Youtube

Wo die herkommen, gibt's noch mehr

Von Harald Staun

Lonelygirl15: Die Königin von Youtube ist nicht, was sie zu sein behauptet

Lonelygirl15: Die Königin von Youtube ist nicht, was sie zu sein behauptet

17. September 2006 Man muß sich Youtube, mit rund 20 Millionen Besuchern monatlich die erfolgreichste Videoplattform im Internet, ein wenig wie Japan vorstellen: eine Gesellschaft mit undurchschaubaren Sitten und Ritualen, in der eine innovationsfreudige Jugend die kulturellen Standards täglich neu definiert, eine Jugend, deren Traditionsbewußtsein maximal bis zu den Popsongs der 80er Jahre zurückreicht. Und deshalb ist es gut möglich, daß man den Ausdruck „Big in Japan“, mit dem man gerne jene Art von Ruhm bezeichnet, der im eigenen Relevanzsystem keine Rolle spielt, bald auf die Stars der Videogemeinschaft umdichtet: „Big on Youtube“. Das Geheimnis ihres Erfolgs kennen meistens nicht einmal die charmanten Dilettanten selbst; und bis sie es herausgefunden haben, sind sie vermutlich schon längst wieder vergessen. Und trotzdem lohnt sich eine Bestandsaufnahme der beliebtesten Videofilmer von Youtube: Sonst glaubt in ein paar Jahren wieder niemand, was man einmal für die Revolution hielt.

Lonelygirl15

Sie war das erfolgreichste Mitglied auf Youtube, bis vergangene Woche ihre wahre Identität enthüllt wurde; jetzt ist sie noch erfolgreicher. Lonelygirl15 alias Bree alias Jessica Rose war der Star von Youtube, als sie noch das einsame Mädchen aus der amerikanischen Provinz war, ein hübscher Teenager mit streng religiösen Eltern, der selbst einen Hang zum Okkultismus zu haben schien und das Haus nur selten verlassen durfte. Und nun, da klar ist, daß es sich bei dem geheimnisvollen Mädchen um eine neuseeländische Schauspielerin handelt und bei den Geschichten um die Fiktionen dreier junger Filmemacher, hat ihr Youtube-Kanal immer noch mehr Abonnenten als jeder andere. Und während ihre Erfinder die Geburt einer „neuen Kunstform“ namens „kollaboratives Erzählen“ feiern, wartet die Youtube-Gemeinde, welcher Star sich als nächste „Fälschung“ herausstellt.

Gary Brolsma

Der mittlerweile 20jährige Anti-Star aus New Jersey mußte sich den Weg zu seinen 15 Minuten Ruhm noch ohne Youtube erkämpfen: Im Dezember 2004 veröffentlichte er seine Karaoke-Version des moldawischen Popsongs „Dragostea din Tei“ auf der Website Newgrounds. Brolsmas ungelenke Choreographie brachte eine unfaßbare Welle Tausender weiterer Videointerpretationen des Stückes hervor, die zwischen Hommage und Häme schwankten und mittlerweile nach einer Textpassage aus dem Lied als „Numa Numa“-Phänomen bezeichnet werden. Noch immer ermittelt eine Google-Suche nach „Numa Numa“ 37 Millionen Treffer - 11 Millionen mehr als etwa der Suchbegriff „Nude women“.

Brolsma selbst zog sich nach Auftritten in großen US-Talkshows zunächst aus der Öffentlichkeit zurück, gab keine Interviews mehr und lehnte jede Fortsetzung seiner unerwarteten Videokarriere ab. Obwohl es älter als die Seite selbst ist, macht das „Numa Numa“-Phänomen das Prinzip von Youtube sehr deutlich: Die erfolgreichsten der sogenannten viralen Videos sind nicht einfach mehr oder weniger amüsante Karaoke-Versionen - sie liefern auch eine anschlußfähige Vorlage für weitere Interpretationen, die sich nicht mehr auf das Original, sondern auf die Parodie beziehen, für eine Karaoke der Karaoke also. Inzwischen hat Brolsma seinen Ruhm verkraftet: Seit Ende August tritt er in einem neuen Video namens „New Numa“ auf, als Werbefigur für einen Hersteller kabelloser Kopfhörer. Das russische Stück, das er darin lippensynchron darbietet, wurde extra für ihn geschrieben.

Brookers

Nach vier (bis dahin) eher unbeachteten Videos versuchte sich auch die 20jährige Kellnerin Brooke Brodack aus Massachusetts im Oktober vergangenen Jahres an einer Version von „Numa Numa“ - und übertraf damit alle bisherigen Beiträge an Witz und Wahnsinn, vor allem aber an Popularität. Fast drei Millionen Mal wurde ihr Clip „Crazed Numa Fan“, den sie gemeinsam mit ihrer Schwester in ihrem Schlafzimmer drehte, bisher angesehen.

Auch in ihren anderen Videos gibt „Brookers“ die sympathische Irre, mal als moderne Mary Poppins in „Supercalifragilisticexpialidocious“, mal als paranoides Opfer in einer Horrorfilm-Parodie, das mit der Versuchung kämpft, eine Tüte Chips zu öffnen. Nachdem Brodack Ende Juni einen Vertrag mit dem Fernsehproduzenten Carson Daly unterzeichnete, gilt sie als erster Popstar, dem der Sprung von Youtube ins Fernsehen gelang.

Geriatric1927

Es ist eben doch ein Unterschied, ob man ein alter Opa ist, der vom Krieg erzählt, oder ein alter Opa, der im Internet vom Krieg erzählt: Der 79jährige Brite, von dem man nur den Vornamen Peter kennt, wurde innerhalb von zwei Wochen zum beliebtesten „Youtuba“, wie er seine jüngeren Kollegen gerne nennt. In seinen Videos berichtet er aus seinem Leben und „meckert und mault über das Leben im allgemeinen“. Peter lebt irgendwo auf dem Land in der Mitte Englands, liebt Motorräder, zuckt immer noch zusammen, wenn er Sirenen hört, und hat keine Tattoos oder Piercings, wie ausdrücklich in seinem Nutzerprofil erwähnt.

Renetto

Der 39jährige Paul Robinett aus Ohio treibt das wohl undurchschaubarste Spiel mit Kategorien wie Authentizität und Inszenierung auf Youtube. Wochenlang kommentierte er als „Renetto“ mit nervenaufreibender Truman-Capote-Stimme andere Youtube-Videos, dann „enttarnte“ er sich als vierfacher Familienvater, Künstler und Geschäftsmann, der sein Geld unter anderem mit Aromatherapie-Kerzen und Designer-Klappstühlen mit Faltdach verdient.

Seitdem verkörperte er das moralische Gewissen der Videogemeinschaft, beschwor den unabhängigen Geist der Community und das Verantwortungsbewußtsein ihrer Mitglieder. Auf die „Enttarnung“ von „Lonelygirl15“ reagierte er zunächst mit einem Wutanfall, wenig später mit dem gelassenen Zugeständnis, sie habe den Zuschauern nur gegeben, was sie wollten, am Ende veröffentlichte er selbst ein Video mit einem gefälschten Anruf des Mädchens.

Immer wieder verwirrt Robinett seine Fans auch mit gespielten „Geständnissen“ über seine wahre Identität: Ende August offenbarte er seine angebliche Freundschaft mit Youtube-Gründer Chad Hurley, der er seine Popularität verdanke, vor wenigen Tagen outete er sich als vermeintlicher Student der Kommunikationswissenschaften aus England, der den Charakter Robinett selbst nur als Teil einer Doktorarbeit erfunden habe. In Wahrheit ist Robinett vermutlich ein Computerprogramm zur Erforschung künstlicher Intelligenz im Internet.

Barats & Bereta

Man muß wohl zumindest die denkmalpflegerische Leistung honorieren, wenn zwei junge Männer den guten alte Knock-Knock-Sketch für die Jugend von heute noch einmal auflegen. Die Scherze der beiden Studenten Luke Barats und Joe Bereta von der jesuitischen Gonzaga University in Spokane, Washington, sind bestenfalls ganz nah am Humor von „The Office“, schlimmstenfalls ganz nah am Niveau des Bayern-1-Spaßtelefons.

Judson Laipply

„Evolution of Dance“ heißt der Schnelldurchgang durch den modernen Tanz, in dem der semiprofessionelle Comedian Judson Laipply von Rock 'n' Roll bis Hip-Hop die einschlägigen Moves der vergangenen fünfzig Jahre veralbert, aber was heißt schon schnell.

Sechs Minuten dauert der Clip, und legt man die Aufmerksamkeitsspanne eines durchschnittlichen Youtube-Users zugrunde, entspricht das der gefühlten Länge eines kompletten „Heimat“-Zyklus.

Trotzdem ist Laipplys Mitschnitt eines Hochzeitauftritts momentan das erfolgreichste Youtube-Video aller Zeiten: Über 32 Millionen Mal wurde das sterbenslangweilige Tanz-Medley bisher angesehen, und nicht nur Kulturpessimisten fragen sich, was eigentlich trauriger wäre: Ob sich tatsächlich 32 Millionen Menschen das Gehopse bisher angesehen haben oder eine Millionen Zuschauer jeweils 32 Mal?

LucyinLA

Auf den ersten Blick klingen die Videonotizen aus dem „wahren Leben einer Möchtegern-Schauspielerin“ eher langweilig. Auf den zweiten Blick sind sie genauso langweilig, wie sie klingen. Ach ja: Einmal hat sie jemand nach einem Casting zurückgerufen. Da war vielleicht was los!

LisaNova

„I make videos“ ist die nicht besonders aussagekräftige Selbstbeschreibung von LisaNova, aber womöglich ist die junge Frau tatsächlich die einzige im Youtube-Universum, die den Titel „Regisseurin“ verdient. LisaNova ist die Autorenfilmerin unter all den Amateurfilmern, alleine schon deshalb, weil sie im Gegensatz zum Großteil ihrer Kollegen gelegentlich auch mal außerhalb ihres Schlafzimmers dreht.

Mit subtilen Pointen und feinen Referenzen an die amerikanische Popkultur kann sie sich gegen die Flut der schnellen Gags behaupten. Im Juni schoß sie an die Spitze der beliebtesten Youtube-Filmer, vielleicht auch dank ihres Zickenkriegs mit der großmäuligen Latina Littleloca, einem anderen Youtube-Sternchen, die sich später ebenfalls als Schauspielerin herausstellte.

LisaNova drehte ein sehr professionelles Video zum Jackie-Wilson-Song „Lonely Teardrops“ und macht sich als Teenie Weenie über Popstars wie Britney Spears oder Paris Hilton lustig. In ihrem beliebtesten Video allerdings offenbart sie drei Minuten lang ihre geheime Leidenschaft: öffentliche Busse.

TheWineKone

Wenn der unglaublich untalentierte Tony aus Ontario endlich aufhören würde, ständig vor seinen unglaublich untalentierten Auftritten zu warnen, würden vielleicht auch die Menschen aufhören, ihre Zeit damit zu verschwenden, ihm dabei zuzuschauen. Aber so ist das im Internet: Die beste Tarnung ist immer noch die Wahrheit. Die glaubt niemand.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 17.09.2006, Nr. 37 / Seite 33
Bildmaterial: youtube.com

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