Berlin festsitzender Plastefuger Hans Kuhlke ist zur Abwechslung kein tatkräftiger Berg, sondern ein zunehmend lethargischer Klotz von einem Mann. Axel Prahl ist als Besserwessi und Möbelhausbesitzer Erwin Sawatzke überzeugend unsympathisch gegen den Strich besetzt, Johanna Gastdorf als Renate Sawatzke eine Kuh und Iris Berben als Klavierlehrerin Lavinia Kellermann vorwiegend betrunken und entschlußlos wankend.
Schiere Wut und Fassungslosigkeit
Zeitgeschichte für ein breites Fernsehpublikum funktioniert vorwiegend über Gefühle. Auch Die Mauer - Berlin '61 ist da keine Ausnahme. Besonders Inka Friedrich als Katharina Kuhlke zeigt und erzeugt Ohnmachtsgefühle, schiere Wut, Fassungslosigkeit und Unglauben wider besseres Wissen. Mit ihr durchlebt und verzichtet der Film auf unbegründbare Hoffnungen, die sogenannte positive Perspektive und historienmilde, kathartische Glättungen.
Sie wären seinem Thema allerdings auch denkbar unangemessen. Am 15. Juni 1961 verkündet Walter Ulbricht, der damalige Staats- und Parteichef der DDR, daß niemand die Absicht habe, eine Mauer um die Bürger zu errichten, die in diesen Wochen täglich zu Tausenden in den Westen gehen. Noch sind die Sektorengrenzen durchlässig. Viele OstBerliner pendeln. Anfang August erhält Ulbricht von den Parteiführern der Ostblockstaaten, unter ihnen Nikita Chruschtschow, am Rande der Konferenz der Warschauer-Pakt-Staaten in Moskau das Placet für eine Abriegelung der Grenze nach West-Berlin. Am 13. August 1961 von Mitternacht an errichten Bauarbeiter, flankiert von NVA-Soldaten mit Gewehren im Anschlag, erste Stacheldrahtbarrikaden. Straßen werden aufgerissen. Der S- und U-Bahn-Verkehr wird unterbrochen. Andere Bauarbeiter beginnen, Häuser, deren eine Seite sich plötzlich jenseits des Antifaschistischen Schutzwalls befindet, planmäßig zu evakuieren und zuzumauern. Bald versuchen einige der Eingesperrten, durch diese Häuser zu fliehen.
3000 elternlose Kinder
Ost-Berliner, die sich zum Zeitpunkt der Abriegelung im Westen befinden, werden in den nächsten Tagen von der DDR-Führung zwar nachdrücklich zur Rückkehr aufgefordert, viele befürchten jedoch Repressalien. Nicht wenige von ihnen haben Kinder im Ostteil der Stadt zurückgelassen. Etwa 3000 elternlose Kinder bringt der DDR-Staat in der Folgezeit zwangsweise in teils neugebauten Kinderheimen unter. Den öffentlich denunzierten Rabeneltern wird das Sorgerecht entzogen. Daneben sollen sie der DDR-Führung als Ablenkungsmittel des Volkszorns dienen. In Westdeutschland ist Wahlkampf. Willy Brandt, Regierender Bürgermeister von Berlin, und Konrad Adenauer treten gegeneinander an. Bald gibt es die ersten Mauertoten.
Auch Hans und Katharina Kuhlke (Heino Ferch und Inka Friedrich) werden in der Nacht vom 12. auf den 13. August 1961 auf einer Geburtstagsfeier in einem West-Berliner Lokal zu fassungslosen Rabeneltern. Hans hat gelegentlich Kupferdrahtrollen in den Westen geschmuggelt. Ihr vierzehnjähriger Sohn Paul (sehr überzeugend: Frederick Lau) wird nach dem Willen seiner Partei- und Staatsführung über Nacht zum Waisenkind. Sogar zum Vorzeige-Waisenkind. Paul, zunächst von der Stasi verhört, Thälmann-Pionier, Verdienter Buntmetallsammler des Volkes, bereits ausgewählt als Grußredner beim Pioniertreffen in Gera, soll seinen Eltern öffentlich abschwören. Er wird gedrillt, frisiert, gewaschen, ins blütenweiße Ehrenhemd der Pioniere gekleidet, muß den Grenzorganen mit Blumenstrauß und Präsentkorb in Anwesenheit von Pressevertretern zu ihrer friedenssichernden Arbeit gratulieren und die Zehn Gebote der sozialistischen Moral herbeten.
Soviel Symbolik muß sein
Während Pauls Vater Hans im Auffanglager Marienfelde in Sprachlosigkeit versinkt und Mutter Katharina für den Besuch des amerikanischen Vizepräsidenten Lyndon B. Johnson Plakate mit Hilferufen malt, versucht Ausbilder Horst Klingspiel (beklemmend: Wilfried Hochholdinger) den Jungen mal fürsorglich, mal hart zu brechen. Wer allein diese haarsträubenden Szenen sieht, begreift den naiven Irrsinn des Plans, mit Zwang einen neuen, sozialistisch freien Menschen zu formen. Grüngraue, kahlbraune, fahl erleuchtete Interieurs, in denen die Umerziehungsmaßnahmen stattfinden, unterstreichen die Abwesenheit jeder Spur von Ostalgie. Als Paul mit seinem Ausbilder eine Pressekonferenz geben soll, besudelt im entscheidenden Moment plötzliches Nasenbluten Pauls reinliche Ehrenhemduniform. Soviel Symbolik muß gestattet sein.
Katharina, die für ein sinnloses Anwaltshonorar mit Erwin Sawatzke geschlafen hat, beginnt, Tag für Tag an der wachsenden Mauer am Treptower Platz zu warten. Irgendwann wartet Hans mit ihr. Und irgendwann sehen sie Paul mit seiner Klavierlehrerin Lavinia, die offenbar durch eins der Häuser einen Fluchtversuch unternehmen wollen.
Nicht mutiger als gewöhnlich
Gedreht wurden die Ost-Berliner Szenen des Films - eine Produktion von Ariane Krampe, Teamworx, in Zusammenarbeit mit dem WDR, Arte und RBB - in Breslau (Wroclaw). Ost-Berlin wurde an den entscheidenden Stellen spätestens nach dem Mauerfall geschichtsvergessen modernisiert, im polnischen Breslau aber lassen sich ganze Straßenzüge mit Jahrhundertwendebauten finden, die mit wenig Aufwand noch aussehen wie Ost-Berlin in den Sechzigern. Szenenbildner Ernst Krajewski macht aus ihnen ungemütlich muffige Mietskasernen, in denen die Hausgemeinschaftsleiterin herrscht und Beschlüsse des Kollektivs verkündet. Daß Hans und Katharina Kuhlke sich hier eigentlich wohl fühlen und im Traum nicht ans Weggehen denken, soll ihre Schlichtheit unterstreichen.
Hans und Katharina sind nicht besonders gebildet, sie sind, anders als ihr Sohn Paul, am Ende nicht mutiger als gewöhnlich - eigentlich sind sie vor allem mittelprächtig und unauffällig. Daß sie das in keiner Weise davor schützt, zu Objekten und Opfern des sozialistischen deutschen Willkürstaats zu werden, bezeugt den unpopulären Wahrhaftigkeitsdrang von Die Mauer - Berlin '61. Der uns allemal lieber ist als Politik und Zeitgeschichte im Fernsehen durch die Brille noch so publikumsaffiner amouröser Verstrickung und heldenhafter Entsagung.
Heute um 20.45 Uhr bei Arte und am 4. Oktober um 20.15 Uhr im Ersten.
Text: F.A.Z., 29.09.2006, Nr. 227 / Seite 44
Bildmaterial: WDR/Bernd Spauke