20. November 2007 In den Vereinigten Staaten setzt sich der Trend fallender Auflagenzahlen bei fast allen wichtigen Tageszeitungen fort. Wie das Audit Bureau of Circulations“ jetzt mitteilte, verloren die etwa sechshundert Titel, deren Auflagen die gemeinnützige Institution überwacht, im vergangenen halben Jahr wochentags durchschnittlich 2,4 Prozent an Auflage, die Zahl der verkauften Exemplare an Sonntagen ging im Vergleich zum Vorjahr um 3,5 Prozent zurück. Zu den wenigen Titeln, die gegen den Trend ihre Auflage steigern, zählt der Marktführer USA Today“, der seine Auflage um ein Prozent auf knapp 2,3 Millionen Exemplare steigern konnte. USA Today“ erscheint nicht an Wochenenden.
Das Wall Street Journal“, das montags bis samstags erscheint, musste einen Auflagenrückgang von 1,5 Prozent auf jetzt 2,01 Millionen hinnehmen. Die drittplazierte New York Times“, die mit sieben Ausgaben vertreten ist, verzeichnet einen Rückgang der Wochentagsausgabe um 4,5 Prozent auf 1,04 Millionen Exemplare; der Auflagenschwund bei der Sonntagsausgabe lag bei 7,6 Prozent, die verkaufte Auflage liegt bei 1,5 Millionen.
Wie reagiert die Werbewirtschaft?
Die Los Angeles Times“ scheint ihre seit Jahren andauernde Talfahrt beendet zu haben. Das Blatt, das um das Jahr 2000 wochentags 1,1 Millionen Exemplare verkaufte und seither einen stetigen Rückgang erlebt hatte, konnte die Auflage auf 780.000 Exemplare stabilisieren. Jedoch büßte die Sonntagsausgabe abermals fünf Prozent Auflage ein und kommt jetzt auf 1,1 Millionen Exemplare. Andere Blätter an der Westküste mussten wegen der Krise auf dem Immobilienmarkt deutliche Auflagenverluste hinnehmen. Auch in Staaten wie Michigan, die von den Massenentlassungen in der Automobilindustrie betroffen sind, lagen die Auflagenrückgänge über dem Marktdurchschnitt.
Trotz des fortgesetzten Auflagenschwunds zeigten sich die Geschäftsführer der großen Verlage verhalten zuversichtlich. Wir glauben, dass wir eine erfreuliche Entwicklung im Auge behalten müssen“, sagte der Chef der Washington Post“, die einen Auflagenrückgang um 3,2 Prozent hinnehmen musste. So habe eine Analyse der Lesegewohnheiten bei 88 großen Zeitungen in den letzten zwei Jahren bei der Hälfte der untersuchten Blätter eine stabile oder wachsende Leserzahl ergeben, wenn man die Nutzung der Print-Ausgaben und der Online-Angebote zusammen nehme. Das Internet habe, anders als die gedruckte Ausgabe, eine wachsende Zahl junger Erwachsener angezogen – die wichtige Zielgruppe für die Werbewirtschaft. Bisher profitieren die Verlage von diesem Trend aber nicht: Nach wie vor wandern Werbekunden trotz einer robusten wirtschaftlichen Entwicklung von den Zeitungen zu den elektronischen Medien ab, ohne dass die Online-Auftritte der Zeitungen die Werbeverluste der gedruckten Ausgabe wettmachten. Die Werbewirtschaft glaubt offenbar, dass die Nutzer von Websites zu kurz auf den Seiten bleiben, als dass die Botschaft der Werbung sie nachhaltig genug erreiche.
Murdoch: Kultur des Internet ist kostenlos
Als weiterer Trend auf dem amerikanischen Zeitungsmarkt lässt sich erkennen, dass Gebühren für den Online-Auftritt passé sind. Die New York Times“ gewährt nach einem Experiment mit einem kostenpflichtigen Premium-Angebot“ inzwischen wieder kostenfreien Zugang zu ihrem gesamten Online-Angebot. Bisher konnte nur das Wall Street Journal“ eine beachtliche Zahl bezahlter Abos seiner elektronischen Ausgabe gewinnen – gut eine Million. Wie der neue Besitzer des Wall Street Journals“, Rupert Murdoch, jüngst bekräftigte, wird die Zeitung ihr Online-Angebot künftig kostenlos stellen. Es gehöre zur Kultur des Internet“, die Inhalte kostenlos anzubieten. Auf diese Weise könne die Zahl der regelmäßigen Nutzer der Internetseite von derzeit einer Million auf etwa zwanzig Millionen gesteigert werden. Online-Angebote, für die sich die Nutzer anmelden müssten, seien ein Fehler“, sagte Murdoch.
Zunächst soll jedoch der Umfang der Printausgabe des amerikanischen Wall Street Journal“ um fünfzehn bis zwanzig Prozent steigen, derjenige der Samstagsausgabe werde sich hoffentlich verdoppeln, sagte Murdoch. Dazu solle die nationale und internationale Berichterstattung ausgebaut werden. Dass die Online-Auftritte das Zeitungsgeschäft kannibalisierten, das fürchtet offenbar niemand mehr. So langsam setzt sich die Erkenntnis durch, dass sie zu stärken den Zeitungen nutzt, auch wenn man um junge Leser, Auflagen und Marktanteile mehr kämpfen muss denn je.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP