Von Jörg Thomann
27. Februar 2008 Am Ende hatte der dreißig Jahre Ältere den Jüngeren doch noch alt aussehen lassen, allerdings hatte er dazu fremde Hilfe benötigt.
Eine knappe Stunde lang hatten sich der achtzig Jahre alte Dieter Hildebrandt und der fünfzig Jahre alte Harald Schmidt in der Sendung Sandra Maischbergers ein Duell auf intellektueller Augenhöhe geliefert: der unermüdliche linke Moralist, der sein kabarettistisches Tun als Inhalt mit Unterhaltung bezeichnet, und der unberechenbare Spätnachtspötter, der mit dem Credo dagegenhält: Hauptsache, die Leute lachen, das ist ja schon schwer genug. Zwei Kollegen und Antipoden, die sich auf der Bühne nie begegneten und auch privat nicht in Freundschaft geraten sind, wie es Hildebrandt etwas eckig formulierte, zwei unbestrittene Meister des komischen Fachs, die ihre beruflichen und öffentlichen Rollen unterschiedlicher kaum auslegen könnten.
Als sich Maischberger einst von n-tv verabschiedete, war Dieter Hildebrandt in ihrer Gesprächssendung der vorletzte Gast. Harald Schmidt war der letzte. Zwei Jahre später gelang es ihr für die ARD nun erstmals, die beiden für ein gemeinsames Interview vor die Kamera zu holen - eine höchst reizvolle Konstellation. Als bundesdeutscher Kabarett-Urvater musste Hildebrandt in Schmidt einen verlorenen Sohn sehen, der den Kampf auf der richtigen Seite aufgab, um sich dem Lebensprojekt Harald Schmidt zu widmen. Schmidt wiederum, der bis Ende der Achtziger im Ensemble des Düsseldorfer Kom(m)ödchens war, hatte später nie verhehlt, von der Schlaumeier-Attitüde des traditionellen Politkabaretts längst angeödet, ja angewidert zu sein - ohne freilich den Namen Hildebrandt je zu erwähnen.
Schmidtchen Schmeichler
Zum offenen Kampf der Komikkulturen kam es bei Sandra Maischberger gestern abend dennoch nicht. Unübersehbar saßen sich hier zwei Männer gegenüber, die einander mit Respekt, wohl auch mit gewisser Bewunderung, aber auch mit großem Unverständnis begegnen. Die beiden Leitwölfe umkreisten einander, zeigten auch mal die Zähne, ohne jedoch zuzuschnappen, fassten einander zunächst aber mit Samtpfoten an. Als Hildebrandt vor Jahren im Publikum des Kom(m)ödchens auftauchte, hatte Schmidt, wie er erzählt, zuviel Respekt. Ich hätte mich nicht getraut, Sie anzusprechen. Aufgrund seines Könnens sei Hildebrandt für ihn der Kabarettist überhaupt gewesen, schmeichelte Schmidt. Er nannte sich, als Maischberger ihn fragte, welche Berufsbezeichnung er heute für sich wähle, nicht Moderator, Entertainer, Schauspieler, Intellektueller oder Zyniker, sondern - Kabarettist. Ich war auch nie etwas anderes.
Nachdem also unwidersprochen zwei Kabarettisten bei ihr saßen, sprach Maischberger das aktuelle Nachrichtengeschehen an. Doch beide, Schmidt wie Hildebrandt, erklärten den Fall Zumwinkel für kabarettistisch erledigt. Das geht so'n VW-Weg, prophezeite Schmidt, mit langen Verfahren und am Schluss fünfzig Euro in die Gerichtskasse. Nicht die Figur Zumwinkel interessiere ihn, so Hildebrandt, sondern die gesamte Kaste der Großverdiener, die die Verbindung zu uns verloren habe. Ob er denn nicht selbst Teil des Establishments sei, hakte die aufmerksame Moderatorin ein, worauf Hildebrandt davon schwärmte, nach seinen Bühnenauftritten die zu ihm eilenden Autogrammjäger riechen zu können. Da musste Schmidt Einspruch erheben: Wer riecht und sich ein Autogramm holt, ist nicht automatisch moralisch höherstehend.
FDP, das tut weh
Die von Hildebrandt verklärten großen anständigen Bürgermassen hätten schlicht nicht die Gelegenheit, so ein Ding zu drehen, urteilte Schmidt, dem das hohe Tier näher steht als der kleine Mann, um den der Kollege sich so sorgt. Die Sozialdemokraten, empörte sich Hildebrandt, seien nur noch für die Opposition geeignet: Sie sollten die Leute verteidigen, die vom Kapitel erdrückt und ausgesondert werden. Schmidt hingegen, den sein stattliches Kapital keineswegs zu belasten scheint, hat den Weg gewählt, an der Oberfläche politisch neutral zu bleiben; andernfalls laufe man Gefahr, die Leute zu bevormunden. Hildebrandt wollte er damit nicht gemeint haben; dass jener politisch so fest verankert sei, sei auch eine Generationenfrage, schob er nach und bezeichnete sich selbst als Wechselwähler. Wenn man gar nichts ernst nimmt, dann kann man auch nirgendwo stehen, tadelte Hildebrandt. Maischberger wiederum wähnte Schmidt in der Nähe Guido Westerwelles, wogegen sich der Gast verwehrte: Das tut mir jetzt weh. Was soll ich bei einer Partei, die sich auflöst? Eher, so Schmidt, sähe er sich bei den Grünen.
Beim Thema Werbung wurde Schmidt zu weiteren Bekenntnissen gedrängt und von Hildebrandt direkt gefragt: Werden Sie so schlecht bezahlt? Ihn trieben Eitelkeit und Bereitschaft der Firma, das Geld zu zahlen, erklärte Schmidt unbekümmert. Auch die Freude an seinen Traumschiff-Touren wollte er sich nicht nehmen lassen und schwärmte wie ein ZDF-Sprecher von der fabelhaften Stimmung im Team. Da konnte Hildebrandt, der auch schon Ausflüge in seichtere Gewässer hinter sich hat, einen Treffer landen. Seine Mitwirkung bei derlei Projekten, sagte er, hänge allein von der Frage ab: Wer schreibt den Text? Ein Kriterium, das Schmidt - wie seine dümmlichen Gentleman-Host-Sätze auf dem ZDF-Kutter belegen - oft sträflich vernachlässigt.
Ein Auto aus Polen
Der entscheidende Angriff aber erfolgte, als zwanzig Minuten vor Schluss mit dem Filmemacher Stanislaw Krzeminski ein Freund Hildebrandts zur Runde stieß und Schmidt dort attackierte, wo der es nicht erwartet hatte: bei seinen vor elf Jahren ausgesprochenen, längst ad acta gelegten Polenwitzen. Diese hätten schlimme Klischees gefestigt, rügte Krzeminski und drückte dem verdutzten Schmidt die Schlüssel eines in Polen zusammengeflickten VW Golfs in die Hand sowie ein Flugticket, um das Fahrzeug in Warschau abzuholen. So unverhofft beschert und getadelt wegen einer Jugendsünde, die für ihn selbst nicht mehr der Rede wert ist, wirkte Schmidt kurz überrumpelt. Etwas verspätet erfolgte sein Konter: Aber wo mein Audi ist, wissen Sie nicht, oder?
Die Anwesenheit des polnischen Gastes lenkte das Gespräch nun auf Flucht und Vertreibung und das Projekt der Erika Steinbach. Das war nicht uninteressant und doch bedauerlich, blieben so doch viele Themen ausgespart, die nach einer Vertiefung geschrien hätten: der gegen Schmidt aufgebrachte Vorwurf, einfallslos und ausgebrannt zu sein (den in seinen letzten Scheibenwischer-Jahren auch Hildebrandt hatte einstecken müssen), die Frage nach Anspruch und Realität der heutigen Fernsehunterhaltung, das Problem, wie man als Künstler über Jahre hinweg nicht an Bedeutung einbüßt. Der Name Pocher fiel kein einziges Mal. Immerhin fand die Sendung einen versöhnlichen Abschluss, indem sich die beiden großen Kleinkünstler auf ein Thema einigten, das ihner Zunft goldene Zeiten verspreche: Klinsi bei den Bayern, so Schmidt, das ist ein Geschenk des Kabarettgottes.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: dpa
