FAZ.NET-Fernsehkritik

Hardrock schlägt Hiphop

Von Peer Schader

Raab mit Co-Moderatorin Johanna Klum: Schlagfertig und die schönsten Knie des Abends

Raab mit Co-Moderatorin Johanna Klum: Schlagfertig und die schönsten Knie des Abends

11. Februar 2007 Niemand kann erwarten, dass sich das irgendwer vier Stunden am Stück ansieht. Aber dafür ist es wohl auch gar nicht gemacht. Wenn Pro Sieben wieder sein Programm einen ganzen Abend für Stefan Raab freiräumt, ist man als Zuschauer längst daran gewöhnt, zwischendurch mal aus dem Zimmer gehen zu können oder nebenbei ein bisschen in der Zeitung zu blättern.

Stefan Raab hat mit seinen endlos langen Liveshows ein Fernsehen für Nebenbeigucker erfunden. Das ist gar nicht negativ gemeint. Es ist nur so, dass man bei den ganzen Wok-WMs, den „Schlag den Raab“-Shows und den zahllosen anderen Wettbewerben, die der 40-Jährige im Jahr so alle bestreitet, nicht permanent hinsehen muss und sich nachher trotzdem gut unterhalten fühlen kann.

Bekannte Gesichter und Newcomer

Am Freitag musste Raab sich ausnahmsweise einmal nicht selbst verausgaben. Einmal im Jahr lässt er andere ans Mikro und spielt den Conferencier beim „Bundesvision Song Contest“, einem Länderwettbewerb, in dem 16 Künstler gegeneinander antreten, um nachher eine Trophäe mit nachhause zu nehmen, die von den Zuschauern per Telefeonvoting vergeben wird.

Ein paar bekannte Gesichter sind immer dabei und jede Menge Newcomer, weil es in Deutschland so viele Stars nun auch wieder nicht gibt, um jährlich 16 Berühmtheiten zu verschleißen. Bei den meisten Künstlern kann man beobachten, wie ihre Alben einen Tag später in den Verkaufs-Charts der Online-Händler nach oben rutschen, aber viele sind nach kurzer Zeit auch wieder vergessen.

Auf den Spuren von Lordi

Dass am Ende die Hardrocker Oomph! mit ihrem Song „Träumst du“ für Niedersachsen gewannen, war eine kleine Überraschung - aber das war es bei den Monsterrockern Lordi in Griechenland im vergangenen Jahr ja auch. Eigentlich galt der für Hamburg angetretene Jan Delay mit seinem Song „Feuer“ und dem dazugehörenden Pyrochtechnikspektakel als Favorit beim dritten „Bundesvision Song Contest“. Delay kennt man (nicht nur in Hamburg) von der Band Absolute Beginner.

Bereits in den beiden Jahren zuvor hatten bei der Abstimmung die Charts-Bekanntheiten Juli und Seeed die Nase vorn. Seeed, die im vergangenen Jahr für Berlin antraten, hatten den Contest in die Hauptstadt geholt.

Berlin als ideale Bühne

Wenn man bedenkt, wie unspektakulär Raabs Wettbewerb im vergangenen Jahr in Wetzlar aussah, müsste man sich eigentlich wünschen, dass die Berliner ab jetzt immer den Sieg abräumen. Im nächsten Jahr muss wohl erst einmal Hannover reichen. Das Berliner Tempodrom, von außen knallrot mit dem Pro Sieben-Logo angeleuchtet, war mit den sich um die Rundbühne in der Mitte schlingenden Zuschauerränge die ideale Contest-Umgebung. Und ausgerechnet die Band Mia machte mit ihrem Titel „Zirkus“, für den Sängerin Mieze in luftiger Höhe über der Bühne herumturnte, den Anfang.

Vor drei Jahren waren Mia bereits beim Vorentscheid für den „Eurovision Song Contest“ in der ARD dabei und mussten sich damals dem Raab-Zögling Max Mutzke geschlagen geben. Um viertel nach zwölf waren im Velodrom dann einige Buh-Rufe gegen Oomph! zu hören, weil das Publikum - wenn schon nicht Mia - doch wohl am liebsten Delay als Gewinner gesehen hätte.

Spaßige wie abwechslungsreiche Mischung

Dabei waren es nur wenige Punkte, die Oomph! mit ihrem Scheinwerfergewitter und den Tänzerinnen, die sich ihrer züchtigen Schulkleidung auf der Bühne zugunsten glitzernder Cheerleader-Outfits entledigten, vorne lagen. In jedem Fall hat Raab ein glückliches Händchen, eine ebenso spaßige wie abwechslungsreiche Mischung unterschiedlicher Künstler und Stilrichtungen für den Wettbewerb zu gewinnen.

Furchtbarer Deutschrock, bei dem sich „Zu viel Türen“ auf „Ängste spüren“ reimt, hat da genauso Platz wie exotischer Elektropop und Beatmusik. Der Rapper D-Flame trat für Hessen mit dem alleinerziehenden Müttern gewidmeten „Mom Song“ an, tänzelte im Anzug mit Hut und blitzendem Goldzahn auf umgedrehten Dalli Dalli-Waben, zum Refrain stand im Hintergrund ein kompletter Gospelchor bereit. Dazwischen war auch Platz für sanftere Töne wie bei Sängerin Manja, die mit Gentleman's Far East Band „Es ist die Liebe“ hauchte und aus einem anfänglichen Popsong ganz plötzlich in Reggae überging.

Schlagfertige Klum

Wo, wenn nicht hier soll Ex-“Echt“-Sänger Kim Frank - jetzt mit schulterlangem Haar und Geigerinnen in Gepäck - seinen Comebackversuch starten (und nachher immerhin Platz 3 ergattern)? Und dann spielten auch noch Seeed eine türkische Version ihres Vorjahreshits „Ding“. Das sieht man tatsächlich nicht alle Tage im Fernsehen.

Als Unterstützung hatte Raab sich in diesem Jahr Viva-Moderatorin Johanna Klum geholt, die noch gar nicht so bekannt ist, was man sehr schade finden kann, weil Klum ihre Aufgabe äußerst schlagfertig meisterte, flott Interpreten und Einspieler ankündigte und dabei in ihrem sehr kurzen Kleidchen auch noch die schönsten Knie des Abends vorzeigte. Raab sah in seinem ausgewaschenen Jeans, dem blassen Hemd und dem braunen Sakko nebendran eher ein bisschen so aus als müsse er gleich noch mal zur Tanke.

Überdrehte Radiomoderatoren

Nach dem Voting der Zuschauer schaltete Pro Sieben wieder zu den Voting-Partys in die Bundesländer, wo völlig überdrehte Moderatoren der lokalen Radiopartner - wie jedes Jahr - versuchten, sich möglichst lustig oder frech an Raab ranzuschmeißen, was - wie jedes Jahr - in den meisten Fällen schief ging. „Radiomoderatoren sind ja nicht jeden Tag im Fernsehen“, erklärte einer feierlich. Nun ja: Das hat auch seinen Sinn.

Olli Dittrich, der in Hamburg als Promi-Unterstützung mitfeierte, musste sich fragen lassen, wie man sich vor so einem Auftritt fühle, weil er ja im vergangenen Jahr mit Texas Lightning in Athen auf der Bühne stand, und Dittrich antwortete mit einem Grinsen: „Das sind ja wieder Fragen, die die Welt nicht braucht.“

Im dritten Jahr hat Pro Sieben es endgültig geschafft, seinen „Song Contest“ als Standard im deutschen Fernsehen zu etablieren. Spitzenunterhaltung ist das nicht gerade, zwischendrin hat die Show ihre Längen und der Lustigkeitswettstreit der Radiokollegen am Schluss nervt gewaltig.

Aber wenn man bedenkt, was Pro Sieben mit Unterstützung von Raab in letzter Zeit alles so an Liveshows auf die Beine stellt, ist das schon in Ordnung. „Das schockiert jetzt vielleicht die Älteren unter Ihnen“, sagte Raab am frühen Abend nach dem Auftritt einer weiteren Hardrockband und fügte eilig hinzu: „Aber die Älteren schauen ja eh nicht zu.“ Die könnten mit Raabs Nebenbeifernsehen vermutlich eh nichts anfangen.

Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AP, dpa, obs

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