Schmidt & Pocher

Um uns herum gibt es ja sonst nix

Von Jörg Thomann

Erfolg durch Penetranz: Oliver Pocher auf Schmidts Sofa

Erfolg durch Penetranz: Oliver Pocher auf Schmidts Sofa

18. Oktober 2007 Sie haben ihm schon viel verzeihen müssen, die treuen Anhänger des Entertainers Harald Schmidt: schwache Sendungen über Wochen hinweg, das offen zur Schau gestellte Missbehagen an seinem Job, die kaum verhohlene Verachtung des Publikums, die Verbrüderung mit biederen Fernsehfiguren wie Waldemar Hartmann, die früher natürliche Opfer seiner Spottlust gewesen wären. Noch nie aber hat die Schmidteria so einen schweren Brocken schlucken müssen wie diesen jungen Mann von eigentlich recht zarter Statur: Oliver Pocher.

Zum Wesen des Schmidt-Fans gehörte es stets, sich standesbewusst abzugrenzen vom Humor der niederen Knallchargen der Fernseh-Comedy, zu denen auch Pocher zählte. Und nun hat Schmidt selbst die imaginäre Mauer eingerissen. Er hat den neunundzwanzig Jahre jungen Pocher als gleichberechtigten Partner verpflichtet, wird mit ihm vom 25. Oktober an die wöchentliche ARD-Sendung „Schmidt & Pocher“ bestreiten und hat bereits angekündigt, dass, wenn es nach ihm ginge, Pocher in zwei Jahren gern allein weitermachen dürfe.

„Was ganz Doofes, ganz Blondes“

So ist das eben, wenn ein Mann zum nationalen King of Comedy erklärt wird: Er betrachtet sein Revier als Erbhof und entscheidet absolutistisch, wem er die Krone weiterreichen möchte. Schmidts Hofstaat ist entsetzt: Majestät beleidigt sich selbst. Und tatsächlich ist es auf den ersten Blick die klassische Mesalliance: Bildungsfernsehbürger und Medienproletarier, Praeceptor Germaniae und Lümmel von der letzten Bank. Elke Heidenreich erklärt sich das Ganze beziehungspsychologisch: Wie so mancher ältere Herr habe sich Schmidt „plötzlich noch mal was zwanzig Jahre Jüngeres, was ganz Doofes, was ganz Blondes“ zugelegt, analysiert sie und hofft, dass die Phase rasch vorübergeht.

Vermutlich täuscht sie sich. Einen Pocher wird man so schnell nicht mehr los. Ende der Neunziger war er auf dem Bildschirm aufgetaucht und ging nicht mehr weg. Erfolg durch Penetranz: Von Anfang an merkte man diesem zappelnden Burschen an, dass er hoch hinauswollte, egal wie tief er dafür sinken musste. Viermal bewarb sich Pocher vergeblich als Moderator bei Viva. 1998 trat er bei der Trash-Talkerin Bärbel Schäfer in der Folge „Du bist nicht witzig!“ auf und wurde ausgebuht, im selben Jahr verdingte er sich als Publikumseinpeitscher bei Schäfers Kollegin Birte Karalus. Fast folgerichtig ebnete ihm ein Jahr darauf eine weitere Talkshow den Weg zu seinem Traumjob: Die Hans-Meiser-Sendung „Hans macht dich zum Viva-Star“ verhalf ihm zur einwöchigen Gastmoderation beim Musiksender, eine eigene Sendung folgte. Nationale Bekanntheit sicherten ihm später seine Reklamefilme für den „Media Markt“.

Anders als Schmidt, der die Stuttgarter Schauspielschule besuchte und sich nun, vom Fernsehen gelangweilt, seiner Wurzeln besinnt, zählte für Pocher nur das Fernsehen. Klassenkasper und Streber in einer Person, saugte er Sprache und Gesten von Fernsehkomikern wie Otto Waalkes, Dieter Hallervorden und Harald Schmidt auf, um sie im heimischen Wohnzimmer nachzuspielen; und manchmal, etwa wenn ihm auf der Showbühne ein kehliges Otto-“Jaaah“ entweicht, scheint es so, als tue er das noch heute.

Hat Pocher die „falsche Religion“?

Nur, dass inzwischen nicht nur Familie Pocher, sondern, wie in Frankfurt zum Abschluss seiner Solo-Tour, 1200 Leute zuschauen. Pocher ist längst, was Harald Schmidt nie werden wollte (und auch konnte): ein Mann der Massen. „Aus dem Leben eines B-Promis“ heißt das Programm und dreht sich bezeichnenderweise ausschließlich ums Fernsehen. Es geht um die Heidi-Zeichentrickserie, die Augsburger Puppenkiste, „GZSZ“, „DSDS“ und „Nur die Liebe zählt“. Pochers Zuschauer sind jung, sie grölen, pfeifen und johlen und zeigen, dass sie Pocher als einen der Ihren betrachten. Schließlich ist er ihnen nur ein kleines bisschen voraus, ist einen Tick schlagfertiger und dreister und spricht das aus, was viele nur zu denken wagen. In manchen Momenten scheint es, als könne es Pocher selbst nicht fassen, dass gerade er dort oben steht. Man merkt ihm manchmal an, welche Überwindung es ihn kostet, Grenzen zu überschreiten.

Harald Schmidt hält seinen neuen Kompagnon für ein „Riesentalent“ und hat - bei allen Gegensätzen - mancherlei Anlass, in dem jungen Kollegen sich selbst wiederzuerkennen. Schmidts Vater war Verwaltungsangestellter, der von Pocher Finanzbuchhalter, in beiden Familien spielte Religion eine wichtige Rolle (bei Schmidt der Katholizismus, bei Pocher die Zeugen Jehovas). Schmidt war nach eigener Aussage ein „gehemmtes Kind. Um das zu unterbinden, habe ich mir eine gewisse Schlagfertigkeit antrainiert“, Pocher begann das Witzeln, um „so meinen Minderwertigkeitskomplex, die fehlende Größe und die falsche Religion zu überspielen“. Beide waren durchschnittliche Schüler (Schmidt: Abiturnote 3,2, einmal sitzengeblieben, Pocher: mittlere Reife mit 2,9), beide haben einen ausgeprägten Geschäftssinn, und ebenso wie der bekennende Spießer Schmidt pflegt auch Pocher einen soliden Lebenswandel und hält sich fern von Dingen, die schwer zu kontrollieren sind - wie Drogen, Alkohol und Aktien. Beider Aufstieg folgte über Skandale: Beinahe vergessen ist Schmidts „Dirty Harry“-Phase, in der er sich mit ekligen Filmchen und Tiefschlägen etwa gegen Bettina Böttinger in die Schlagzeilen brachte; Pocher wiederholte es, indem er Mariah Carey mit einer Presswurst verglich. Und auch als Pocher in der Sendung „Blondes Gift“ eher zögerlich und nach Aufforderung durch die Gastgeberin Barbara Schöneberger an die Brüste fasste, gab es ein Vorbild: Harald Schmidt, der Jahre zuvor bei Samantha Fox schon entschlossener zupackte.

Schmerzfrei zeigt sich Pocher auch sich selbst gegenüber. In seiner Pro-Sieben-Show „Rent a Pocher“ schnüffelte er an Hundegenitalien, reckte einem polnischen Schönheitschirurgen seinen haarigen Hintern entgegen und vollzog mit seinem Kumpan Elton ein Speed-Besäufnis, um anschließend vollgedröhnt aufs Fahrrad zu steigen: Mit solchem „Jackass“-Humor ist das ARD-Publikum, das Pocher künftig unterhalten soll, nicht vertraut.

„Um mich herum gibt's ja sonst nix“

Auch mit seinen Parodien auf Leute wie Mark Medlock oder Detlef „D!“ Soost, denen der öffentlich-rechtlich sozialisierte Zuschauer womöglich nie begegnet ist, wird er nicht weit kommen. In diesem Punkt ist Harald Schmidt Pocher meilenweit voraus. Die umfassende klassische Bildung, mit der Schmidt sich über seine Branche erhob, wird Pocher nicht mehr nachholen können, selbst dann nicht, wenn er eines Tages doch noch anfangen sollte, Bücher zu lesen. Und während Schmidt einer der begehrtesten Interview-Partner im Lande ist, der über die RAF, Hitler, Literatur, den Klimawandel, den Papst oder den Tod sinnieren kann, geht es in Gesprächen mit Pocher fast ausschließlich um Pocher.

„Vielleicht bin ich ja der legitime Sohn von Harald Schmidt“, hat Pocher vor drei Jahren gesagt. Früher, als selbst er es erhofft hat, darf er sich nun daranmachen, sein Idol abzulösen - das dabei sogar neben ihm sitzt und ihm zuschaut. Was das Selbstvertrauen angeht, sind sie längst auf Augenhöhe: „Um mich herum gibt's ja sonst nix“, sagt Schmidt, und Pocher meint: „Wenn ich mich umschaue, bin ich in meiner Altersstufe der Einzige.“

Schmidts Thron

Für seine Generation ist das ein Armutszeugnis, ragt Pocher doch weder als Stand-up-Komiker heraus noch als Improvisationskünstler und schon gar nicht als Satiriker. Immerhin hat er es als Einziger gewagt, die Harmonie beim Deutschen Fernsehpreis zu stören, indem er die Entlassungen bei Pro Sieben Sat.1 ansprach; auch hier mag er Schmidt im Sinn gehabt haben, der einst einen Geschäftsführerwechsel bei Sat.1 für eine brillante Abschiedsvorstellung nutzte. Auch beim Fernsehpreis demonstrierte Pocher seine Marotte, bei jeder seiner Pointen loszuprusten, mitunter auch als Einziger im Saal. Kritiker bemängeln das Pochersche Gegluckse als unprofessionell, übersehen dabei aber, dass er es - wie bei seinem Bühnenprogramm bewiesen - abrupt abstellen kann, was auf eine Strategie hindeutet: Wer lacht, hebt die Distanz auf, er macht es anderen leichter, ihn zu mögen.

Und gemocht werden, das will Pocher zweifelsohne. Er wollte ein Star sein, wollte bejubelt werden von den Mädchen und wäre, wenn sein Gesangs- und Tanztalent gereicht hätte, wohl gern auch Boygroup-Mitglied geworden. Über den Umweg der Komikerkarriere hat er sich auch diesen Traum erfüllt. Er hat mit der DFB-Hymne „Schwarz und Weiß“ einen Hit gesungen, der bar jeder Ironie ist, präsentierte auf seiner Tour ein Backstreet-Boys-Medley und schmetterte selbstverliebt einen Robbie-Williams-Song in so schiefen Tönen, wie es sich im deutschen Fernsehen früher nur Rudi Carrell erlaubte. Wer weiß, wohin sein bislang unaufhaltsamer Aufstieg Pocher noch führen wird; Schmidts Kompagnon Manuel Andrack (der Redaktionsleiter bleibt) hat er schon vom Platz vor der Kamera verdrängt. Sollte sich Schmidts Thron doch als zu groß erweisen, wird Pocher gewiss ein anderes Plätzchen finden.

Text: F.A.Z., 18.10.2007, Nr. 242 / Seite 44
Bildmaterial: AP, ARD/Marco Grob, Cinetext/VE, obs, picture-alliance/ dpa/dpaweb

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