Fundstücke des Fernsehens (2)

Ein Drehbild und hundert Akten Unordnung

Von Jochen Hieber

09. Juli 2008 Zwei Ereignisse haben in dem damals gut dreißigjährigen Radioreporter und Berufsfotografen Georg Stefan Troller den Entschluss reifen lassen, es unbedingt mit dem Fernsehen versuchen zu wollen: Die Krönung von Elisabeth II. am 2. Juni 1953 und, etwas später dann, der Kauf eines Drehbilds auf dem Flohmarkt von Paris - im kleinen Bullauge des dunkelbraunen Holzrahmens war ein brennendes Kriegsschiff zu sehen.

Von den Krönungsfeierlichkeiten in London berichtete Troller für mehrere Radiostationen in Deutschland. Es sei, erinnert er sich, eine „ziemlich gruselige Reportage“ gewesen, des Öfteren habe er Namen verwechselt, Adelstitel und Adelsränge durcheinandergebracht. Einigermaßen deprimiert kehrte er an seinen Wohnsitz in Paris zurück und erwartete dort schicksalergeben das fernmündliche Donnerwetter der deutschen Hörfunkgewaltigen. Zu seinem nicht geringen Erstaunen blieb es aus. Stattdessen erzählten ihm die Anrufer aus Deutschland und die Kollegen in Paris, wie begeistert sie von den zwar noch schüchtern bewegten, dafür umso bewegenderen Bildern des Fernsehens gewesen seien.

„Television ist der Übertragungsweg der Zukunft“

Geweckt wurde dadurch eine Gewissheit, die Troller dann beim Kauf des hölzernen Drehbildes weiter festigen sollte: „Television, habe ich mir gesagt, ist der Übertragungsweg der Zukunft: da musst du dabeisein.“ Schon das leichte Hantieren an der Kurbel des eben erstandenen Flohmarkt-Objekts vom Ende des neunzehnten Jahrhunderts zeigte, welch stupende Effekte das Beweglichmachen eines Bildes zu zeitigen in der Lage war - drehte man den zierlichen Griff ein wenig nach vorn, züngelten die Flammen am Schiffsdeck nur noch, drehte man ihn etwas nach hinten, schlugen sie lichterloh in den schwarzen Himmel über der nächtlichen See.

Von Elisabeths Krönungsstunde an war aus dem begeisterten Fotografen, der, so Troller, „die Filmerei eher geringschätzte“, jedenfalls ein überzeugter Fernsehmann geworden, der den Fotoapparat sofort in den Schrank packte und zur Verwirklichung seines neuen Traums nur noch zweierlei brauchte - einen Job und die Aufträge dazu.

Lange warten musste er nicht - das neue Medium hatte eben erst angefangen, die Massen für sich zu erobern und benötigte dafür Pioniere aller Art. Und noch stand der letzte Großtriumph des Radios in Deutschland erst bevor - die Fußballweltmeisterschaft des Jahres 1954 mit den auratischen Reportagen des jungen, wie Troller 1921 geborenen Rudi Michel und mit dem semihomerischen Stimm- und Sprechepos des Herbert Zimmermann vom deutschen Endspielsieg im Wankdorf-Stadion zu Bern.

Weltläufigkeit und Liberalität in westdeutschen Wohnstuben

Als Hörfunk-Korrespondent hatte der in Wien zur Welt gekommene, 1938 vor den Nationalsozialisten durch halb Europa geflohene und 1941 glückhaft in die Vereinigten Staaten emigrierte Georg Stefan Troller seit Ende der vierziger Jahre mehrsprachig für Stationen in Amerika, Kanada, Österreich und im westlichen Teil Deutschlands gearbeitet.

Nun, als Fernsehreporter des damaligen Südwestfunks in Frankreich, sprach er in die Mikrofone zwar nur noch deutsch, fand indes für das entschieden Weltbürgerliche seines Wesens und seiner Sichtweisen einen neuen Weg, der die stetig wachsende Zahl der Zuschauer in der Bundesrepublik besonders erstaunte, ja verblüffte: Er, der Wiener Jude mit dem amerikanischen Pass, reimportierte Weltläufigkeit und Liberalität in die westdeutschen Wohnstuben. In Kauf nahm er dafür, dass er jetzt deutlich weniger verdiente als zu den Zeiten seines multiplen Radioalltags.

Nicht nur bei Franz Wördemann, dem damaligen Chefredakteur des WDR, sondern auch bei einigen anderen Fernsehoberen im Land war Troller rasch berüchtigt, bei den Zuschauern bald beliebt und berühmt. Weshalb? Weil die wesentliche Neuerung, die er in das junge Gewerbe des Fernsehjournalismus einführte, in seiner zugleich emphatischen wie kontrollierten Subjektivität bestand. Objektiv reportierende, möglichst meinungsfreie und also an den strengen Maßstäben der englischen BBC orientierte Berichterstattung war und ist seine Sache nicht.

„Tiere, Babys und singende Nonnen“

Gern erzählt Troller die Anekdote, dass die Londoner Sendechefs noch in den siebziger Jahren nach einem in ihren Augen zu meinungsfreudigen, also kritischen Beitrag über die Apartheid in Südafrika sofort einen weiteren Film in Auftrag gaben, um ja nicht der journalistischen Einseitigkeit bezichtigt werden zu können.

„Was die Leute sehen wollen“, hatte Franz Wördemann dem neuen Mitarbeiter Troller zudem mit auf den Fernsehweg nach Paris gegeben, „sind Tiere, Babys und singende Nonnen.“ Nur singende Nonnen hat Troller einmal nach Köln geliefert - „in einem meiner schwachen Filme“. Was er dem WDR aber bescherte, waren zwischen 1962 und 1971 fünfzig Folgen seines „Pariser Journals“ - ein jeweils fünfundvierzig Minuten währendes Fernseh-Feuilleton mit zunächst fünf, später bewusst nur noch drei Beiträgen aus der wahlheimatlichen Stadt.

Rauh und geheimnisvoll: die Erzählerstimme des Autors Georg Stefan Troller

Wer in den sechziger Jahren zum jugendlich neugierigen Fernsehzuschauer wurde, dem hat das „Pariser Journal“ in der Tat die Augen geöffnet - und zwar auf eine ganz andere Weise als das ebenfalls in jener Zeit entstandene und ebenfalls längst klassische ARD-Format des „Weltspiegels“. Trollers Beiträge waren schlicht poetischer und impressionistischer, ohne dabei je ins Beliebige eines bloßen Bilder- und Bohemienpotpourris abzugleiten. Ihre eigentliche Aura aber gewannen die einzelnen Filme durch ein Element, das sie alle zu einem nicht endenden Fortsetzungsroman zusammenfügte: die rauhe, etwas geheimnisvolle und immer mondäne Erzählerstimme des Autors Georg Stefan Troller.

Lediglich als „Fingerübung“ sieht er das „Pariser Journal“ im Rückblick - ganz ähnlich wie einst der von Troller bewunderte Dichter Stefan Zweig seine „Sternstunden der Menschheit“ von 1927. Es ist nicht ohne Reiz, diesen Vergleich ein wenig weiterzuführen. So wie Zweig besonders stolz war auf seine historischen Romane und Erzählungen über Weltfiguren wie Maria Stuart, Napoleon oder Tolstoi, so einigermaßen zufrieden blickt Troller auf manche der siebzig Folgen seiner Reihe „Personenbeschreibung“ zurück, die er von 1971 an zweiundzwanzig Jahre lang für das ZDF schrieb, drehte und sprach.

In zweien von ihnen, dem Film über den Vietnamkriegs-Veteranen Ron Covic und dem Detektivporträt über Stan Rikvin, dem „letzten der Kopfgeldjäger“, glaubt deren Autor das ihm handwerklich und ästhetisch Mögliche auch verwirklicht zu haben, bekräftigt indes seine Zweifel daran, ob auch nur irgendeine seiner annähernd zweihundert Fernseharbeiten bleibenden Bestand haben werde.

Vom Drehbuch über Abrechnungen bis zur Zuschauerpost

Hundertsechzig von ihnen kann man in der Programmgalerie des Berliner Museums für Film und Fernsehen finden. Jüngst hat Troller, dieser Stefan Zweig des deutschen Fernsehens, dem Fernsehmuseum auch seinen professionellen Vorlass übergeben. Neben dem Drehbild vom Flohmarkt besteht dieser Vorlass vor allem aus hundert Mappen im DIN-A-2-Format, die Troller seine „Aktenunordner“ nennt. Gesammelt ist in ihnen alles, was jeweils zu einem einzigen Film gehörte - vom akribisch entworfenenen Drehbuch über die Abrechnung von Reisespesen bis zu den Briefen und Postkarten begeisterter Zuschauer, aber auch bis zu den (seltenen) Verrissen der Fernsehkritiker.

Der nun sechsundachtzig Jahre alte Troller macht unermüdlich Film um Film, Buch um Buch - drei neue Drehbücher sind fertig, gerade erschienen ist der Band „Paris geheim“. Unter anderem mit Trollers Vorlass zieht das Fernsehen nun also in sein Museum ein. Je umfangreicher die Berliner Bestände werden, desto spannender wird auch die Frage, ob Fernsehwerke wirklich zu Klassikern werden können. Das Werk von Georg Stefan Troller hat die Chance dazu.

Fotos und Dokumente, rare Objekte und wundersame Trouvaillen aus dem Fernsehmuseum in Berlin stellen wir in den Wochen dieses Sommers vor. Dazu natürlich die Menschen, zu denen die Gegenstände gehören. Siehe: Sommerserie: Fundstücke des Fernsehens.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ASSOCIATED PRESS, picture-alliance / dpa, picture-alliance/ dpa

 
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