Kriegsberichterstattung

Sag mir, wo die Toten sind

Von André Marty, Tel Aviv

Ein Reuters-Journalist versucht seine Kamera vor dem Zugriff eines israelischen Soldaten zu retten

Ein Reuters-Journalist versucht seine Kamera vor dem Zugriff eines israelischen Soldaten zu retten

12. Januar 2009 Erinnern Sie sich an „Hamburger-Hill“, den Film über Hügel 937, den die Amerikaner im Vietnamkrieg immer und immer wieder einzunehmen versuchten? In Israel ist's ein Kriegsdenkmal, weiße Marmorsäulen auf einer kleinen Anhöhe, rund zwei Kilometer von der Grenze zum Gazastreifen entfernt - eingenommen von Mediensoldaten. Geschätzte hundert Fernsehjournalisten und Fotografen belagern den Hügel. Alle beim „Gaza-Shooting“- so nennt sich das in der Fernsehsprache.

CNN steht friedlich neben Al Dschazira International, daneben Antena3 aus Spanien, etwas entfernt der unüberhörbare Herr von „Fox News“. Er ist laut, in Ton und Inhalt. So kann dann schon mal von den „palestinian terrorists“die Rede sein, als ob einer der PR-Soldaten das Mikrofon in der Hand halten würde. Suchten Sie ein Pendant zu den Teils rüden Berichten arabischer Stationen über diesen Krieg, Sie säßen mit Fox in der ersten Reihe, sozusagen.

Früher kam man mit Krawatte an die Front

Immer wieder richtet sich Gewalt in Krisengebieten auch gegen Journalisten

Immer wieder richtet sich Gewalt in Krisengebieten auch gegen Journalisten

Ein Australier putzt dann irgendwann den Müll weg auf dem Journalistenhügel; die haben's dort unten offensichtlich etwas mehr mit dem Umweltschutz als die Kollegen von Fox. Deren Starreporter schaut sichtlich irritiert zu, wendet sich ab, Richtung Gaza.

Aber immerhin zieht er sich keine kugelsichere Schussweste an. Das überlässt er neben anderen dem Kollegen von der italienischen RAI. Ein paar Minuten vor der Live-Schaltung muss die blaue zehn Kilo schwere Weste mit dem leuchtenden PRESS-Schildchen her; sieht ja irgendwie gefährlicher aus. Noch im Libanonkrieg im Sommer 2006 war caro collega im Armani-Anzug und mit Krawatte an die Front gekommen - die Zeiten ändern sich.

Wobei der Kollege dieses Mal ziemlich mit seiner Zentrale in Rom zu kämpfen hat: Die haben ihm nämlich eine fitte Kollegin aus Italien zur Verstärkung geschickt, die sich auch noch erdreistet, in einer Medienkonferenz Israels Außenministerin Zipi Livni eine Frage nach der Verhältnismäßigkeit der israelischen Luftangriffe zu stellen - das schätzt ein Bureau Chief nun gar nicht. Dass jemand anderes bei einer Medienkonferenz für Furore sorgt, meine ich.

Weg vom Journalisten-Pulk

Nun muss man wissen, dass zwischen Korrespondenten draußen und Redakteuren drinnen eine Art eifersüchtiges Begleiten herrscht. Die in den geheizten Büros haben ganz spezielle Sorgen, sagen wir draußen. Die draußen sind keine Einfachen, heißt's drinnen. Aber manchmal verstehen wir uns auch. Manchmal.

Ein deutscher Kollege zum Beispiel hat's besonders schwer mit seinem Sender in Berlin, Köln oder München, Hamburg oder Mainz - wer will das schon so genau wissen. Die Redaktion will Soldaten sehen, Uniformen müssen her. Nur: An die Soldaten kommt selbst das israelische Fernsehen kaum ran. Und noch viel blöder, wenn just dann die Kassem-Raketen der extremistischen Kämpfer in der Nähe einschlagen, während der Journalist dem Nachrichtenchef im fernen Deutschland was von zivilen Opfern des Krieges im Gazastreifen vermitteln will.

Da sei doch die Stand-up-Position weit ab von der Medienhorde gelobt: Neben mir ein israelischer Kollege, etwas weiter entfernt steht der Mann von Al Dschazira. Vor drei Tagen hat mein Sender offenbar eine Satellitenleitung just zu jener Zeit gebucht, als der Kollege live drauf sein sollte; er war dann nicht drauf, ich schon. Seither spricht „Al Dschazira“kein Wort mehr mit „Swiss TV“. Es herrscht Krieg, auch im Mediendschungel.

Keine unabhängigen Fakten

Ach übrigens: Was wir Journalisten „an der Front“Konkretes wissen über den Kriegsverlauf, über die Opferzahlen, über die „diplomatischen Bemühungen“? Kaum etwas. Wir sind einem einmaligen Propaganda-Konzert ausgesetzt - erstaunlich, wie viele spokespersons so ein Krieg kreieren kann.

Am Journalistenhügel stehen sie täglich bereit, du musst bloß dein Mikrofon hinhalten: Armee, Außenministerium, Government Press Office, Lobby-Organisationen wie The Israel Project, Zivilisten, religiöse Gruppierungen. Du kannst sie in deutscher, russischer, spanischer, englischer, französischer Sprache haben - Hebräisch spricht sowieso kaum einer der Journalisten. Und von der Hamas-Front gibt's ab und an ein paar Einspieltapes purer Verlautbarungspropaganda, Interviews sind höchstens mit Vertretern in Beirut möglich.

Vom eigentlichen Kriegsgeschehen sind wir in diesem Krieg praktisch komplett ausgeschlossen: Nicht erst seit Kriegsausbruch, sondern seit Wochen verweigert das israelische Verteidigungsministerium ausländischen Journalisten den Zugang zum Gazastreifen. Verifizieren, unabhängiges Berichten sind damit unmöglich. Da weite Teile des Telefonnetzes im Gazastreifen zerbombt sind, kann von draußen nicht einmal mehr mit den palästinensischen Kollegen drinnen, mit den Rotkreuz-Leuten vor Ort gesprochen werden.

Eine Minute und vierzig Sekunden reichen nicht aus

Am 11. Kriegstag abends klingelt's dann doch, eine 059er Handy-Nummer, also ein palästinensischer Anrufer: „Hello André, I'm still alive.“Mohammad, mein Kollege aus Gaza, meldet sich von den Toten. „I'm still alive“aus Gaza zu hören haut mich fast um.

Tagelang gab's keinen Kontakt, weder zu Mohammad noch zu Tamer, dem Kameramann, mit denen ich normalerweise in Gaza arbeite. „It's war, André, nobody is nowhere save here“, sagt Mohammad, bevor die Leitung zusammenbricht. Er muss es wissen, er hat Bagdad überlebt und versucht's nun in Gaza. Mo, keep going, denk' ich im Stillen, verschlucke ein schüchternes „take care“.

Am 13. Kriegstag gerät die Medienkarawane kurzzeitig außer Kontrolle, als Katjuscha-Raketen, aus dem Libanon kommend, in Nordisrael einschlagen: Selbst der kahlköpfige, distinguierte Herr von der ehrwürdigen BBC bringt die Dinge etwas durcheinander, spricht von Raketenbeschuss im Süden des nördlich gelegenen Nachbarlandes Libanon. Bei der Nachrichtenagentur AP gerät die Hamas zur Hizbullah-Miliz - der Druck, das Tempo fordern ihren Preis.

Und so reift wieder einmal die bittere Erkenntnis, dass 1:40 selten reichen, die Dinge in einen Kontext zu stellen. Eine Minute, vierzig Sekunden, um über Tod, Politik und Versagen zu sprechen - und das bitte fließend, neutral und ausgewogen formuliert.

Die festen Korrespondeten haben Vorsprung

Irgendwann legst du dich dann halt ins neben dem Bunker geparkte Auto und schläfst den ungerechten Schlaf des uninformierten Korrespondenten. Du hörst die Apache-Kampfhelikopter wie die Geier über dir kreisen, immer zu zweit in der Luft. Du hörst die Detonationen der entfernt einschlagenden Bomben, kannst selbst im Schlaf zwischen „outgoing“und „incoming“unterscheiden, zwischen aus dem Gazastreifen abgefeuerten Raketen und in den Gazastreifen hineingefeuerter Artillerie. Du schläfst, während keine zwei Kilometer von dir entfernt die Menschen sterben.

Du staunst, wie viele Journalisten sich am Tod freuen können. Kommt ein amerikanischer Fotograf vorbei und fragt, wo denn die Toten seien. Johlt eine russische Fernsehcrew ob eines blutigen Steaks, „Filet Hamas“nennt der Russe sein Essen.

Und so schält sich dann doch etwas der eingeflogene Berichterstattertross von den stationierten Korrespondenten. Es fällt unsereinem etwas leichter, das besetzte Westjordanland und den Gazastreifen auseinanderzuhalten. Oder etwa bei der Mitteilung, mit Nizzan Rayyan sei ein hochrangiger Hamas-Führer getötet worden, zwischen militärischem Wunschdenken und Realität zu differenzieren; kurzzeitig berühmt im Tod, dieser Nizzan Rayyan, von dem kein Mensch außerhalb des Militär-Establishments zuvor je etwas gehört hat. Die Erfahrung mit dem Tod zahlt sich wenigstens manchmal aus.

Was der Krieg verändert

Die Jahre vor Ort bieten auch ein sehr praktisches Privileg: zwischendurch zieht's mich nachts für ein paar Stunden nach Hause zu Frau und Kind in Tel Aviv. Mein Kameramann beharrt während der Fahrt darauf, seine mitgebrachte CD zu hören - „Spiel mir das Lied vom Tod“. Eine deutsche Kollegin fährt im Höllentempo ins Hotel und beschallt sich mit Vivaldi, damit sie nicht laut weinen muss. Alle haben wir unsere Mechanismen, wie wir mit dem Schrecken zu Rande kommen. Alle wissen wir, dass ein anderer nach Hause kommt als jener, der in den Krieg gezogen ist.

Zu Hause meint die knapp Fünfjährige: „Papa, ich habe mit Peter Pan geredet. Der ist sehr böse und schimpft jetzt mit den Israelis und den Palästinensern.“Am nächsten Tag gibt's die erste dreistündige Waffenruhe. Dann wird weitergestorben.

Der Autor berichtet seit knapp fünf Jahren für das öffentlich-rechtliche Schweizer Fernsehen SF aus Israel.

Text: F.A.S.
Bildmaterial: dpa, picture-alliance/ dpa

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