Von Henning Hoff
31. Juli 2008 Wer versucht, das Internet-Fernsehunternehmen Joost zu erreichen, muss auf Enttäuschungen gefasst sein. Unter der Telefonverbindung des Londoner Büros kommt das Zeichen Kein Anschluss unter dieser Nummer, in New York bittet eine aufgezeichnete Stimme, sich nur per E-Mail mit Joost in Verbindung zu setzen. Aber offenbar wird die elektronische Post nicht gelesen, die unter der Presse-Adresse einläuft.
Das ist erstaunlich für ein Unternehmen, das Anfang 2007 aus dem Schleier des sagenumwobenen Venedig-Projekts der Internet-Innovatoren Niklas Zennström und Janus Friis hervortrat. Nach der ebenfalls von Zennström und Friis erdachten Musiktauschbörse Kazaa und dem Internet-Telefondienst Skype sollte Joost das Beste des Fernsehens mit dem Besten des Internets verbinden. Basierend auf einem Peer-to-Peer-System, das es möglich macht, Bewegtbilder nicht von einem Punkt aus zu streamen, sondern in Sekundenbruchteilen aus weit verzweigten Quellen in hoher Qualität zusammenzusetzen, sollte Joost Fernsehen und Internet zugleich revolutionieren - oder zumindest als YouTube-Killer fungieren.
Eine Revolution sieht anders aus
Doch statt die Video-Website von Google das Fürchten zu lehren, scheint Joost, das sich wie das englische juice plus t ausspricht, nach gut einem Jahr der Saft auszugehen. Das Zuschauerinteresse hat sehr nachgelassen. Offizielle Zahlen gibt es nicht, Branchenexperten schätzen die monatlichen Nutzerzahlen für die Vereinigten Staaten eher auf mehrere Zehn- denn Hunderttausende.
Das liegt vor allem am Programm. Joost setzt allein auf den Lizenzkauf nicht-exklusiver Inhalte, die es von dem Sendernetzwerk CBS, das zu den Investoren gehört, und anderen, vorwiegend amerikanischen Rechteinhabern erhält oder sich zusammenkaufen muss. Einkommen erwirtschaftet Joost damit, dass es die Sendungen alle acht Minuten mit dreißig Sekunden Werbung unterbricht. Aber selbst die stolz angekündigte erste Staffel von Raumschiff Enterprise ist offenbar kein Online-Quotenknüller. Stattdessen klicken Joost-Zuschauer eher Programme mit sich selbst erklärenden Titeln wie Sexy Clips - wahrlich keine Revolution. Der Markt hat sich in einem Jahr so schnell verändert, sagte Joost-Chef Mike Volpi in einem seltenen Interview dem Magazin Portfolio, von ,Keiner glaubt, dass es geht' zu ,Alle machen es'.
In Wahrheit herrscht das Chaos
Genauer gesagt, machen es alle selber. Fernsehsender rund um die Welt drängen auf eigene Faust ins Internet, und entsprechend schwer haben es Unternehmen wie Joost, Rechte für hochwertige Sendungen zu erwerben. Zudem kommt Konkurrenz aus bisher ungeahnten Ecken. Im April öffnete der Freizeitmodezar Tommy Hilfiger mit tommytv.com einen eigenen Online-TV-Musikkanal, nicht zuletzt als Marketinginstrument. Schließlich ist der schwer erklärliche Zauber von abermillionenfach ins Internet gestellten Amateurvideos und Nischenangeboten gerade bei jugendlichen Zuschauern ungebrochen, wie der fortgesetzte Erfolg von YouTube und Anbietern wie DailyMotion zeigt.
Zudem eröffnen die klassischen Fernsehsender ihre eigenen Plattformen. Rupert Murdochs News Corporation, zu der unterer anderem das Network Fox gehört, und NBC Universal taten sich zusammen und kreierten das Portal hulu.com. Dort kann man mit zwei Klicks ausgewählte Serien oder Filme online anschauen, bislang allerdings nur in den Vereinigten Staaten. Hulu erlaubt das Einbetten der Videos samt geschalteter Werbung an anderen Internet-Orten und kassiert auch dort. Im April überschritt Hulus Nutzerzahl die Zwei-Millionen-Grenze.
Dem Einbruch zuvorkommen
Auch in Großbritannien wandert Fernsehen ins Internet. Die iPlayer-Plattform der BBC ist sehr erfolgreich. 1,4 Millionen Nutzer waren es im April, monatlich wachsen die Zuschauerzahlen um zwanzig Prozent. Die iPlayer-Nutzer seien im Schnitt älter als typische Internetsurfer und jünger als typische Fernsehzuschauer, sagte kürzlich Ashley Highfield, der einstige BBC-Direktor für Neue Medien, der dieser Tage die Leitung von Kangaroo übernommen hat, einem von der BBC und den privaten Konkurrenten ITV und Channel 4 gemeinsam betriebenen Portal. Es soll die erste Adresse für britisches Fernsehen im Internet werden.
Online-Video entwickelt sich zum Online-Fernsehen, glaubt Suranga Chandratillake, Chef der Video-Suchmaschine blinkx, die mit Hilfe von Spracherkennungssoftware Videos analysieren und aufspüren kann, und die großen Sender wollen die Kontrolle behalten. Derzeit bilden sie ihre eigenen Inhalte-Inseln, zu denen wir wiederum die Zuschauer führen. Angesichts des Schicksals der Musikindustrie, deren Geschäftsmodell das Internet zerbröselte, ist das keine Überraschung. Bevor das Fernsehen seinen eigenen iPod-Moment erleidet, den ihm Vint Cerf, Internet-Pionier und Google-Vorstandsmitglied, schon vor knapp einem Jahr voraussagte, stürzt es sich lieber selbst ins Internet. Bestes Beispiel dafür sind die deutschen öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF mit ihren aufwendigen Mediatheken.
Man kann nicht behaupten, dass das Fernsehen das Internet erobert habe, meint allerdings Mike Williams, Digital-Chef der Unternehmensberatung The Brand Union, die sich auf Markenentwicklung spezialisiert hat, in Wahrheit herrscht Chaos. Die Schlüsselfrage sei, wie sich die aus dem Fernsehen stammende Werbung im Internet entwickele. Achtzig Prozent aller Einnahmen von Fernsehunternehmen stammten aus der Werbung zur Prime-Time, also der Hauptsendezeit, in der die Kanäle ihre höchsten Einschaltquoten verzeichnen. Wie und ob sich das ins Internet übertragen lasse, sei völlig unklar. Die meisten Fernsehunternehmen, meint Williams, seien zudem nicht darauf eingestellt, die im Internet besonders gefragten Nischenprogramme zu produzieren, die allein durch ihre schiere Zahl das Fernsehen herausforderten.
Eine neue Internet-Ästhetik
Auf die Nischen spekuliert Babelgum. Die von dem italienischen Internetunternehmer Silvio Scaglia gegründete WebTV-Plattform ist zur selben Zeit wie Joost an den Start gegangen, setzt aber auf andere Inhalte, die - anders als bei YouTube - professionellen Standards entsprechen. Im Mai machte Babelgum auf sich aufmerksam, als es mit dem amerikanischen Regisseur Spike Lee als Jury-Chef in Cannes die ersten Sieger seines Online-Film-Festivals kürte. Eine halbe Million Menschen hatten die Wettbewerbsbeiträge im Internet gesehen, bewertet und kommentiert.
Neben der Zusammenarbeit mit der unabhängigen Spielfilmindustrie setzt Babelgum auf Programme aus den Bereichen Reise oder Musik und versteht sich als Platz für neue Fernsehtalente. Die Art von Internet-Fernsehen, die wir anbieten, bringt Filmemacher und ein neuartiges Publikum zusammen, Leute von zwanzig bis Mitte vierzig, die direkt miteinander interagieren können, sagt der Babelgum-Geschäftsführer Valerio Zingarelli, häufig gibt es ein direktes Feedback, und das führt unterer anderem auch zu einer neuen Ästhetik.
Es muss schon exklusiv sein
Babelgum gelten Plattformen wie der BBC-iPlayer nicht als echtes Internet-Fernsehen. Im Prinzip erfüllt es keine andere Funktion als früher der Videorekorder, sagt Zingarelli. Allerdings mache die Entwicklung deutlich, dass Geschäftsmodelle, die nur auf nicht-exklusive Inhalte setzten, wenig Zukunft hätten. Die großen Sender gingen schließlich selbst dazu über, ihre Archive zu vermarkten. Wir bieten etwas grundsätzlich anderes und sprechen Zuschauer an, die anderswo nicht bedient werden. Diese weltweit verstreuten Online-Seher würden durch die Verbindungsmöglichkeiten des Internets zu einer großen Nische und damit wirtschaftlich relevant. Herkömmliche Sender sind es gar nicht gewohnt, dieses internationale Spiel zu spielen, sagt Zingarelli.
Solche disparaten, aber loyalen Zuschauergruppen werden für die Werbeindustrie mittelfristig interessant. Denn ihre Nutzerprofile geben den Werbe-Produzenten ein ungekanntes Ausmaß an Informationen über Vorlieben und Abneigungen an die Hand und ermöglichen maßgeschneiderte Werbung, ob auf WebTV-Plattformen oder auf Suchmaschinen. Hierin liegt wohl das tatsächlich Revolutionäre der neuen Fernsehwelt - was die Werbung im Internet freilich schon jetzt auszeichnet. Unsere Software erlaubt sehr gezielte Formen von Werbung, sagt der Blinkx-Chef Chandratillake, wenn in einem Video oder Film der Pariser Eiffelturm vorkommt, dann können wir automatisch einen Internet-Link für ein Hotel dazustellen, das nur wenige Schritte vom Eiffelturm entfernt ist.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: snapshot