Fernsehen

Christiansens Bühne schließt - Vorhang auf für Jauch

Von Jörg Thomann

23. Juni 2006 Egal, was am Samstag Jürgen Klinsmann widerfahren wird: Beim Rücktritt des Jahres ist ihm jemand zuvorgekommen. Sabine Christiansen hört auf. Beendet ihre ARD-Talkshow, die seit Januar 1998 im Ersten läuft und trotz harscher Kritiken rasch zur Institution im deutschen Fernsehen geworden ist. Und auch die Entscheidung über ihren Nachfolger ist schlicht und einfach sensationell: Günther Jauch, der „Wer wird Millionär?“-Showmaster, das Gesicht von RTL. Er wird Sabine Christiansen nach ihrem Abschied im Sommer 2007 ersetzen.

Was verliert die Republik durch diesen Rückzug? Vor allem geht ihr ein Symbol verloren. Ein Synonym für den Zustand dieses Landes, das seit Jahren unter einer Christianisierung leidet: Es wird geredet und geredet, aber es geschieht anscheinend nichts. „Sabine Christiansen“ war ein Ritual, das sonntagabendliche Gegenstück zum Gottesdienst am Morgen. Wer sich nach dem Kirchenbesuch seelisch gestärkt fühlte, wer mit frischen Kräften in die neue Woche zu gehen glaubte, dem raubte „Christiansen“ am Abend jegliche Illusionen: Auch in dieser Woche, so wußte er nach dem Phrasenaustausch der Politiker, Wirtschaftsbosse oder Gewerkschaftsvertreter, würde nichts, aber auch gar nichts besser werden.

Die prominenteste Fernsehfrau Deutschlands

Sabine Christiansens quotenstarke Sendung hatte als politische Bühne längst dem Bundestag die Schau gestohlen. Sie war ein Parlamentsersatz, mit dem Unterschied, daß hier keine Gesetze verabschiedet wurden. Statt der Hinterbänkler, die im Bundestag auch mal zu Wort kommen dürfen, traten bei Christiansen immer dieselben Generalsekretäre und Minister auf sowie immer wieder - egal in welcher Funktion - Hans-Olaf Henkel. Sie waren dankbare Neben- und Selbstdarsteller in der Show, deren Namens- und Gastgeberin zur prominentesten Fernsehfrau Deutschlands aufstieg. Und natürlich zu einer der mächtigsten.

Eine große Moderatorin hingegen geht dem Land nicht verloren. „Statt spontan auf bestimmte Äußerungen ihrer Gesprächspartner einzugehen, hakte sie brav ihre Liste von Fragen ab, wobei jeder einmal drankam und über etwas anderes redete“, hieß es in der F.A.Z. vom 6. Januar 1998 über Christiansens allererste Sendung, und in den Jahren ist sie nicht wesentlich besser geworden. Christiansen hat die „Goldene Kamera“ bekommen und den „Bambi“, die Auszeichnung zur „Fleurop-Lady“ und das Bundesverdienstkreuz; die wichtigen Fernsehpreise aber, in denen nicht die Quoten, sondern das journalistische Können bewertet wird, erhielten die anderen, Maybrit Illner, Sandra Maischberger oder Frank Plasberg. Bei Christiansen wurde nur selten streng nachgehakt, wer meinte, etwas zu sagen zu haben, der erhielt hier dazu die Gelegenheit. Aus anderen, konfrontativeren Talkshows hörte man die Klage, daß die prominentesten Gäste ihren Einladungen nie folgten: Sie gingen lieber zu „Christiansen“.

Seltsamer Auftritt im Bundestag

In ihrer oft enervierenden Zurückhaltung und ihrem Unwillen, die Gäste zu einer klaren Stellungnahme zu drängen, wirkte Christiansen weniger wie eine politische Journalistin als vielmehr wie die First Lady des Fernsehens. Sie stand über vielen Dingen. Zuletzt saß sie George W. Bush gegenüber, in einer der wenigen Sendungen, die ihr einhelliges Lob einbrachten, und startete mit der CNBC-Show „Global Players“ eine internationale Fernsehkarriere. Muß sich, wer nun global spielt, mit der deutschen Gesundheitsreform nicht mehr abgeben? Daß sich Christiansen, aller Kritik zum Trotz, längst in höheren, unangreifbareren Sphären wähnte, bewies ihr seltsamer Auftritt auf der Bundestagstribüne während der Wahl Angela Merkels zur Bundeskanzlerin, über die sie sich unverhohlen freute.

Nun aber geht sie. Und es kommt Günther Jauch, der nicht nur mindestens so populär ist wie Christiansen, sondern auch über das strahlendere Image verfügt. Seit Jahren beim Privatfernsehen, hat er sich in der Welt von Trash und Krawall doch stets eine saubere Weste bewahrt; seine Sendungen „Wer wird Millionär“, die IQ-Tests und die anderen Eventshows, ja mit Abstrichen auch „stern tv“ könnten ohne weiteres auch als öffentlich-rechtliche Formate durchgehen. Nun kehrt Jauch, der beim Rias Berlin und beim Bayerischen Rundfunk anfing, zu seinen Ursprüngen zurück. „Über die Möglichkeit, Sabine Christiansen nachzufolgen, freue ich mich sehr“, teilt der Moderator mit, verweist allerdings darauf, daß der Vertrag mit der ARD noch nicht unterschrieben und auch Details über die neue Sendung nicht ausgehandelt seien.

Jauch bleibt auch bei RTL

„Sabine Christiansen“, soviel steht fest, wird sie nicht heißen. Womöglich „Günther Jauch“? Als politischer Moderator hat sich Jauch noch nicht versucht, als Talkshowgast fiel er indes mit profunden Kenntnissen und klaren Positionen zu Themen auf, die ihn interessierten, so die Bildungs- und Familienpolitik. Ganz einfach indes dürfte der Rollenwechsel ins durchweg Ernsthafte selbst einem TV-Tausendsassa wie Jauch nicht fallen, den das Publikum seit Jahrzehnten als Unterhalter schätzt. Jauch und sein bisheriger Arbeitgeber RTL versichern, die gemeinsame Zusammenarbeit ungeachtet der ARD-Show fortsetzen zu wollen.

„Wir arbeiten seit Jahren hervorragend und sehr erfolgreich mit Günther Jauch zusammen und sind uns einig, diese Zusammenarbeit fortzusetzen. Wir freuen uns auf weitere Ausgaben von 'Wer wird Millionär?' und 'stern TV' ebenso wie auf neue Eventshows wie 'Typisch Frau, typisch Mann' mit Günther Jauch bei RTL.“ Wie aber Jauch weiterhin als Gesicht von RTL gelten soll, wenn die ARD mit ihm als journalistischem Zugpferd wirbt, ist schleierhaft. Der alte Fuchs Günter Struve, Programmdirektor der ARD, hat gegen die junge RTL-Chefin Anke Schäferkordt einen Coup gelandet, der den vorausgegangenen mit Harald Schmidt glatt in den Schatten stellen könnte. RTL gibt sich dennoch kämpferisch: Entscheidend sei, so Sendersprecher Christian Körner, daß Jauchs RTL-Sendungen „erfolgreich laufen“. Der Moderator mache schließlich auch Werbung, ohne daß dies dem Sender geschadet habe.

Von Christiansens Produktionsfirma TV 21 GmbH - die Moderatorin ist auch Gesellschafterin - ist zu hören, daß man sich in Gesprächen mit der ARD befindet und Hoffnungen hegt, auch die Jauch-Sendung produzieren zu dürfen - schließlich habe man, so Sprecher Michael Ortmanns, eine hohe Kompetenz im politischen Talk. Es dürfte dennoch nicht einfach werden; eine eigene Produktionsfirma hat nämlich auch Günther Jauch.

Und Christiansen? Sie wird ihren „Lebensmittelpunkt ins Ausland“ verlagern, wie es heißt, und die deutsche Misere hinter sich lassen, fern von der Gesundheitsreform und Hans-Olaf Henkel. Noch aber läuft ihre Abschiedstournee, und zwar noch ein ganzes Jahr lang. In der Politik nennt man Menschen, von denen jeder weiß, daß ihre Amtszeit ausläuft, „Lame Ducks“. Vielleicht aber wird sich die Moderatorin demnächst vor illustren Gästen noch weniger retten können als je zuvor: Wer weiß schon, wie es sich auf der neuen Bühne so spielt, wenn das Christiansen-Theater einmal geschlossen ist.



Text: jöt
Bildmaterial: AP, picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa, picture-alliance/ dpa/dpaweb

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