Interview mit Jonathan Newhouse

Wir tanzen nach unserer eigenen Pfeife

“Vanity Fair“ soll die Krise überdauern

"Vanity Fair" soll die Krise überdauern

03. Dezember 2008 Wer glaubte, nach „Park Avenue“ bei Gruner + Jahr werde die deutsche „Vanity Fair“ eingestellt, sieht sich getäuscht. Der Condé-Nast-Chef Jonathan Newhouse widersetzt sich der Krise: „Vanity Fair“ bleibt.

Herr Newhouse, Sie haben Ihren Statthalter in Deutschland, Bernd Runge, verloren. Wie geht es weiter mit Condé Nast in Deutschland?

In der Geschichte eines Unternehmens gibt es manchmal Wechsel. Das gehört zum Geschäft. Momentan bin ich in Deutschland und führe Gespräche mit der Geschäftsführung, den Chefredakteuren und den Publishern. Mittelfristig werden wir einen Ersatz für Bernd Runge finden. Er kann auf eine brillante Karriere bei Condé Nast International zurückblicken. Elf Jahre lang bereiste er nonstop die Welt und arbeitete unermüdlich an der Markteinführung neuer Titel und dem Aufbau von Aktivitäten in einer Vielzahl von Ländern. Er hat sich entschlossen, eine Pause zu machen und von seinen Aufgaben zum Ende dieses Jahres zurückzutreten. Ich bedauere, aber akzeptiere seine Entscheidung.

Einen Nachfolger gibt es noch nicht.

Nein.

Jeder fragt sich jetzt: Wie geht es weiter mit der deutschen „Vanity Fair“? Der Verlag Gruner + Jahr hat gerade das Gesellschaftsmagazin „Park Avenue“ eingestellt. Mit „Vanity Fair“ könnte dasselbe passieren.

Nein, „Vanity Fair“ wird weiterhin erscheinen. Es gibt keinen Grund, „Vanity Fair“ nicht weiterzuführen. Es ist unsere erfolgreichste Marke. Die amerikanische „Vanity Fair“ ist eine Institution, die italienische „Vanity Fair“, die wir vor fünf Jahren gestartet haben, hat eine Auflage von 250 000 Exemplaren und hatte in den letzten beiden Jahren einen Anzeigenumfang von jeweils mehr als sechstausend Seiten. Damit ist das Magazin Marktführer in der westlichen Welt. Die deutsche „Vanity Fair“ entwickelt sich sehr gut, wir haben eine Auflage von über zweihunderttausend Exemplaren, eine ansehnliche Reichweite und eine vielversprechende Leserschaft. Wir haben junge, urbane, wohlhabende, vielseitig interessierte Leser. Von meiner Warte aus entwickelt sich die deutsche „Vanity Fair“ sehr gut. Und was das andere Magazin angeht – wie hieß es noch mal?

„Park Avenue“.

Dazu kann ich nur sagen: „Vanity Fair“ ist eine Weltmarke, Deutschland ist ein wichtiger Markt, dem wir uns verpflichtet fühlen. Ich fliege gleich von München nach Berlin, um dort mit den Kollegen eine Weihnachtsparty zu feiern.

Das Original ist ein Monatsmagazin, in Deutschland erscheint „Vanity Fair“ wöchentlich. Ist das nicht ein Fehler? Das machte es zumindest schwieriger, den Anspruch des Originals in Deutschland einzulösen.

Ich denke, unsere Redaktion in Berlin macht einen sehr guten Job. „Vanity Fair“ widmet sich ernsthaften Themen und der Populärkultur, es vereint das Feuilleton mit der Gesellschaftspresse, verbunden mit einem einmaligen optischen Auftritt. Aber es ist auf dem deutschen Markt ein neuartiges Magazin, und das braucht seine Zeit. Was die Erscheinungsweise angeht, denke ich, dass es eine große Aufgabe ist, ein anspruchsvolles Magazin zu gestalten, ganz gleich, ob es monatlich oder wöchentlich erscheint. In den Vereinigten Staaten und Großbritannien erscheinen wir monatlich, in Italien wöchentlich, das kann in Deutschland auch sehr gut gelingen.

Verlage sehen sich im Augenblick gezwungen zu sparen. Wie sieht das bei Condé Nast aus – mit Kostenreduzierungen und Stellenstreichungen? Da werden gerade bei Ihrem Titel „Glamour“ Veränderungen erwartet.

„Glamour“ ist eine unserer erfolgreichsten Marken, es erscheint weltweit als Monatsmagazin. In Deutschland haben wir uns 2003 für ein zweiwöchentliches Erscheinen entschieden – eine Frequenz, die es so nur in Deutschland bei Magazinen mit älteren, traditionellen Zielgruppen gibt. Auf diesem Markt hat sich „Glamour“ wacker geschlagen, aber wir denken, dass der Anzeigenmarkt die Umstellung nicht vollständig akzeptiert hat. Also werden wir zu den Wurzeln zurückkehren. Von Januar an erscheint „Glamour“ in Deutschland wieder monatlich. Im Zuge dieser Umstellung gibt es eine Reduzierung des Personals, das ist ganz normal. In der großen Redaktion von „Vanity Fair“ mit ihren rund achtzig Mitarbeitern wird es keine derartigen Veränderungen geben.

Bei „Glamour“ soll die Hälfte der sechzig Mann starken Redaktion gehen.

Nein, in dieser Größenordnung bewegt es sich nicht. Ich möchte aber dazu eines sagen: Wir verstehen uns seit jeher als Verleger. Und als Verleger von Magazinen brauchen sie Courage, kreative und engagierte Mitarbeiter, Geduld und – Geld. Wir haben von allem eine Menge. Wir sind keine Buchhalter und keine Finanzanalysten. Es ist mir vollkommen egal, wie sich andere Verlage verhalten. Wir wollen die besten Magazine machen, und wir halten die Kapazitäten vor, die es dafür braucht. Wir sind ein privat geführtes Unternehmen, wir sind nicht an der Börse, wir tanzen nach unserer eigenen Pfeife, nicht nach der anderer. Mach ein gutes Magazin und stelle dich dem Markt – das ist unsere Philosophie.

Aber Sie haben doch bestimmt einen Zeitplan für die deutsche „Vanity Fair“ und wissen, wann das Magazin schwarze Zahlen schreiben muss.

Wissen Sie was? (lacht). Das ist genau die Art des Denkens, die man von Verlagen oder Medienhäusern kennt, die an der Börse notiert sind. Wir denken so überhaupt nicht. Ich möchte Ihnen nur ein Beispiel nennen: Die deutsche „AD Architectural Digest“ ist ein wunderbares, ein exzellentes Magazin, das auch bei den „Lead Awards“ schon mehrfach reüssierte. Wir haben es in Deutschland im Jahr 1997 auf den Markt gebracht. Und was glauben Sie: Wann war es profitabel?

Keine Ahnung.

Im Jahr 2004. Es hat sieben Jahre gedauert, bis es profitabel war, jetzt macht die deutsche AD „Architectural Digest“ einen ordentlichen Gewinn, doch wir haben die Anlaufverluste erst jetzt – noch nicht ganz, aber fast – wettgemacht. Und jetzt stellen Sie sich bitte einmal vor, was ein Bilanzbuchhalter dazu sagen würde: Das ist ein Misserfolg, würde er sagen, das hättet ihr nicht machen dürfen. Aber ich bin ausgesprochen glücklich und sehr stolz auf dieses wunderschöne Magazin, ein Diamant in unserem Portfolio. Nochmals: Wir werden nicht von Finanzanalysten getrieben, wir sind Verleger. Wir bekennen uns zum gedruckten Wort, zu Magazinen und – übrigens – auch zum Internet. Ich gebe nichts auf das Gerede um „Vanity Fair“, wir gewinnen Auflage, wir gewinnen Leser und führen das fort.

Aber was erwarten Sie angesichts der Wirtschaftskrise für die nähere Zukunft? Vor 2009 fürchtet sich die ganze Welt.

Wenn ich auf unsere Auflagen und auf unsere Anzeigenumsätze schaue, dann kann ich nicht erkennen, dass sich die allgemeinen Befürchtungen bislang in unseren Zahlen widerspiegeln. Dazu wiederum ein Beispiel: Unser ältestes internationales Magazin – die britische „Vogue“ – haben wir 1916 aufgelegt. Den Titel gibt es also seit mehr als neunzig Jahren. Im vergangenen Jahr hatten wir bei der britischen „Vogue“ einen Rekord bei der Auflage, beim Anzeigenumsatz und beim Gewinn. Das deutet nicht auf einen absterbenden Printmarkt hin. Qualitätsmarken setzen sich immer durch. Es gibt einen Hunger nach Qualität und nach dem haptischen Empfinden eines echten Magazins, das sich durch hervorragende Visualität und gut geschriebene Texte auszeichnet. Das wird nie und durch nichts ersetzt, auch nicht durch das Internet. Damit will ich nicht sagen, dass die digitale Welt und das Internet keine Auswirkungen auf uns haben – aber davon sind vor allem schwächere Titel betroffen. Wir befinden uns in einem Wettbewerb um Aufmerksamkeit, der sich nach Darwins Evolutionslehre gestaltet. Die Aufmerksamkeit des Publikums, die Lesezeit, verteilt sich auf Magazine, auf Zeitungen und auf das Internet. In diesem Wettstreit befinden wir uns. Manche Verleger haben den Glauben an Print verloren – das gibt uns bei Condé Nast neue Chancen. Das nächste Jahr wird wirtschaftlich sicher schwierig. Aber unsere aktuellen Anzeigeneinbuchungen für 2009 sind auf Vorjahresniveau. Ich habe die Hoffnung, dass es 2009 nicht so schlecht wird, wie manche befürchten.

Harte Zeiten für das Geschäft, aber eine gute Zeit für Verleger?

Ich bin mir nicht sicher, ob es für Verleger eine große Zeit ist, wir sind natürlich unter Druck. Aber für Condé Nast waren die letzten beide Jahre von Rekordumsätzen geprägt – Sie wissen, dass wir unsere exakten Zahlen nicht veröffentlichen –, wir werden 2008 einen leichten Rückschritt verzeichnen. Aber auf lange Sicht wird es für unsere Magazine und für das Geschäft der Verleger gut ausgehen.

Die Fragen stellte Michael Hanfeld.

Stiller Riese: Die Familie Newhouse & Condé Nast

Die Familie Newhouse zählt zu den ganz Großen im Verlagsgeschäft. Ihre Gesellschaft Advance Publications rangiert unter den weltgrößten Medienhäusern auf Platz zwanzig, der Umsatz wurde 2005 auf rund 7,3 Milliarden Dollar geschätzt. Zu Advance gehört die Zeitschriftentochter Condé Nast, deren Flaggschiffe sind die Magazine „Vanity Fair“, „The New Yorker“, „Vogue“, „GQ“ und „Glamour“. Im Fernsehen ist der Konzern an der Sendergruppe Discovery beteiligt. Der dreiundfünfzig Jahre alte Jonathan Newhouse ist der Neffe des Unternehmenschefs Samuel I. „Si“ Newhouse und führt von London aus die Geschäfte von Condé Nast International. Der Verlagschef in Deutschland, Bernd Runge, ist in dieser Woche überraschend von seinem Posten zurückgetreten. Er war vor vier Jahren unter Druck geraten, als seine früheren Verbindungen zur Stasi publik wurden. Jetzt wurde er von Condé Nast mit überschwenglichem Lob verabschiedet. So weltumspannend das Presseimperium ist, so zurückhaltend sind seine Lenker, insgesamt vier Mitglieder der Familie Newhouse sind in der Geschäftsführung. Sie gelten als Verleger mit Hingabe, geben aber kaum Interviews. Mit wenigen Ausnahmen.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Condé Nast

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