Olympia im Fernsehen

Ich sehe, was du nicht siehst

Von Gesine Hindemith

16. Juli 2008 Wer hätte sich nicht schon mal gewünscht, beim Anschauen von Sportereignissen in die Fernsehberichterstattung einzugreifen, man denke nur an die gerade erst überstandene Fußball-EM. Den Kommentator gegen einen anderen austauschen vielleicht oder ihn einfach abstellen. Dergleichen Wünsche könnten demnächst in Erfüllung gehen. Vom 9. August an werden die Olympischen Spiele in Österreichs öffentlich-rechtlichem Fernsehen zu einem Feldversuch. Erprobt werden soll ein revolutionäres interaktives Fernsehformat, bei dem der Zuschauer selbst auf das Medienereignis Olympische Spiele zugreifen kann.

Der ORF liefert damit die Bühne für die bisherigen Ergebnisse des großangelegten Forschungsprojektes „Live Staging of Media Events“, das mit 11,2 Millionen Euro von der Europäischen Union gefördert wird. Beteiligt sind neun Partner, darunter das Fraunhofer Institut und die Kunsthochschule für Medien in Köln.

Keine Berichterstattung mehr im eigentlichen Sinne

Fünfhundert Haushalte in Österreich nehmen an dem Feldversuch teil. Per Fernbedienung sollen sie aktiv ins Programm eingreifen können. Es stehen vier parallele Sendekanäle zur Verfügung, die aus zwölf Live-Datenströmen gespeist werden und zusätzlich eine ganze Menge Archivmaterial enthalten. Der Zuschauer erhält immer wieder Hinweise und Informationen darüber, was gerade parallel läuft, ob ein Finale oder eine wichtige Entscheidung bevorstehen, die eingeblendeten Moderatoren oben links in der Ecke des Bildschirms können ein- und ausgeschaltet werden. Das könnte dann so gehen: Während der Übertragung eines Wettbewerbs wird etwa darauf hingewiesen, dass auf einem anderen Kanal vorab geführte Interviews mit einigen Athleten zu sehen sind. Der Zuschauer nimmt das Angebot an, schaltet um und bekommt auf diesem Kanal nun zusätzlich auch die Möglichkeit, den Medaillenspiegels abzurufen.

Das Ganze ist als intelligenter „Media-Frame“ gedacht, dessen Entwicklung ein Hauptanliegen des Forschungsprojekts ist. Das Programmangebot wird durch die Zugriffe der Zuschauer immer wieder verändert und an deren Bedürfnisse angepasst. Um dies sicherzustellen, werden ständig Zuschauer begragt und deren Verhalten aufgezeichnet. Der Regisseur als „Videodirigent“ entscheidet dann über das weitere Angebot. Es handelt sich also nicht mehr im eigentlichen Sinne um eine Berichterstattung, sondern um eine neuartige Verarbeitung medialer Großereignisse, die den Produktionsprozess verändert.

Berufsbild: „Videodirigent“

Das Zauberwort bei der Geschichte lautet „Echtzeit“. Denn hierin liegt die wirkliche Revolution: „Bisher konnte man nämlich nicht in Echtzeitströmen suchen“, sagt Carmen Mac Williams, eine Forscherin der Kunsthochschule Köln. Die Auswertung des unglaublich großen Datenstroms ist der Schlüssel zu „Live Staging of Media Events“. Dazu haben die Forscher der Kunsthochschule eben das Profil eines „Videodirigenten“ geschaffen, der mit einem Team im Hintergrund die Daten ordnet und die Reaktionen der Zuschauer einarbeitet. Die Live-Daten der Wettbewerbe werden mit Zusatzinformationen, Archivmaterial, Dokumentationen und aktuellen Zusammenfassungen abgemischt. Der „Videodirigent“ ist vor allem mit der Vernetzung der Daten beschäftigt: Er schafft erst die Verknüpfungspunkte, an denen der Zuschauer umschalten kann. „Das ging bisher nicht“, sagt Carmen Mac Williams. Sie glaubt, dass es funktionieren wird: „Es muss allerdings mit Blackouts gerechnet werden. Das Ganze ist schließlich ein Feldversuch.“

Für den ORF hat dieser Testversuch einige Bedeutung. Läuft alles gut, hat man Erfahrung gesammelt für die Entwicklung eines neuen digitalen Sportkanals. Als 2004 der Vorschlag zu diesem Projekt kam, war der ORF der einzige Sender, der sich darauf einlassen wollte. Der ORF glaubt, auf Innovation setzen zu müssen, sagt Carmen Mac Williams. Damals habe es geheißen: „Wenn wir das nicht machen, sind wir in zehn Jahren weg.“



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Michael Jung

 
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