Amerikanische Präsidenten im Film

Das Weiße Haus taugt auch als Studio

Von Harald Keller

Amerikanische Historiker erkannten ihm bei einer Umfrage die Ehre zu, der bisher beste aller Präsidentendarsteller zu sein: Martin Sheen (links)

Amerikanische Historiker erkannten ihm bei einer Umfrage die Ehre zu, der bisher beste aller Präsidentendarsteller zu sein: Martin Sheen (links)

10. Oktober 2008 Es gibt Gelegenheit, die besten Präsidenten der Vereinigten Staaten kennenzulernen: Josiah „Jed“ Bartlett, der von 1999 bis 2006 amtierte, David Palmer (2002 bis 2004) und Mackenzie Allen (2005 und 2006). Dann hätten wir noch Präsidentin Laura Roslin, aber die regiert in einer anderen Galaxie. Alle diese Politiker sind eher liberal eingestellt, weitgehend integer, kompetent - und existieren nur als Präsidentendarsteller in Fernsehserien wie „The West Wing“, „Welcome Mrs. President“ oder „Battlestar Galactica“.

Wie amerikanische Präsidenten im Film und in Fernsehspielen dargestellt werden - darum kümmert sich, seit Titel wie „Primary Colors“, „Wag the Dog“ oder Komödien wie „Dave“ das Weiße Haus zum Schauplatz von Kinoerzählungen gemacht haben, auch die Forschung. Im November 2002 etwa fragte „The Atlantic Monthly“ führende Historiker des Landes nach den besten fiktiven Präsidenten aller Zeiten. Zwar waren Fernsehhelden eigentlich ausgenommen, aber auf Martin Sheen als Jed Bartlett konnten sich alle einigen.

Dokumentation über die Darstellung des höchsten Amtes

Die Autoren Maurice Ronai und Emilio Pacull geben in ihrer Dokumentation einen von Akademikern wie Praktikern kommentierten Überblick über die Darstellung des höchsten Amtes. Da hat sich einiges geändert, seit John Ford 1939 in „Der junge Mr. Lincoln“ den späteren Präsidenten als grundgütigen, gleichsam von der Natur fürs hohe Amt bestimmten Menschen besang. Henry Fonda spielte damals ebenso die Hauptrolle wie 1963 in Sidney Lumets „Angriffsziel Moskau“, wo er als Staatslenker vergeblich versucht, die irrtümlich gen Moskau gesandten Atombomber zurückzurufen. Allein dieser Vergleich zeigt schon, dass sich mit dem Status und Image des realen Präsidenten regelmäßig auch dessen Darstellung im Film verändert.

Henry Fondas Präsident von 1963 verkörperte zwar die militärische Hybris, war aber auch eine tragische Gestalt. Spätestens seit Nixon aber können Film-Präsidenten auch von niederer Gesinnung, ja sogar Verbrecher sein. Um dies zu illustrieren, heben Ronai und Pacull auf Politsatiren wie „Wag the Dog“ ab. Aber da gab es auch Clint Eastwoods sinistre Parabel „Absolute Power“, in der sicher nicht zufällig kurz das Watergate-Gebäude zu sehen ist. Das Drehbuch zu diesem Film übrigens stammte von William Goldman, der auch das Szenario zu „Die Unbestechlichen“ lieferte, der Verfilmung von Watergate, die am Sonntag ebenfalls auf Arte läuft.

Der Präsident als Action-Held

Weit unkritischer sah Wolfgang Petersen den Präsidenten und idolisierte ihn in Gestalt von Harrison Ford im dröhnenden Spektakel „Air Force One“ gar zum Action-Helden. Differenziertere Darstellungen bietet das amerikanische Erzählfernsehen. Auch hier finden sich Typisierungen und Idealisierungen, aber Fortsetzungsepen erlauben es eher als der kürzere Kinofilm, den Charakteren Erfahrungen, Einsichten und Entwicklungen zuzubilligen.

Höchst spannend war es, in der Thriller-Serie „24“ den Werdegang David Palmers vom idealistischen schwarzen Präsidentschaftskandidaten zum pragmatisch agierenden, mehrfach mit quälenden Entscheidungen konfrontierten Amtsträger zu verfolgen. Sein Nachfolger bei „24“ war dann eine völlige Kontrastfigur: neurotisch, unmoralisch, machtversessen bis hin zur Kriminalität, eine Mischung aus Nixon und Bush jr. Durch die jüngste Staffel zog sich die eifersüchtige Konkurrenz zwischen einem jungen schwarzen Präsidenten (D. B. Woodside) und seinem altgedienten weißen Vize (Powers Boothe) - erdacht zu einer Zeit, als von Barrack Obama wenig und von Joe Biden noch gar nicht die Rede war.

Deutsche Politik bisher nicht verfilmt

In der Dokumentation beklagt einer der Experten, Kinofilme zeichneten den Präsidenten entgegen der Realität als eine Art Alleinherrscher, der über dem Gesetz stehe. Auf „The West Wing“ und „Welcome Mrs. President“ aber trifft dieser Vorwurf nicht, im Gegenteil: deren Autoren nutzen gerade die Konflikte zwischen den Gewalten, zwischen den Fraktionen der Parlamente und den Gruppierungen innerhalb der Parteien als Sujets - ein unterhaltsamer Anschauungsunterricht in Sachen Staatsbürgerkunde.

Die Redaktion, die die deutsche Bearbeitung betreute, hat es nicht für nötig erachtet, auch die deutschen Titel der zitierten Filme und Serien zu ermitteln. „Welcome Mrs. President“ (mit Geena Davis) wird hier durchgängig mit dem Originaltitel „Commander in Chief“ geführt, „Angriffsziel Moskau“ nur als „Fail-Safe“. Ansonsten bleibt aus hiesiger Sicht einmal mehr die Frage, warum sich unsere Sender und Produzenten mit Epen vergleichbaren Inhalts so schwertun. Warum gibt es hierzulande kein Dokumentarspiel etwa über den CDU-Spendenskandal, über die letzten Amtstage von Gerhard Schröder, die Tragödie des Jürgen Möllemann oder den Aufstieg Angela Merkels? Deutsche Politik kann wohl erst zum Gegenstand der Fiktion werden, wenn ein sicherer zeitlicher Abstand erreicht ist - und das ist eigentlich ein bisschen feige.

Die Unbestechlichen und Mr. President. Amerikas Präsidenten im Spiegel Hollywoods laufen am Sonntag um 20.45 und um 22.50 Uhr bei Arte.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: CINETEXT

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