Auswanderer-TV

Das ZDF zeigt Mut zum Scheitern

Von Peer Schader

Heike Trumpa und Klaus Buntenkötter wollen zurück

Heike Trumpa und Klaus Buntenkötter wollen zurück

13. Dezember 2006 Zum Abschied fließen wieder Tränen. Die Sachen sind gepackt, der Job ist gekündigt, der Aufbruch schon seit längerem beschlossene Sache, aber plötzlich ist der Zeitpunkt gekommen, an dem man sich von lieb gewonnenen Menschen verabschieden muß, die Familie ins Flugzeug setzt und für immer geht - ein klassisches Auswandererschicksal.

Nur: Für Klaus Buntenkötter und Heike Trumpa ist es jetzt schon der zweite Abschied. Und dieser ist mit dem Eingeständnis verbunden: Wir haben es nicht geschafft. Vor zwei Jahren ist das junge Paar nach Bolivien ausgewandert. Ein halbes Jahr nach der Ankunft kündigte sich unerwartet Nachwuchs an, und seit ihre Tochter auf der Welt ist, zweifelt das junge Paar, ob die Entscheidung, von zuhause wegzugehen richtig war. Nun haben sie beschlossen, wieder zurück zu gehen.

Ohne Euphorie

So endete die „37 Grad“-Reportage „Nichts wie weg? Von Auswanderern und Rückkehrern“, die gestern abend im ZDF lief - und das allein ist schon ungewöhnlich. Zwar gibt es zur Zeit im deutschen Fernsehen kaum ein Genre, das die Sender so konsequent bedienen wie das der Auswanderer-Reportage, aber meist begleiten die Kamerateams Menschen, die voller Euphorie sind, einen neuen Anfang zu machen, im Ausland ihr Glück suchen und trotz aller Schwierigkeiten gut über die Runden kommen.

Im kommenden Jahr setzt Vox seine Reihe „Goodbye Deutschland“ fort, weil die nach einem eher verhaltenen Start im Sommer sich zum Quotenhit mauserte. Im RTL-Magazin „Extra“ zeigt Birgit Schrowange immer montags Neues von Familie Reimann, die nach Texas ausgewandert ist und sich ein Häuschen am See baut. Familienoberhaupt Konny hat schon den dritten Job, der Sohn eine süße Freundin und die Tochter Chancen auf einen guten Schulabschluß. Es hilft, wenn man die Sprache beherrscht, die in dem Land gesprochen wird, das man sich als neues Zuhause herausgesucht hat, erklärte Mutter Reimann neulich - und ihr Mann, des Englischen immer noch nicht so recht mächtig, schob grinsend hinterher: Aber wenn man‘s nicht kann, ist das auch nicht weiter schlimm.

Blick auf Schwierigkeiten

Vielleicht ist das nur eine Illusion. „Einfach weggehen, sich eine Wohnung suchen und glauben, daß man gleich am nächsten Tag arbeiten kann - das funktioniert nicht,“ sagt Uwe Knell, der mit Frau und zwei Töchtern vor sieben Jahren nach Spanien ging. Der Anfang war besonders schwer, und es ist in all den Jahren nicht leichter geworden, die Familie zu ernähren. In Deutschland hatte Knell einen Computerladen, der von den Discountern kaputt gemacht wurde. Da war Weggehen die logische Alternative. Doch in Spanien fand er keinen Neueinstieg in seinen alten Job. Jetzt arbeitet er im Baugewerbe. Seine Frau Eva, die in Deutschland eine Tierpraxis führte, hat am Anfang geputzt: „Da bricht man sich auch keinen Zacken aus der Krone.“ Jetzt beaufsichtigt sie die meist leerstehenden Zweitwohnungen reicher Deutscher, die ab und an der Costa Brava Urlaub machen. Die Knells wollten schon vor Jahren ein eigenes Haus kaufen. Aber das Geld hat nie gereicht.
So realistisch wie in dieser Reportage ist im Fernsehen bisher selten aufs Auswandern geschaut worden. Dabei liegt es den Autorinnen Iris Bettray und Juliane Metten fern, denen, die weg wollen, den Aufbruch zu vermiesen. Im Gegenteil: Familie Knell lebt bescheiden, will aber nicht mehr zurück nach Deutschland: „Da ist es viel zu kalt,“ sagt Tochter Yvonne.

Doch die Autorinnen erlauben sich eben auch den Blick auf all die Schwierigkeiten, die ein solcher Einschnitt bedeutet und zeigen, wie schwer es manchem fällt, sich an die neuen Lebensumstände zu gewöhnen. In Bolivien hat Klaus Buntenkötter als Filialleiter eines Reiseveranstalters gearbeitet - ein guter Job, den ihm in Deutschland niemand anvertraut hätte. Aber in Bolivien läuft vieles anders. Neunhundert Euro verdient der Vierunddreißigjährige jetzt im Monat und sagt: „Korruption ist eine schlimme Sache - aber Behördengänge beschleunigen sich für mich damit.“ Es habe sehr geholfen, jemanden zu kennen, der ihnen sagen konnte, welchen Beamten man mit wie viel Geld bestechen muß.

Auswandern wird schnell Alltag

Eine Krankenversicherung haben Buntenkötter und Trumpa in Bolivien nicht gehabt - das war zu teuer. Und es war schwer, mit der Skepsis der Bolivianer zurechtzukommen: „Geh zurück in dein Land,“ haben sie Buntenkötter nachgerufen, weil sie glaubten, als Weißer müsse er Nordamerikaner sein - und die sind in Bolivien verhaßt. Dazu kam der Aberglaube: Die Bolivianer konnten nur schwer verstehen, daß die deutsche Familie nach Einbruch der Dunkelheit mit ihrer Tochter vor die Tür ging - dort seien sie schließlich bösen Geistern ausgesetzt. So richtig angekommen sind sie in dem Land nie, obwohl sie gute Freunde gefunden haben. Die Erfahrungen mit der fremden Kultur waren zwar interessant, aber mit der Zeit kam das Heimweh und die Einsicht: Wenn unserem Kind hier etwas zustößt, können wir vielleicht nicht dafür sorgen, daß es wieder gesund wird.
Daß das ZDF aus einer kritischen Perspektive auf das Phänomen des Neuanfangs in einem anderen Land geschaut hat, muß man dem Sender hoch anrechnen. Am Ende steht die Bilanz: „Auswandern wird schnell Alltag, wenn man angekommen ist.“ In der Anfangseuphorie gerät so was schnell einmal in Vergessenheit.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Klaus Buntenkötter

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