Fernsehkritik

Kreuzfahrten für alle

Von Jörg Thomann

Der Mann, der mal für Kopfschmerzmittel warb

Der Mann, der mal für Kopfschmerzmittel warb

01. Februar 2007 Dann wollen wir einmal im Analogiebaukasten kramen, den jeder Journalist unter seinem Schreibtisch zu stehen hat. Zuoberst liegt, wie immer, der Fußball. Nehmen wir also einen hochbezahlten Kicker, der seine glanzvolle Karriere auf einem überragenden Talent aufgebaut hat, und nennen wir ihn ruhig Michael Ballack. Wie schmerzlich wird der Mann bei seinem alten Club vermisst, und wie schwer kommt er bei seinem neuen in die Gänge! Bei Bayern ein Antreiber und Vollstrecker, bei Chelsea nur ein Mitläufer, der schlecht integriert und uninspiriert wirkt. Womit wir - Achtung, Übergang! - bei Harald Schmidt wären.

Was hat der Mann bei Sat.1 für Glanzvorstellungen geliefert, und wie matt zeigt er sich dagegen bei der ARD! Schmidt, der mal für Kopfschmerzmittel warb, müsste schnellstmöglich für eine Viagra-Reklame verpflichtet werden, so häufig war, wenn man über ihn schrieb oder sprach, von Lustlosigkeit die Rede. Der hochbezahlte ARD-Star, dessen Wochenarbeitszeit mit zwei Halbstundenshows noch unter der eines Michael Ballack liegt (Trainingseinheiten nicht eingerechnet), schien sich keine Mühe mehr zu geben und nur noch seinen Stiefel herunterzuspielen.

Chelseas Trainer hat auf die ständige Kritik an den Leistungen seines Teams reagiert und wird demnächst gehen. Bei der ARD, wo immer alle und keiner verantwortlich sind, ist eine solche Lösung undenkbar: Schmidt wird sich allein wieder in Form bringen müssen. Gestern Abend nun ist er aus der Winterpause zurückgekehrt, und weil es eine solche in England nicht gibt, soll es mit den Parallelen nun wirklich ein Ende haben.

Wir steigern das Bruttosozialprodukt

Von den sechs ARD-freien Wochen hat Schmidt drei mit dem ZDF verbracht. Nicht auf dem Mainzer Lerchenberg, sondern auf dem Luxusliner „MS Deutschland“, besser bekannt als „Das Traumschiff“. Auf der Fahrt nach Valparaíso hat Schmidt ein wenig geschauspielert, vor allem aber viel Zeit gehabt, um sich zu entspannen - und sich auf neue, alte Aufgaben vorzubereiten. Der Auftritt, den der gut erholte Entertainer gestern Abend in seiner ARD-Show hingelegt hat, sollte den Führungskräften in diesem Land der inneren Kündigungen zur Anschauung dienen, wie man das Bruttosozialprodukt massiv ankurbeln könnte: Wie wäre es mit Kreuzfahrten für alle?

Magath, Kurnaz, die RAF-Hälftlingsdebatte: Es war, als hätten diese durch die Medien mäandernden Themen des Tages auf einen wie Schmidt gewartet, der sie endlich richtig einordnen würde. Für die Problemfälle Klar und Mohnhaupt hatte er für die Bundesregierung eine bestechende Lösung parat: „Wir lassen sie frei - aber organisiert wird es von Frank-Walter Steinmeier.“ Zugleich orakelte er, dass die neugewonnene Freiheit nicht nur befreiend sein dürfte: „Was erwartet sie draußen? Soziale Kälte, Arbeitslosigkeit, Kerner.“ Die neu aufgeflammten Gerüchte, dass Handys - auch bei „Passivtelefonierern“ - Krebs erzeugten, nannte Schmidt die „Rache der Natur an den 'Bild'-Leserreportern.“

Das Kurnaz-Puzzle

Außerdem präsentierte er das für Tüftler konzipierte Murat-Kurnaz-Puzzle (nur Bart) und verblüffende Bilder Uwe Hücks, des Betriebsratsvorsitzenden bei Porsche, der die Arbeitgeber wollbemützt und in monotonem Stakkato dazu aufforderte, „von ihrem hohen Niveau“ herunterzukommen, also vermutlich in jene Gefilde, in denen er selbst zugange ist. Ein Rhetoriker wie Joseph Goebbels, urteilte Schmidt, habe wenigstens Tempo und Rhythmik beherrscht - was man ja wohl feststellen dürfe, wo Goebbels gerade neben Helge Schneider im Kino Erfolge feiere. Zu Hücks Wollmützenwüterei hingegen fiel ihm ein: „Sowas habe ich zum letzten Mal gesehen bei 'Einer flog übers Kuckucksnest'.“

Selbst ein lustloser Harald Schmidt ist in der Regel erträglicher als ein sich redlich mühender Oliver Pocher. Gestern Abend aber zeigte er endlich mal wieder jene brillanten Momente, mit denen er sich Ruhm und Reichtum erarbeitet hat. Dass er im Gespräch mit seinem Gast, der für die erkrankte Cosma Shiva Hagen („gute Besserung - auch für die Mutter“) eingesprungenen Schauspielerin und Moderatorin Nora Tschirner, wie gewohnt einen Gang zurückschaltete, ließ sich verschmerzen - auch weil Tschirner ein weiteres Mal den Beweis dafür lieferte, dass diese Welt ein besserer Platz wäre, wenn sie nur von mehr berlinernden jungen Frauen bevölkert würde. Tschirner war es auch, die Schmidt die Frage stellte, die alle interessierte: Wie es denn auf dem „Traumschiff“ gewesen sei? „Sensationell“, sagte Schmidt, „das ZDF weiß ja nicht, welch geniale Produktion es den Mitwirkenden bietet.“

In völlig neuem Licht erscheint uns nun die Meldung, dass Harald Schmidt seinen Freund und Kollegen Günther Jauch, bevor der der ARD absagte, beraten haben soll: Er wird ihm ans Herz gelegt haben, zum ZDF zu gehen.

Text: FAZ.NET
Bildmaterial: ARD/Klaus Görgen

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