13. November 2008 Gute Nachricht aus New York: Am 4. Juli, am nächsten amerikanischen Nationalfeiertag, wird der Irak-Krieg enden. Was nur folgerichtig ist, denn Außenministerin Condoleezza Rice gab erstmals zu, die Regierung Bush habe von Anfang an gewusst, dass Saddam Hussein nicht über Massenvernichtungswaffen verfüge. So stand es in der New York Times, und nicht nur darüber durften sich ihre Leser freuen. Außerdem wurde ihnen mitgeteilt, dass der USA Patriot Act umgehend abgeschafft und kein Studiengeld mehr an allen öffentlichen Universitäten berechnet werde, dass die endlich verstaatlichten Ölfirmen mit viel Geld den Klimawandel rückgängig machen wollten und die Nation endlich eine vernünftige Wirtschaft anstrebe.
Wer da noch immer nicht merkte, was die Morgenstunde geschlagen hat, musste spätestens misstrauisch werden, als diese Ausgabe der Times kostenlos an Straßenecken und vor U-Bahnhaltestellen verteilt wurde. Das passiert sonst gelegentlich mit der Daily News oder der New York Post, aber nicht mit der Zeitung, die zurzeit nicht eben üppige Gewinne erzielt und ihre Auflage mit anderen Verlockungen zu stabilisieren sucht.
Etwas dünn im Vergleich mit dem Original
Einen Jux wollte sich da offenbar jemand machen, und vorsichtig war dieser Witzbold oder diese Gruppe von Witzbolden auch, denn die vierzehnseitige Zeitung, eigentlich etwas dünn im Vergleich mit dem Original, trug demonstrativ das Datum des 4. Juli 2009. Wer wissen wollte, wer da unautorisiert an den Druckerpressen tätig war, wurde spätestens im Internet fündig. Unter der ebenfalls nicht ganz koscheren Adresse www.nytimes-se.com war zu erfahren, dass die Yes Men wieder einmal zugeschlagen hatten. Diese treiben seit Jahren ihr lustiges Unwesen in Amerika.
Sie tauchten in New Orleans auf, wo sie sich als städtische Angestellte ausgaben und versprachen, alle Wohnungssuchenden umgehend mit einer Wohnung zu versorgen. Sie schlüpften in graue Bürokratenanzüge, um zu verkünden, dass sich die Welthandelsorganisation auflöse. Sie schlichen sich als Redner in eine Konferenz ein, um als Vertreter von Exxon Mobil und dem National Petroleum Council umweltfreundliche Parolen zu verbreiten.
Die eigentliche Sensation des Stunts
Die Fake Times ist nun ein besonders elaborierter Witz. Sechs Monate lang wollen die Yes Men, deren Pressemitteilungen vielleicht auch nicht ganz ohne das immer wichtige Körnchen Salz genossen werden sollten, daran gearbeitet haben. Was nicht übertrieben scheint, denn selbst Anzeigen wurden nicht vergessen. Über eine ganze Seite hinweg meldet sich Exxon Mobil zu Wort, um das Ende des Irak-Kriegs mitzufeiern, nicht zuletzt weil es eine ausgesprochen gute Idee sei, von der die Welt profitieren könne.
Verteilt wurde die stolze Auflage, die angeblich an sechs verschiedenen Orten gedruckt wurde und weit über eine Million Exemplare umfasste, auch in Los Angeles, San Francisco, Chicago, Washington und Philadelphia von Tausenden von Freiwilligen, und dass keiner von ihnen im voraus etwas durchsickern ließ und die echte Times von der falschen keinen Wind bekam, ist vielleicht die eigentliche Sensation des Stunts.
Ein ehemaliger Princeton-Student hatte es auf 32 Seiten gebracht
Denn es war nicht das erste Mal, dass die Times Opfer von Nachahmern wurde. Im City Room-Blog der Zeitung, wo der Vorfall bereits verarbeitet wird, erinnert Sewell Chan, der tatsächlich Redakteur der Times ist, an I Can't Believe It's Not The New York Times, eine Parodie, die der unangepasste Unternehmer Richard Branson am 1. April 1999 verteilen ließ, und an eine zweiunddreißig Seiten dicke Guerilla-Ausgabe, deren Urheber ein ehemaliger Princeton-Student war. Geradezu berühmt geworden ist die betrügerische Times, die 1978 wunderbarerweise während des Zeitungsstreiks erschien und Artikel von vielen Stars des Gewerbes enthielt, unter ihnen der Watergate-Enthüller Carl Bernstein und George Plimpton, der Herausgeber der Paris Review.
Während die Times sich offiziell noch sehr reserviert über den Streich äußerst, rät ihr der Pressefachmann Alex S. Jones, Direktor des Joan Shorenstein Center on Press, Politics and Public Policy an der Harvard Kennedy School, das Ganze als gigantisches Kompliment aufzufassen. Die Yes Men hätten aber sicher auch nichts dagegen, wenn ein paar Anwälte losgeschickt würden. Dann ginge der Witz weiter.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP