Pro7-Programm

Der Bob Geldof des Fernsehens

Von Michael Seewald

25. Juli 2008 Hofnarren haben bei Pro7-Tradition. Früher als er noch noch nicht im Status eines universellen Heilsbringers war, ließ Stefan Raab Senderchef Roger Schawinski bei der Präsentation des Jahresprogramms mit despektierlichen Bemerkungen erblassen, dass Schawinski hinterher betäuern musste: „Zwischen Stefan und mich passt kein Blatt Papier“. Seine Rolle erbte Oliver Pocher, der Guillaume de Posch desavouierte, bevor es ihn zur ARD zog. Jetzt ist der Wuppertaler Christoph Maria Herbst, besser bekannt als Stromberg, der Hofnarr, der bei der Präsentation des zukünftigen Pro7-Programms in der Münchner Freiheizhalle dem Sendervorstand Andreas Bartl das eine oder das andere Mal das Lächeln im Gesicht gefrieren ließ. „Schon komisch, wenn man gerade Collien und Gülcan begrüsst hat und dann kommt so etwas“, wird Bartl hinterher sagen.

„Wen Pro7 schon alles von der Straße geholt hat“

Herbst hatte die wackeren Primetime-Freizeitbäuerinnen zusammen mit den „schwangeren“ Giovanni und Jana Ina und Weddingplaner Frank kurzerhand als Fälle „fürs Sozialamt“ benannt. „Wen Pro7 schon alles von der Strasse geholt hat. Man kann sagen, Pro7 ist der Bob Geldof des Fernsehens“, schwadronierte Herbst fröhlich weiter. Eigentlich tödlich für einen Sender, der stets mit einem Premiumanspruch angetreten ist. Aber Herbst war ja schon zu Beginn aufgefallen, dass der Ort der Veranstaltung deutlich „ärmlicher“ ausgefallen sei als im letzten Jahr in der Tonhalle in Düsseldorf.

Auch mit dem ausgeschiedenen Vorstand Guillaume de Posch hatte „Stromberg“ noch sein Hühnchen zu rupfen. Was der wohl mit seinen Abfindungsmilliönchen anfange... Aber man solle de Posch nicht reizen - „nachher schreibt der auch noch ein Enthüllungsbuch wie Roger Schawinski nach dem Motto: 'Schuld waren immer die anderen.'“ Dann doch lieber den „Aufsteiger des Jahres“ bejubeln: „Andreas Bartl, das Pendant zu Mark Medlock - gestern noch Hartz IV und heute schon Superstar.“ In diesem Umfeld wurde es selbst für den neuen Pro7-Geschäftsführer Thilo Proff schwierig, mit dem nötigen Ernst auf die vermeintlichen Stärken seines Senders zu verweisen.

Heidi Klum droht zu bleiben

Stefan Raab habe durch die Bank weg mit seinen Projekten Erfolg. „Er erfindet sich ständig neu“, hat Proff beobachtet, um dann halb prustend von Raabs jüngstem Coup zu berichten: „Wenn man mit zwei Autos und 'nem dicken Gummiball fünf Stunden Programm macht und 25 Prozent Marktanteil einfährt, finde ich das toll.“ Daneben freute sich Proff, von einer mehrjährigen Verlängerung des Vertrags von Topmodel Heidi Klum bei Pro7 berichten zu können. Man habe ein „astreines erstes Halbjahr“ hingelegt, findet Proff allen Katastrophenmeldungen zum Trotz. „Jetzt müssen wir uns festigen.“

So sei der Montag in der Vergangenheit bei Pro7 „eher eine Baustelle“ gewesen, jetzt würde man mit Mystery-Serien wie „Primeval“ und „Supernatural“ Fuß fassen, Dienstag und Mittwoch sollen es weiter die „Desperate Housewives“ und „Grey's Anatomy“ richten. Richtig freuen darf man sich auf zwei Top-US-Serien : Bei Pro7 wird der amerikanische Hit „Eli Stone“ laufen, um einen Anwalt, der seine Anweisungen von Popstar George Michael erhält, und „Pushing Daisies“, der Serienhit über ein Leben nach dem Tod, der im Herbst 2007 bei ABC gleich 13 Millionen Zuschauer fand.

Der Zuschauer hat eine zweite Chance verdient

Über allem „strahlen die Leuchttürme im Programmmeer“ (Proff), die selbst produzierten Event-Movies wie „Der Seewolf“ mit Thomas Kretschmann, „Die Brücke“ mit Franka Potente, „Lost City Raiders“ mit Bettina Zimmermann und „Der Bibelcode“ mit Steffen Wink. Für Oktober sei der Drehstart zu einer Neuverfilmung von „Ben Hur“ geplant. Den Unterschied zu öffentlich-rechtlichen Event-Movies erklärte Herbst nebenbei so: „Das sind keine Filme, wo Veronica Ferres mit drei verschiedenen Frisuren herumsteht und immer auf dieselbe Weise betroffen guckt“.

Ein gewisses Rückgrat zeigt man bei Pro7 indes mit dem Festhalten an dem eher erfolglosen Format „Unschuldig“. „Da hat der Zuschauer ein zweite Chance verdient“, findet Proff und adelt die mit Alexandra Neldel besetzte Anwaltsserie, indem sie zur TV-Movie-Reihe aufgewertet wird. Daneben hat Pro7 einige Blockbuster eingekauft. Neben dem Helden-Epos „300“ sind das „Blood Diamond“, „Brokeback Mountain“, „Bond: Casino Royale“, „Mission Impossible 3“, „Fluch der Karibik 2“ und der „Da Vinci Code“. Aber auch viele Filme aus der zweiten und dritten Reihe wie „München“, „Französisch für Anfänger“, „Casanova“, „Date Movie“, „World Trade Center“ „Dreamgirls“ mit Beyoncé oder Doris Dörries missglücktes Werk „Der Fischer und seine Frau“.

Mit welcher Frau redest du als nächstes?

Eine GfK-Untersuchung weise Pro7 außerdem als den Sender mit den „besten Wissensmagazinen aus“, sagt Proff und freut sich über den „zweiten Frühling“ des pseudowissenschaftlichen Magazins „Galileo“. Die private Fernsehwelt zurecht rückt dann wieder Christoph Maria Herbst, der das boulevardeske Nachrichtenprinzip auf den Punkt bringt: „Irgendwo auf der Welt bricht ein Krieg aus - und sie erfahren sofort was Amy Winehouse den ganzen Tag gemacht hat.“

Dass Herbst in seiner Spottlust keine Scheu vor großen Namen hat, bekam auch der anwesende Boris Becker zu spüren. „Ist ja der Hammer, wie du Berufliches und Privates verknüpfst, du darfst immer mit hübschen Frauen reden“, frotzelte er den ehemaligen Tennishelden an, der eine eigene Gesprächsreihe bei Pro7 bekommt: „Mit welcher Frau redest du als nächstes?“ Becker: „Mit Verona Pooth.“ Herbst: „Ich wusste gar nicht, dass du auch Schuldnerberatung machst.“

Da anknüpfen, wo man hin will

Beckers Moderatorenkollegin Sonya Kraus („Simply the Best“) musste sich den Vergleich mit Comic-Figur Marge Simpson gefallen lassen. Herbst: „Beide sind schon ewig bei Pro7 und werden nicht älter. Nur Marge hat es schon in die Primetime geschafft.“ Letztlich zitiert „Stromberg“ den Fußballweisen Pierre Littbarski: „Wenn wir so weiter machen, dann können wir vielleicht da anknüpfen, wo wir eh hinwollen.“ „Besser“, so findet der Comedian „kann man die Pro7-Philosophie nicht auf den Punkt bringen.“

Andreas Bartl hat auch dazu gelächelt, etwas unterkühlt vielleicht, „Komik und Ironie kennen eben keine Grenzen“, wird er ganz am Schluss sagen. Strombergs vierte Staffel wird jedenfalls auch bei Pro7 ausgestrahlt - trotz eher mässiger Quoten. Vielleicht gibt es sogar noch eine fünfte. Bartl ist Stromberg-Fan: „Autor Ralf Husmann und Herbst - da haben sich zwei gefunden - die sind ein Supergespann.“ Dann müsste er wenigstens keinen neuen Hofnarren für das nächste Jahre engagieren.



Text: FAZ.NET
Bildmaterial: ddp

 
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