Von Heike Hupertz
26. April 2008 Preisfrage: Was haben Konrad Adenauer, Tolkiens Roman-Trilogie Der Herr der Ringe, Michael Schumacher, das Rad, das Lied Wind of Change von den Scorpions, Fußball-Kaiser Franz Beckenbauer, der Kölner Dom, Heinz Rühmann, Loriot, Herbert Grönemeyer und der Mauerfall gemeinsam? Für Fernsehzuschauer liegt der Fall klar auf der Hand. Die Genannten sind unsere Besten.
Besser gesagt: Unsere Besten sind sie nicht wirklich, sondern vielleicht eher unsere Beliebtesten. Obwohl auch das nicht so richtig stimmt, denn unsere Beliebtesten sind sie nicht zwangsläufig, sondern die Sieger unter den Beliebtesten, die das ZDF im Vorfeld jeder neuen Ausgabe seiner Unterhaltungsreihe Unsere Besten auf durchaus überschaubaren Listen im Internet zur völlig unrepräsentativen Abstimmung aufstellt.
Gesucht: Der konsensfähige Sieger
Offenbar möchte man durch die Vorauswahl seitens des Senders gröberen Unfug der Zuschauer vermeiden - auch wenn das nicht immer klappt, wie 2003 die Wahl Daniel Küblböcks zum sechzehntgrößten Deutschen aller Zeiten eindrucksvoll bewiesen hat. Jedenfalls wäre es mindestens ebenso peinlich gewesen, wenn in der 2005 ausgestrahlten Sendung Unsere Besten - Die größten Erfindungen beispielsweise der Eiertrenner, der Silikonbusen oder das Atomkraftwerk unter den Top-Favoriten gelandet wären. Gegen das Rad, das wir noch vor die Glühbirne stattdessen auf Platz eins gesetzt haben, kann dagegen nun wirklich niemand etwas haben. Das Rad ist unbestreitbar nützlich, ästhetisch formschön und vor allem ist es absolut konsensfähig.
Und darauf kommt es bei Unsere Besten letztlich an - egal ob die Ausgaben nun Die größten Fernsehmomente, die Sportler des Jahrhunderts oder Die Lieblingsorte der Deutschen heißen. Würdig muss der Sieger zuallererst sein, und es Guido Knopps Zeitgeschichte-Redaktion darüber hinaus erlauben, möglichst viel Bildmaterial zu emotionsgeladenen Stücken zusammenstellen zu können. Wie beim Mauerfall, der künftig als allerbemerkenswertestes TV-Highlight (Moderator Johannes B. Kerner) nach Meinung der Abstimmenden ins Fernseharchiv des kollektiven Gedächtnisses gehört.
Nur die schönen Momente ...?
Auch nach dieser Sendung gibt es also wieder einen rundherum akzeptablen Sieger, der zu Freude schöner Götterfunken am Ende im Studio nahezu entfesselt bejubelt wurde. Und es gibt natürlich allerlei Merkwürdigkeiten, wie sie Hitlisten, die das Vergleichen von Äpfeln und Birnen zum Prinzip erhoben haben, eben so enthalten. Im vergangenen Jahr schob sich bei Unsere Besten - Musikstars aller Zeiten Ludwig van Beethoven (Platz 6) gerade noch so zwischen Nena (5.) und Roy Black (7.), während es für Johann Sebastian Bach nur zu einem bescheidenen 34. Rang reichte. Modern Talking landeten auf Platz 13. Diesmal sieht man den Streit der Mädchen der Popband Tic Tac Toe (Platz 48) in einer Besten-Sendung zusammen mit der Mondlandung (Platz 2) und dem Wunder von Lengede (Platz 7).
Immerhin wissen wir dank des Fernsehjournalisten Claus Kleber nun, was einen großen Fernsehmoment von einem lediglich geschichtlichen Ereignis unterscheidet. Es sind die großen Emotionen. Entscheidend ist die Anteilnahme. Wir müssen spüren, dass wir dabei gewesen sind. Auch wenn wir streng genommen nicht dabei gewesen sind, sondern bloß ferngesehen haben. Wir sind schließlich das Fernsehvolk. Wobei bei Die größten Fernsehmomente auch wieder nicht jede Art von Zuschauer-Anteilnahme gewünscht ist. Als Inka Bause, die Moderatorin von Bauer sucht Frau, im Studio auf Kerners Frage nach ihrem bewegendsten TV-Moment den 11. September wählt, belehrt Kerner sie: Nur die schönsten Momente dürfen an diesem Abend zählen. Etwa solch schöne wie die Hamburger Sturmflut vom 17. Februar 1962, der 315 Menschen zum Opfer fielen (Platz 19)?
Sportstudio und Wetten, dass...?
Doch wer wird schon kleinlich sein wollen. Die größten Fernsehmomente, das sind selbstredend die Hochzeiten bei Königs und die Krönungen von Königin Elizabeth II. von England (Platz 38) und Papst Benedikt (Platz 3), zu denen wir durchs Fernsehen ja höchstpersönlich eingeladen waren. Neben 500 Millionen anderen Zuschauern bei Carl Gustav von Schweden und der deutschen Olympiahostess Silvia Sommerlath 1976 (Platz 50), oder neben 750 Millionen anderen bei der Traumhochzeit von Lady Di und Prince Charles 1981 (Platz 6). So etwas verbindet eben.
Ebenso wie die größten sportlichen Siege in Fußball, Boxen (Henry Maske auf Platz 49), Tennis (Steffi Graf auf Platz 46, Boris Becker auf Platz 18) und Eiskunstlauf (Platz 40). Folgt man der Sendung Unsere größten Fernsehmomente, dann haben vor allem Das aktuelle Sportstudio und Wetten, dass…? Fernsehgeschichte geschrieben. Und Genscher auf dem Balkon der Prager Botschaft, Willy Brandt beim Kniefall in Warschau und John F. Kennedy in Berlin.
Offensichtliche Höhepunkte
Neben solchen offensichtlichen TV-Highlights finden sich diesmal tatsächlich auch echte Perlen der Fernsehgeschichte im engeren Sinn und ihre Gestalten. Wie Günter Jauch und Marcel Reif. In der Sendung sitzen beide neben Claus Kleber, Inka Bause und Katharina Witt im Studio und kommentieren, wie sie am 1. April 1998 geschlagene 76 Minuten bei RTL live ein zufällig umgefallenes Fussballtor im Champions-League Halbfinale kommentierten (Platz 22). Ebenso unübertrefflich sind der zufällige Putzmann in der Tagesschau (Platz 36), Horst Schlämmers Auftritt bei Wer wird Millionär mit Günter Jauch (Platz 33), Dalli-Dalli mit Hans Rosenthal (Platz 27) oder Willy Brandts Knopfdruck für das Farbfernsehen am 25.8.1967 (Platz 45), dessen Umstellung allerdings praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand, weil die allermeisten Zuschauer nach wie vor Schwarz-Weiss-Geräte besaßen.
Hätte man sich ausschließlich auf einen eher selbstbezüglichen Kanon der Fernsehgeschichte beschränkt, hätte diese Folge von Unsere Besten richtig kurzweilig werden können. So aber gewann höchst vorhersehbar der Mauerfall vom 9. November 1989 das Ranking der größten Fernsehmomente. Und gesellt sich zu Adenauer, dem Rad, den Scorpions und Grönemeyer.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: dpa, F.A.Z./Barbara Klemm
