25. März 2008 Als Zyniker vom Dienst ist Christoph Maria Herbst ein Markenzeichen. Langsam aber befreit er sich auch aus der Stromberg-Falle. Bei Sat.1 ist er am Dienstag Don Quichote - herausfordernd, sagt er im F.A.Z.-Interview.
Herr Herbst, man kennt Sie eher durch unsympathische Rollen von Stromberg bis zur Hitler-Parodie Alfons Hatler. Jetzt treten Sie als Don Quichote in einer Familienkomödie auf. Wie weit ist da noch der Weg zum ZDF-Sonntagsfilm?
(lacht) Das ZDF dürfte gar nicht so wahnsinnig an mir interessiert sein. Die sind zwar auf dem Verjüngungstrip, aber als Zweiundvierzigjähriger würde ich denen auch nicht mehr helfen. Fühlt sich mein Don Quichote etwa nach ZDF am Sonntagabend an?
Eher nach einem Trippelschritt.
Als sei ich auf dem Weg ... Gut, meiner entsteht ja erst beim Gehen, ich hatte nie Pläne nach dem Motto: In fünf Jahren, so Frühjahr 2008, müsste ich eine spanische Charakterrolle für Sat.1 karikieren. Sagen wir mal so: Wenn es seitens des öffentlich-rechtlichen Fernsehens ein adäquates Angebot gäbe, würde ich nicht nein sagen. Ich arbeite ja nicht exklusiv für irgendwen, auch wenn man das Gefühl haben könnte, ich sei an Pro Sieben gebunden.
Besteigen Sie denn irgendwann wie Harald Schmidt das Traumschiff?
Man kann auf diese Weise immerhin umsonst Urlaub machen und dafür sogar Geld kriegen. Ich unterstelle mal, dass das nicht die Maxime seines Handelns gewesen sein kann, eher eine Art Selbstpersiflage. Dafür muss man allerdings wie er erst mal ein Brand gesetzt haben, um sich mit der nötigen Selbstironie persiflieren zu können. An dem Punkt bin ich nicht und will auch nie dorthin. Mir geht es nicht darum, ein Celebrity zu sein oder eine Marke. Ich versuche, hinter meinen Figuren zu verschwinden.
Ihr Stromberg ist keine Marke?
Wenn ich die letzten Jahre Revue passieren lasse, gehen meine Rollenprofile in der Tat überwiegend in die Richtung negativerer Charaktere. In Bremerhaven habe ich mal den Romeo gespielt, obwohl ich den Spielleiter zuvor bestürmt hatte, mir den Tybalt oder Mercutio zu geben, weil Romeo einfach der absolute Langweiler ist. Und bei Schillers Räubern finde ich Franz Moor spannender als Karl. Ich versuche die Quadratur des Kreises: Mittel- bis langfristig wäre es mir eine große Freude, mehr Schubladen auszuprobieren, aber letztlich bin ich nicht derjenige, der das Angebot bestimmt.
Das meist aus Arschlöchern besteht, wie Sie voriges Jahr sagten?
Es wird Gott sei Dank weniger, wie man am Don Quichote sieht. Den Bogen vom 17. ins 21. Jahrhundert so zu erzählen, dass es nicht in einer Maskerade erstarrt, sondern der Figur ein schlagendes Herz abseits der Operette zu verleihen war herausfordernd. Mir das zuzutrauen, muss ich erst noch lernen. Als mir die Rolle angeboten wurde, habe ich erst mal andere Kollegen ins Spiel gebracht, bei denen ich die Figur besser aufgehoben sah.
Wie selbstlos.
Darauf will ich nicht hinaus. Ich habe die Rolle letztlich gespielt, weil sich die Produktion eben nicht davon überzeugen ließ, einen Edgar Selge zu nehmen. Nein, die Angebote kommen, ich muss meinem Glück nur noch mehr trauen.
Nur vom Humor kommen Sie nicht los.
Das wäre dann die richtige Formulierung, wenn ich es versuchte. So weit bin ich noch nicht. Komödie ist für mich nach wie vor die Königsdisziplin, gerade auf der Bühne. Am Ende ist es ein Handwerk, das viel mit Musikalität zu tun hat, und aus der Ecke komme ich nun mal, weil stets viel Musik um mich war. So gesehen, ist meine Entwicklung sehr geradlinig.
Würden Sie für mehr Kurven darin umsonst arbeiten, wie es George Clooney mit Michael Clayton getan hat?
Absolut, habe ich sogar schon getan. Im Schnitt habe ich alle zwei Jahre einen Studentenfilm gemacht, und zwar nicht aus Gutmenschentum, sondern auch für mich persönlich. In Jakobs Bruder von Daniel Walta zum Beispiel spiele ich eine Figur, die mir im bezahlten Film noch nicht angeboten wird, der jüngere von zwei Brüdern, auf einer Odyssee nach Hause zur kranken Mutter. Das war mal was ganz anderes.
Haben Sie als Nachwuchskünstler je solche Solidarität erfahren?
Daran kann ich mich nicht erinnern. Meine Laufbahn ist von Sinuskurven geprägt. Wobei es mir sehr gut getan hat, dabei viel Dreck zu fressen; der reinigt ja bekanntlich von innen.
Umsonst gearbeitet haben Sie auch für einen Werbespot gegen Bild.
Ich habe nicht gegen etwas gekämpft, sondern für die Homepage bildblog.de, die Bild ein wenig korrigiert. Als ich damals hörte, mal wieder mit Anke Engelke arbeiten zu können und zugleich bildblog den Rücken zu stärken, kam am Ende raus: Herbst, das musste machen.
Sie haben keine Angst vor Bild?
Ach, die haben ja auch vor mir keine. Das ist ein lustiges Nicht-geben-und-nicht-Nehmen, und ich hätte nichts dagegen, wenn es dabei bliebe. Wobei ich mir im Kleinen bewusst bin, eine Art Fehdehandschuh hingeworfen zu haben. Zurückgekommen ist er noch nicht. Ich bin für den Boulevard erfreulich unspannend.
Sind Sie eine Kämpfernatur?
Nein. Ich kann aber mit einer gewissen Sturheit oder viel Disziplin, Fleiß und Ehrgeiz vorgehen, diesen wunderbaren deutschen Kardinaltugenden. Zum Glück artet das bei mir nie in Verbissenheit aus, die mit Ellenbogen voran über Leichen geht. Dafür bin ich - anders als Don Quichote - zu sehr Realist, der Aussichtsloses lieber sein lässt. Ich habe mir aber einen positiven Fatalismus angeeignet: Weil ich mir nicht zugetraut hatte, Stromberg spielen zu können, bat ich darum, mich erst zu casten. Auch vor Don Quichote habe ich um Probeaufnahmen gebeten, um zu wissen, wie sich das anfühlt.
Man darf Sie Comedian nennen?
Mit dem Begriff habe ich zu leben gelernt, bevorzuge aber den alten griechischen Begriff des Komödianten. Comedian kommt vom Stand-up, was ich nie gemacht habe. Wenn ich die Wahl hätte: Nennen Sie mich Schauspieler.
Die Fragen stellte Jan Freitag.
Text: F.A.Z., 22.03.2008, Nr. 69 / Seite 40
Bildmaterial: Christian Hartmann / Sat.1
