Klaus Berg sagt im „Fall Emig“ aus

Der sorglose Umgang mit „Fremdmitteln“

Von Helmut Schwan

Klaus Berg, in den Jahren 1993 bis 2002 Intendant des Hessischen Rundfunks, auf dem Weg in den Gerichtssaal

Klaus Berg, in den Jahren 1993 bis 2002 Intendant des Hessischen Rundfunks, auf dem Weg in den Gerichtssaal

09. September 2008 Der frühere Intendant des Hessischen Rundfunks Klaus Berg ist, wie er wohl heute freimütiger bekennt, „ausgesprochen desinteressiert“ an Sport. Daher hat er gestern im Strafprozess gegen den einst für dieses Metier Verantwortlichen im Sender, Jürgen Emig, lieber ein Beispiel gewählt, das seinem Herzen näher liegt: „Stellen Sie sich vor, das Sinfonieorchester des Rundfunks will eine Konzertreise in die Vereinigten Staaten machen, im Etat fehlt aber das Geld dafür. Dann wäre es die Aufgabe des Ressortchefs Musik, über seine Kontakte Drittmittel einzuwerben. Vielleicht kennt er ja einen Manager einer großen Bank.“

Berg, der Jurist, ist als Zeuge vor dem Frankfurter Landgericht in die unverfängliche Kultur gewechselt, um seine Auffassung zu illustrieren, er halte Sponsoring und sogenannte Beistellungen für Produktionen in öffentlich-rechtlichen Sendern an und für sich nicht für unzulässig. Hinter diesem Begriff verbirgt sich die Praxis, die Veranstalter einen Teil der Kosten tragen zu lassen. Emig hatte in der Akquise große Fertigkeiten entwickelt. Weil er von den fünf- oder sogar sechsstelligen Summen einen Teil, insgesamt mehr als 500.000 Euro, in die eigenen Tasche gewirtschaftet haben soll, muss er sich seit Anfang August vor Gericht verantworten. Ihm lastet die Staatsanwaltschaft Untreue, Betrug und Bestechlichkeit an.

Der Hessische Rundfunk habe die Fremdmittel nicht erfunden

Von 1993 bis 2002 Intendant in Frankfurt und nach eigenen Angaben fast vierzig Jahre im öffentlich-rechtlichen Rundfunkwesen zugange, sieht der siebzigjährige Klaus Berg auch heute noch keinen Grund, sich in dem mit dieser Affäre kulminierenden Streit um die Finanzierung der Sendeanstalten Asche aufs Haupt zu streuen. Beistellungen waren seiner Erinnerung nach „seit Jahrzehnten üblich“. Und es sei weder eine Erfindung des Hessischen Rundfunks noch von Jürgen Emig gewesen, den Gebühreneinnahmen derlei „Fremdmittel“ beizumischen, um den Etat auszugleichen. Berg begründete die Forderungen an die Veranstalter damit, dass diese bei ihren Sponsoren erheblich höhere Erträge erwirtschaften könnten, wenn das Fernsehen lange oder sogar live übertrage.

Sicher, es habe Diskussionen etwa im Rundfunkrat gegeben. Aber nie das Ergebnis, diese Praxis verstoße gegen den Rundfunkstaatsvertrag. Berg vertrat diese Ansicht gestern im Zeugenstand offensiver als in der vergangenen Woche sein Nachfolger, der HR-Intendant Helmut Reitze. Dieser hatte als eine Konsequenz aus der Affäre um den Sportchef die Praxis der Beistellungen abgeschafft. Seither dürfen nur noch über das sogenannte Titelsponsoring Zuschüsse für Produktionskosten hereingeholt werden.

Eine Anweisung, die Berg nie gegeben hat

Zum „Fall Emig“ selbst hielt sich der frühere Intendant freilich sehr bedeckt. Zwar hatte er Ende der neunziger Jahre nach einigen unangenehmen Presseberichten jegliche Zusammenarbeit mit der ursprünglichen, schon im Namen erkennbaren Agentur von Emigs Frau verboten, „um jeden Anschein von Interessenkollision zu vermeiden“, wie Berg sagt. Von der heimlichen Auferstehung der Agentur unter dem Kürzel SMP, über die der Sportchef mehr als drei Jahre Mittel, die eigentlich dem HR zugestanden hätten, an sich umgeleitet haben soll, war Berg seiner Darstellung nach jedoch nichts bekannt. Auch will er nie die Anweisung gegeben haben, Verträge über Beistellungen dürften nur über den Umweg einer Agentur abgeschlossen werden, weil der öffentlich-rechtliche Sender sich sonst angreifbar mache. Eine Verteidigungslinie Emigs, die Konstruktion der Geldbeschaffung sei von höchster Stelle genehmigt, geriet damit ins Wanken.

Als Beleg für das angebliche hohe Ansehen, das Emig bei Berg genoss, hatte die Staatsanwaltschaft in der beschlagnahmten Personalakte eine 1997 gewährte Leistungsprämie gefunden. Der Sportchef erhielt sie nach Erinnerung des damaligen Intendanten aber nicht nur für die überaus erfolgreiche Akquise von Beistellungen, sondern auch für Innovationen im Programm. „Aus damaliger Sicht“, hob Berg hervor, sei Emig ein sehr aktiver und erfolgreicher Reporter und Sportchef gewesen.

Wenn nicht der leidige Etat gewesen wäre. Eine der wenigen Ungereimtheiten, an die Berg sich vor Gericht noch erinnerte, waren Klagen über mangelnde Haushaltsdisziplin in der Sportredaktion im Jahr 2002. Berg führte, wohl eher unwillig, ein Gespräch mit Emig. Der habe versichert, er werde den Etat schon ausgleichen. Nachgefragt wurde nicht. Damals galt das Wort des Sportchefs noch viel.

Der Prozess soll Ende Oktober abgeschlossen sein.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Glück im Unglück: Schützen Sie sich vor den finanziellen Folgen eines Unfalls. Jetzt Unfallversicherungen vergleichen!

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche