Amerikas Blogger

Die Königsmacher

Von Jürgen Kalwa, New York

Bekam die Macht der Blogger zu spüren: Lieberman

Bekam die Macht der Blogger zu spüren: Lieberman

21. August 2006 Vor ein paar Wochen fand Bob Adams zum ersten Mal einen richtig guten Verwendungszweck für seine Videokamera. Der passionierte Amateurfilmer setzte sich in sein Auto und folgte der Wahlkampfroute eines prominenten amerikanischen Politikers, um ihm im Stile Michael Moores bei jeder Gelegenheit ein paar einfache Fragen zu stellen. Der Kandidat, der gewöhnlich sonntags in den großen Politik-Talk-Shows des Fernsehens vor einem Millionenpublikum auftritt und in der Lage ist, mit seiner resonanten leisen Stimme zu jedem Thema der Weltpolitik ein Statement von 60 Sekunden abzugeben, war nicht gerade angetan von seinem hartnäckigen Begleiter: „Sie sind der glücklichste aggressivste Fragesteller“, sagte er eines Tages.

Bob Adams ist auch mit solchen Antworten zufrieden. Denn: „Das visuelle Medium hat einen größeren Einfluß als das gedruckte Wort.“ Adams weiß auch, wie man den Einfluß als ganz gewöhnlicher Staatsbürger am besten nutzt. Kaum hatte er Aufnahmen in seinem Computer zu einem 65 Sekunden Video zusamengeschnitten, lud er sie auf den Internet-Video-Marktplatz „YouTube“ hoch. Dann schrieb er eine Notiz für die Leser seiner Website ctbob.blogspot. com, um sie davon zu informieren, daß sie sich mit einem simplen Click den Spot ansehen können.

Das amateurhafte Zeitdokument haben nach dem Stand vom Donnerstag mehr als 5000 Neugierige gesehen. Darunter viele Journalisten, die in diesen Wochen verblüfft über ein neues Phänomen im politischen Alltag Amerikas berichten: den Aufstieg von Menschen wie Bob Adams.

Joe Lieberman verlor die Abstimmung

Sie bezeichnen sich als Blogger. Anders als die Millionen von namenlosen Freizeitautoren, deren ungestillter Mitteilungsdrang sich auf tagebuchartige Beobachtungen beschränkt, sind sie geschickte Agitprop-Künstler und Nachrichtendienstler, die im Massenmedium Internet eine enorme Breitenwirkung entfalten. Die „New York Times“ nennt sie schon die „neue Kraft im politischen Kampf“.

Der Mann, der von dieser Entwicklung als erster Top-Politiker mit erwischt wurde, weiß vermutlich noch immer nicht genau, was ihm widerfahren ist: Joe Lieberman, prominentes Mitglied der Demokratischen Partei, der noch vor sechs Jahren von Al Gore als dessen Mann für das Amt des Vizepräsidenten Amerikas auserkoren worden war, war als Verfechter des Irak-Kriegs der Bush-Regierung schon vor einiger Zeit zum roten Tuch für die linke Opposition geworden.

Am Dienstag erhielt er bei den parteiinternen Vorwahlen die Quittung. Der Karrierepolitiker, der sich nach drei Amtsperioden als Senator in Washington gute Chancen ausgerechnet hatte, erneut aufgestellt zu werden, verlor mit 48 zu 52 Prozent gegen einen Herausforderer namens Ned Lamont, den vor acht Monaten niemand kannte.

Lieberman kandidiert trotzdem - ohne Partei

Wie groß der Einfluß von Bloggern wie Bob Adams und ihren täglich immer weiter anschwellenden Mitteilungsseiten im Internet mit so phantasievollen Namen wie „My Left Nutmeg“ oder „Spazeboy“ auf den Ausgang der Vorwahlen war, kann niemand genau sagen. Doch unbestritten ist ihre Rolle als Cheerleader und Multiplikatoren, die schon früh den politischen Nobody Lamont unterstützten und ihm so eine Plattform gaben, um in der Öffentlichkeit bekannt zu werden.

„Meiner Ansicht nach haben sie die ganze Sache ins Rollen gebracht“, sagt der Demoskop Douglas Schwartz von der Quinnipiac University, der das Wahlverhalten in Connecticut untersucht. „Aber am Ende ging es hier um mehr als um Blogs.“ So hatten sich mehr als 30.000 neue Wahlberechtigte bei der Demokratischen Partei registrieren lassen, um ihre Stimme abgeben zu können. Viele von ihnen fühlten sich motiviert, Lieberman einen Denkzettel zu verpassen.

Die eigentliche Auseinandersetzung hat jedoch erst begonnen. Der 64 Jahre alte Karrierepolitiker betrachtet nämlich das Votum seiner Parteigenossen als bloße Formalität. Obwohl er wochenlang seine Loyalität zur Partei und zu ihren Idealen verkündet hatte, ließ er Tausende von Unterschriften sammeln und sicherte sich so einen Platz als parteiunabhängiger Kandidat auf dem Stimmzettel. Der Wahltermin ist Anfang November. Liebermans Entscheidung basiert auf reinem politischen Kalkül. Er hofft darauf, sich bis zum Urnengang bei den Anhängern des rechten Spektrums einschmeicheln zu können. Die Rechnung könnte aufgehen. Denn die Republikanische Partei hatte aus Sorge, daß der prominente Amtsinhaber unantastbar sein würde, einen Nobody aufgestellt.

Die Basis hat sich ihre eigene Plattform geschaffen

Auf politisch progressiv eingefärbte Blogger wie Bob Arnold wirkt Liebermans Schachzug wie ein weiterer Beweis dafür, daß die repräsentative Demokratie vor allem an einem krankt: an halsstarrigen Politikern, die glauben, daß sie Ämter auf Lebenszeit gepachtet haben. Lieberman ist ein besonderer Fall. Statt wirkungsvolle Oppositionspolitik gegen die republikanische Übermacht im Weißen Haus und im Kongreß voranzutreiben, tadelte er lieber die Kriegskritiker in den eigenen Reihen. Das gefiel Präsident George W. Bush, der nach seiner „State of the Union“-Rede im Januar im Abgeordnetenhaus Lieberman in seine Arme zog, was auf viele Fernsehzuschauer wie ein Kuß wirkte.

Die Szene wurde zum Kristallisationspunkt für die linken Aktivisten, die Fotos und Videos von diesem Moment in Umlauf brachten. „Der Judaskuß, der bringt ihn um“, prophezeite Jane Hamsher, eine der einflußreichsten Bloggerinnen des Landes, die die Website firedoglake.com unterhält, der jeden Tag rund 75.000 Amerikaner einen Besuch abstatten. Hamsher lebt eigentlich in Oregon an der Westküste, kam aber im Juni an die Ostküste, um die Debatte um das Herz und die Seele der Partei aus nächster Nähe zu verfolgen und zu beeinflussen.

Die 47 Jahre alte Frau, die als Produzentin von Filmen wie „Natural Born Killers“ in Hollywood genug Geld verdient hat, um sich via Internet an der politischen Auseinandersetzung zu beteiligen, ist glücklich, daß die Basis der sogenannten netroots endlich eine Plattform gefunden hat, sich zu artikulieren und zu organisieren. Liebermans Gegenkandidat Ned Lamont erkannte den Nutzen in dem aufblühenden Engagement der Web-Agitatoren schon früh und ernannte einen Kontaktmann in seinem Stab, der die Blogger mit Informationen versorgte, aber ihnen auch Zugang zu Veranstaltungen verschaffte, was gewöhnlich nur Vertretern etablierter Presseorgane zugestanden wird.

Bob Adams genießt erstmal seinen Triumph

Ob diese Intimität in den nächsten Monaten ungestört erhalten bleibt, wenn sich Lamont einem größeren Zielpublikum präsentieren wird, ist schwer zu sagen. Viel wird davon abhängen, ob das erneute Duell gegen Lieberman von persönlichen Attacken oder von Sachargumenten bestimmt sein wird.

Es gibt bereits Blogger, die den Sieg in der ersten Schlacht fast schon ein wenig bedauern. Ein Zuarbeiter von AMERICABLog prophezeite, daß der Wahlkampf „eine Katastrophe für die Demokratische Partei“ werden wird, auch wenn dies ausschließlich Liebermans Schuld sei. Die Konstellation werde den Hauptvorwurf der Demokraten an die Adresse der regierenden Republikaner - Inkompetenz - im ganzen Land abschwächen und Lieberman als den letzten „Demokraten, der sich für nationale Sicherheit stark macht“, herausstreichen.

Bob Adams schrieb seinen Lesern noch in der Nacht, nachdem das Ergebnis der Vorwahl feststand, daß er, nachdem er den ganzen Tag über hastig Tausende von Wörtern getippt und mehrere Videos gedreht und geschnitten hatte, erst einmal den Triumph genießen werde. Er hatte im Saal des Four Point Sheraton Hotel in Meriden im Publikum gestanden, als der Sieger Ned Lamont seine Rede gehalten hatte, und fand: „Das war vermutlich einer der Höhepunkte meines Lebens.“

Text: F.A.Z., 21.08.2006, Nr. 193 / Seite 36
Bildmaterial: AP

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