Von Harald Keller

Surrealismus im Fernsehen: Marshal Jack Carter (Colin Ferguson) fliegt in der seltsamen Stadt "Eureka" buchstäblich alles um die Ohren
25. Februar 2008 Eine neue Mär kursiert, und sie betrifft die Verweigerungshaltung des Publikums gegenüber deutschen Serien. Der Zuschauer wolle, so barmen Programmgestalter, nur noch CSI-Klone sehen, Serien mit hochwertiger und entsprechend teurer Optik, die sich deutsche Produzenten nicht leisten können. Dazu mal ein Einwurf aus Fernsehsesselperspektive: Der ungemein erfolgreiche Dr. House kommt mit einer schlichten Krankenhauskulisse aus, wie sie vielen deutschen Produktionen auch zur Verfügung steht. Ally McBeal spielte sich erkennbar vor Studiodekors ab, die Gilmore Girls bewegen sich in einer Kulissenstadt, die kaum größer ist als die Lindenstraße-Zeile in Köln-Bocklemünd.
Wo es wirklich hapert, erfährt man beim informellen Gespräch mit kreativen Köpfen, die gern einmal ihre volle Schaffenskraft unter Beweis stellen würden, aber an den Vorstellungen ihrer Auftraggeber scheitern. Ein misanthropischer Medicus wie Dr. House hätte bis vor kurzem keine Chance gehabt, weil deutsche Fernsehhelden und speziell die Erben Äskulaps nicht knurrig, aufsässig und drogenabhängig sein dürfen. Jedenfalls nach Meinung von Serienredakteuren, in deren Schubladen, glaubt man enttäuschten Autoren, etliche originelle Serienkonzepte vor sich hin gilben. Oder so zurechtgestutzt werden, dass am Ende nivelliertes Mittelmaß auf den Bildschirm gelangt.
Halbtote spielen den Sensenmann
Auch die Amerikaner sind beileibe nicht mit allen Produktionen erfolgreich. Umso verblüffender, mit welcher Verve und Verwegenheit dort immer wieder Neues erprobt wird. Dies gilt insbesondere im phantastischen Genre. Einige Serienentwürfe aus jüngster Zeit: Der Titelheld von Dexter entdeckt in jungen Jahren seinen Tötungstrieb, kanalisiert diesen mit Hilfe seines Vaters und richtet ihn gegen Verbrecher, die von der Justiz nicht belangt werden können.
In Pushing Daisies, produziert und betont bizarr inszeniert von Barry Sonnenfeld, vermag ein junger Konditor Tote für eine Minute zum Leben zu erwecken. Von einem Privatdetektiv sanft genötigt, nutzt er diese Gabe, Verbrechensopfer nach ihren Mördern zu befragen, um die ausgesetzte Belohnung zu kassieren. Dead Like Me eröffnete eine neue Perspektive auf die Arbeit des Sensenmannes, die entgegen bisherigen Darstellungen nicht eine grimmige Vogelscheuche, sondern eine bunte Kolonne zwangsverpflichteter Halbtoter verrichtet.
Serien auf beachtlichem Niveau
Die Qualitäten der tief aus Philosophie und christlicher Mythologie schöpfenden purgatorischen Robinsonade Lost (Pro Sieben) sollten sich herumgesprochen haben. Und die Enden der Parabel sind noch lange nicht erreicht. Noch der Entdeckung harrt die Neufassung des Science-Fiction-Klassikers Battlestar Galactica (RTL 2), in der Auffrischung durch David Eick und Ronald D. Moore nicht mehr die schlicht gestrickte Space Opera der siebziger Jahre, sondern eine vielstimmige Fortsetzungsgeschichte, in der auf beachtlichem Niveau diverse Motive der utopischen Literatur verhandelt werden.
Der anspruchsvolle Serienentwurf erlaubt ein Nebeneinander von ethischen, religiösen und politischen Sujets und bildet eine noch im Ausbau begriffene Saga, die schon jetzt mehr Interpretationsmaterial bereithält als alle Star Wars-Filme zusammen. Selbst Bionic Woman, die von RTL 2 für den Herbst vorgesehene Reprise der naiven Achtziger-Jahre-Serie Die Sieben-Millionen-Dollar-Frau, bekam eine Dosis Relevanz infundiert.
Mischung aus Amüsement und Nachdenklichkeit
Eine zugänglichere, auf eigene Weise überzeugende Mischung aus Amüsement und Nachdenklichkeit bestimmt die Serie Eureka, mit der Pro Sieben von heute an den Mystery Montag bestückt. Am Anfang steht eine Standardsituation: Ein Ausweichmanöver bringt Marshal Jack Carter (Colin Ferguson) von der Straße ab und zwingt ihn zu einer Unterbrechung seiner Reise, die die Überführung einer jungen Gefangenen (Jordan Hinson) bezweckt.

Dr. Cottle (Donnelly Rhodes, li.) und Dr. Baltar (James Callis) versuchen in Battlestar Galactica das Leben der Präsidentin zu retten
Im nahen Eureka findet er eine Autowerkstatt, und schon lupft er die Brauen. Denn der örtliche Kfz-Mechaniker schraubt nicht nur an verbeulten Stoßstangen herum, sondern konstruiert funkensprühende Maschinen mit beachtlichem Vernichtungspotential. Der Mann ist ein Genie, und wie sich zeigt, nicht das einzige in Eureka.
Kühe verbrutzeln auf der Wiese
Das von dichten Wäldern umgürtete Städtchen wurde, so erfährt der gestrandete Gesetzeshüter, auf Anregung Albert Einsteins gegründet, dient den besten Köpfen der Vereinigten Staaten als Wohnstatt und zugleich als Tarnung für geheime Forschungsstätten. Hier siedelt zudem die Psychologin Beverly Barlowe (Debrah Farentino), deren Patienten mit dem Hubschrauber angerauscht kommen. Am Straßenrand spielen reife Vierlinge eine Partie Schach, eine mysteriöse Frau jongliert mit frei schwebenden transparenten Objekten, und einfache Passanten unterhalten sich beiläufig über zeitliche Bilokation, Stasis, Tachyonenbeschleuniger. Der Marshal staunt, und der Zuschauer ruft gleich mal Wikipedia auf.
Manche Experimente laufen kontrolliert ab, andere werden in Schuppen und Garagen betrieben. Nicht jeder Versuch gelingt. Da wird dem Sheriff schon mal der Boden unter den Füßen weggefressen, Materie geht flöten, Kühe verbrutzeln stehenden Fußes beim Grasen auf der Wiese. Alsbald begibt es sich, dass der über diesen Brennpunkt des Befremdlichen wachende Sheriff (Maury Chaykin) sein Amt nicht länger ausüben kann. So wird der Marshal vom Durchreisenden zum Residenten. Und seine kratzbürstige Gefangene, mit der es natürlich eine besondere Bewandtnis hat, gleich mit.
Fremde schleichen in unsere Träume
Angesichts der versammelten Geistesgrößen kann der Zuschauer von Eureka hoffen, dass sich für die aufkommenden Probleme regelmäßig passende Lösungen finden. Bei der eine Woche später ebenfalls bei Pro Sieben startenden Serie Nemesis - Der Angriff sind die Unwägbarkeiten weitaus größer. Denn dort kommen die Außerirdischen über uns, und sie sind, wie in den guten alten Zeiten der Science-Fiction, garstig gestimmt.
Als Vorhut senden sie eine Art Sonde. Wer in deren Wirkungsbereich gerät, bekommt nicht nur eine neue genetische Struktur verpasst, sondern wird zum willenlosen Statthalter der Fremden. Deren Plan scheint zu sein, die Erde nach ihren Bedürfnissen zu formen und die Voraussetzungen für eine Besiedelung zu schaffen. So jedenfalls die mühsam deduzierten ersten Ergebnisse eines kleinen, staatlich berufenen Spezialistenteams, dem die Katastrophen-Analytikerin Dr. Molly Anne Caffrey (Carla Gugino) vorsteht. Unheimlich an den Vorgängen ist, dass sich die Fremden in die Träume der Wissenschaftler schleichen; für Spannung sorgt, dass erst ein Bluttest schlüssig beweist, ob ein Mensch umprogrammiert wurde.
In ihren Grundzügen erinnert die von Bragi Schut erdachte Serie an den Klassiker Invasion von der Wega. Doch die Poetik des fantastischen Fernsehens hat sich seit den Sechzigern erheblich weiterentwickelt. Neben oberflächlichen Thrillerelementen finden sich heute tiefgründige, auch zeitkritische Momente. Nemesis stellt in Folge zwei zur Diskussion, ob man auf vom Alien-Virus befallene, also gefährliche Kinder schießen darf. Ersetzt man die Idee des Alien-Virus gedanklich durch einen Sprengstoffgürtel, befindet man sich ganz auf der Höhe der Zeit. Und so sind die besseren dieser Serien auch gedacht.
Battlestar Galactica läuft mittwochs um 23 Uhr bei RTL 2. Eureka läuft vom 25.02. an um 21.10 Uhr bei Pro Sieben, Nemesis - Der Angriff ist dort vom 3. März an montags um 22.10 Uhr im Programm
Text: F.A.Z., 25.02.2008, Nr. 47 / Seite 44
Bildmaterial: Pro Sieben, RTL 2