08. Juli 2006 Am 22. Februar 1971 kam es in den Räumen des amerikanischen Obersten Gerichts zum Äußersten. Es prozessierte Cohen gegen Kalifornien. Cohens Verteidiger war Melville Nimmer, eigentlich als King of Copyright bekannt, aber auch sonst einer der gewieftesten Anwälte der Staaten. Hier ginge es um Meinungsfreiheit. Der neunzehnjährige Paul Cohen war in Los Angeles dabei erwischt worden, wie er durch den Korridor des dortigen Landgerichts ging, auf seiner Jacke eine unerhörte Beleidigung der amerikanischen Einberufung nach Vietnam (Draft). Für diese bösartige und absichtliche Störung des öffentlichen Friedens durch anstößiges Verhalten sollte Cohen dreißig Tage ins Gefängnis.
Nun lag der Fall vor der letzten Instanz. Eine mündliche Verhandlung war angesetzt, und der Vorsitzende Richter, Warren Earl Burger, hatte die Verteidigung ermahnt, man sei mit dem Fall vertraut, es sei also nicht nötig, sich bei Details aufzuhalten. Melville Nimmer antwortete, dem werde er folgen und die Tatsachen nur sehr kurz erwähnen. Und dann: Was dieser junge Mann tat, war, durch den Gang eines Gerichts spazieren mit einer Jacke, auf der stand: 'Fuck the Draft‘.
Nie im Gerichtssaal ausgesprochen
Burger war verstört. Denn genau dies war jenes Detail, das nicht zu erwähnen er nahegelegt hatte. Niemals zuvor war das Wort in einem Gerichtssaal ausgesprochen worden. Anwalt Nimmer aber wußte, daß er es eben darum tun mußte: um das Recht darauf zu demonstrieren. Hätte er herumgedruckst, die Richter hätten ihn aufgrund seiner eigenen Bedenken abgewiesen. Sie selber hatten es stets nur als dieses Wort bezeichnet.
Sie hatten darüber diskutiert, wie es auf ihre eigenen Frauen wirken würde, diesem Wort ausgesetzt zu sein. Und ob es überhaupt um dieses Wort gehe oder nicht vielmehr um eine absurde, unreife Posse. Noch als Richter Harlan als Vertreter der Mehrheit das knappe Urteil zugunsten Cohens verkünden sollte, bat ihn Warren Burger, John, du wirst dieses Wort doch nicht gebrauchen, oder? Es wäre der Untergang des Gerichts, wenn du das tätest, John. Harlan lachte - und begründete, ohne ein einziges Mal fuck zu sagen.
Nieder mit Tabus, die niemanden schützen
Dieser juristische Tanz um das amerikanische Tabuwort schlechthin, das F-Wort, f-k oder f*ck, wie es in den allermeisten Texten apostrophiert wird, ist kein Einzelfall. Christopher M. Fairman, Öffentlichrechtler an der Universität von Ohio, hat gerade eine ganze Abhandlung über die Rechtsgeschichte dieses Tabus vorgelegt. Alle Kollegen, so teilt er mit, hätten ihn gewarnt, seinen Beitrag Fuck zu nennen, so würde er nie publiziert.
Doch Fairman wollte sich nicht weiter an der Pflege der für ihn juristisch völlig unsinnigen und moralisch bigotten Verrenkungen beteiligen. Nieder mit Tabus, die niemanden schützen, so schließt Fairman seinen siebzigseitigen Bericht.
Von der Website des amerikanischen Social Science Research Networks, in dem die Juristen, Ökonomen und Soziologen der großen Universitäten zusammengeschlossen sind, ist er seit März 2006 ganze 4744 Mal heruntergeladen worden - für eine juristische Abhandlung eine ganze Menge, der Spitzenreiter der letzten sechzig Tage mit dem nicht minder interessanten Titel Why tolerate religion? bringt es auf 1728, die Durchschnittsleserzahl wissenschaftlicher Aufsätze liegt um eins herum.
Unmögliche sexuelle Handlung
Fairmans Beschäftigung mit der Jurisprudenz des Fluchens entzündete sich am Klima politischer Korrektheit in Amerika. Studenten, mit denen er über sexistisches Verhalten von Anwälten diskutierte, hatten ihm danach vorgeworfen, derbe Schimpfworte aus Urteilen zitiert zu haben. 2002 war ein Mann in Michigan mit 75 Dollar und vier Tagen Haft bestraft worden, weil er ein paarmal Fuck! in Hörweite von Kindern und Frauen ausgerufen hatte, als er auf dem Fluß Rifle aus seinem Kanu fiel, und hatte damit gegen ein Gesetz von 1897 verstoßen. Und als Vizepräsident Cheney im Juni 2004 den Senator Patrick Leahy während eines hitzigen Austauschs auf dem Gang des Senats aufgefordert hatte fuck yourself, berichtete die Washington Times, Cheney habe dem Senator nahegelegt, eine anatomisch unmögliche sexuelle Handlung auszuführen.
Was nicht zutrifft, wie Fairman argumentiert. Denn die Obsession mancher Amerikaner durch den Verdacht, irgendwo gehe es obszön zu, hindere sie daran, Arten des Fluchens von lüsternen Mitteilungen zu unterscheiden. Wortgeschichtlich bezeichnet fuck in der Tat zunächst nur den Geschlechtsverkehr. Um 1450 herum taucht es zum ersten Mal in einer lateinisch-englischen Satire auf Karmelitermönche auf, schon damals in codierter Umschrift: Non sunt in coeli, quia gxddbov xxkxzt pg ifmk, entziffert: Sie sind nicht im Himmel, denn sie ficken die Weiber von Ely, eine Stadt in der Nähe von Cambridge. 1598 wird es in einem italienisch-englischen Wörterbuch erwähnt, doch den ersten Eintrag ins maßgebliche Oxford English Dictionary erhält es erst 1972 - ein Jahr nach Cohen vs. California.
Aus dem Flugzeug komplimentiert
Längst war da an die Seite der sexuellen Bedeutung eine Reihe weiterer getreten. Nicht nur kann es jemanden betrügen heißen, sondern als Kraftausdruck an die Stelle jedes anderen - verdammt, zur Hölle, Mist oder total - treten. Als der Popsänger Bono 2003 an der Ostküste einen Golden Globe mit den Worten empfing This is really, really fucking brillant, hatte das nichts mit Sex zu tun. Trotzdem wurde sein Ausruf an der Westküste mit einem Bleep anstelle des Adjektivs übertragen, und es schritt auch die oberste Medienkorrektheitsbehörde ein, die Federal Communications Commission (FCC). Und noch im Oktober 2005, als Lorris Heasley ihren Flug nach Portland mit einem T-Shirt antreten wollte, auf dem über einer Abbildung von Bush, Cheney und Condoleezza Rice Meet the Fuckers stand - eine Anspielung auf die Kinokomödie Meet the Fockers -, wurde sie wegen provokativen Verhaltens auf einem Zwischenstopp aus dem Flieger komplimentiert. All dies, so Fairman, trotz des Supreme-Court-Urteils von 1971.
Die Richtermehrheit hatte damals festgehalten, Beleidigungen müßten direkt an eine Person gerichtet sein. Auch bei obszöner Rede könne der Staat einschreiten, aber wo sei die erotische Komponente bei Fuck the Draft? (Ob sie das wohl auch bei Fuck the Court herangezogen hätten, fragt Fairman). Außerdem sei niemand zum Hinschauen gezwungen worden. Würden Kinder, so die spätere Rechtsprechung, am Radio oder Fernsehen mit geschmacklosen Ausdrücken konfrontiert, so sei es ebenfalls nicht die Aufgabe des Staates, sondern der Eltern, das zu verhindern. Sprachlicher Tumult, hieß es im Urteil, Mißtöne, ja sogar anstößige Äußerungen mögen ein Resultat von Freiheit sein, aber die Kakophonie, die mitunter die Luft erfüllt, ist ein Zeichen nicht von Schwäche, sondern von Stärke des Gemeinwesens. Denn die Vulgarität der einen ist die Lyrik der anderen, wie Richter Harlan klassisch formulierte.
Christopher M. Fairman: Fuck. Working Paper No. 39 des Center for Interdisciplinary Law and Policy Studies, Ohio State University 2006. Im Internet unter: http://ssrn.com/abstract=896790
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 9. Juli 2006
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