
Vom hessischen Fernsehen in Acht und Bann geschlagen: Dagmar Metzger, Jürgen Walter, Silke Tesch und Carmen Everts von links nach rechts
04. November 2008 Nach einem halben Tag Hessisches Fernsehen ist man reif für die geschlossene Anstalt. Man will es nicht fassen und muss am Ende, gegen Mitternacht, doch erkennen: So kann ein öffentlich-rechtliches Programm im Jahr 2008 tatsächlich aussehen. So geistlos, so unreflektiert und – man muss es sagen – so brutal. Carmen Everts, Silke Tesch, Dagmar Metzger und Jürgen Walter, die vier SPD-Abgeordneten, die am Tag vor der geplanten Wahl von Andrea Ypsilanti zur Ministerpräsidentin öffentlich erklärten, dass sie ihr die Stimme verweigern, haben sich das Ganze besser nicht angesehen. Denn dies war der Tag, an dem sie in Acht und Bann geschlagen wurden.
Und das geschah, weil die Berichterstatter des Senders, der zunächst reüssierte, da er die Nachricht als Erster verbreitete, sich auf die Wortwahl einließen, in der die enttäuschten Parteikollegen die vier Abgeordneten verurteilten. Es war, als hätten sie die Sprechzettel des schleswig-holsteinischen SPD-Chefs Ralf Stegner oder der nordrhein-westfälischen Landesvorsitzenden Hannelore Kraft auswendig gelernt.
Verräter, Abweichler, Heckenschützen
Mit Abweichlern“ fing es an, von einem Putsch war die Rede, von Heckenschützen, von einer Bombe und schließlich von den vier Menschen“, die kurz vor knapp ihr politisches Gewissen entdeckt haben“, oder, wie die Reporterin Ute Wellstein es mit ihren, wie sie sagte, eigenen Worten, übersetzte: Verrätern“. Dieser brutalstmögliche Ton – den wir sonst hüben wie drüben von hessischen Wahlkämpfern kennen –, zog sich durch die von Constanze Angermann moderierte Hessenschau“ bis zu den Sondersendungen mit ihrem Kollegen Andreas Clarisse.
Nun will man den Reportern und Moderatoren nicht unterstellen, sie seien allesamt Parteigänger von Andrea Ypsilanti. Aber man darf schon erwarten, dass sie diesen bedeutsamen Vorgang mit einer gewissen Distanz und Klarheit zu schildern wissen – und nicht wie Frontberichterstatter im Schützengraben. Man darf erwarten, dass sie wenigstens für einen Augenblick imstande sind, die Motive der vier Abgeordneten abzuwägen und anders zu werten als die Spin-Doktoren der düpierten Möchtegern-Ministerpräsidentin. Und auch anders als Marietta Slomka im heute journal“ des ZDF, die mutmaßte, es könne den vier Abtrünnigen um Rache und darum gegangen sein, Ypsilanti zu erledigen“.
Wo sich ein Gewissen zeigt
Doch muss man wirklich zu diesem Schluss – nur zu diesem – kommen, wenn man die Stellungnahmen von Carmen Everts und Silke Tesch gehört hat? Bedarf es übermenschlicher Anstrengung, sich vorzustellen, was es für einen Politiker bedeutet, von einem Augenblick auf den anderen seine Karriere zu beerdigen, sich dem Gruppenzwang zu widersetzen und zu tun, was man gewissenhaft für das Richtige hält? Wer über die vermeintliche Verdorbenheit der Politik räsoniert, der sollte sich vielleicht zunächst Gedanken über die Verdorbenheit der Kommentierung machen.
Und wie naiv muss man sein, um, wie der HR-Kommentator Jörg Rheinländer es unternahm, den vier Abgeordneten vorzuhalten, sie hätten vielleicht nicht begriffen, wie Politik funktioniert“? Das dürften die vier ganz genau wissen und ahnen, wie ihre Partei ihnen diesen Schritt vergilt. Auf Verschwörungstherien und üble Gerüchte mussten wir nicht lange warten. Sie sind schon am Tag danach in Umlauf. Von vermeintlicher Bestechlichkeit ist die Rede. Der SPD-Apparat reagiert nicht anders, als man es von der SED erwartet hätte.
SPD unter Selbsthypnose
Dabei bleibt außer Acht, dass die vier sich zwar, wie wir aus ihrer Partei unablässig hörten, gegen die sechsundneunzig Prozent Genossen stellen, die Andrea Ypsilanti auf dem Sonderparteitag Carte blanche für Rot-Rot-Grün gaben. Aber zugleich handeln sie im Sinne der großen Mehrheit der hessischen Wähler, die von diesem auf eine Lüge gegründeten Bündnis nichts halten. Das aber klang nicht mal im Tagesthemen“-Kommentar des HR-Chefredakteurs Manfred Krupp an, der immerhin von einer Selbsthypnose der hessischen SPD“ und den Fehlern Ypsilantis sprach. Wenigstens ihm ist das Sektenhafte, das sich mit jedem Ypsilanti-Auftritt seit der Landtagswahl verbindet, nicht entgangen.
Um diesen dramatischen Tag aus Wiesbaden von klaren Köpfen geschildert zu bekommen, musste man andere Kanäle einschalten als das Hessen-Fernsehen. Caren Miosga in den Tagesthemen“ machte es ungleich besser, die ZDF-Reporterin Anne Reidt ebenso, und auch bei Phoenix war man besser aufgehoben, wenngleich dort die Kollegen vom HR alle Nase lang auftauchten.
Das Heft mit dem Yps
Wären die Experten im Studio nicht gewesen, der unablässig zu hörende Politikwissenschaftler Wolfgang Schröder oder die abends versammelten Chefredakteure und Herausgeber vier maßgeblicher Zeitungen, man wäre beim HR auf einer intellektuellen Einbahnstraße geblieben. Auch Holger Weinert, der Moderator des Hessenjournals“, bekam mit seinen berüchtigt-ironischen Abschlussreimen nicht die Kurve. Immerhin kam er auf die Idee, am vielleicht letzten Tag der politischen Karriere von Andrea Ypsilanti eine Ausgabe des Jugendheftchens Yps“ hochzuhalten – es wurde vor zwei Jahren eingestellt. Yps“ war das Heft mit dem Gimmick“. Die Gimmicks“ hatte der HR an diesem Abend alle auf seiner Seite. Nicht nur für die hessische SPD war es ein schwarzer Tag. Ein schwarzer Kanal“ kam hinzu.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa