Allensbach-Analyse

Der schleichende Abschied vom klassischen Bildungskanon

Von Professor Renate Köcher

20. August 2008 Es gibt gesellschaftliche Veränderungen von großer Tragweite, die anfangs kaum bemerkt werden, da sie sich aus einzelnen Bevölkerungsgruppen heraus entwickeln. Seit einigen Jahren verändert sich das Interessenspektrum der jungen Generation langsam, aber ständig. Sie zieht sich immer mehr von Themen und Diskussionen zurück, die sich mit der Gesellschaft, den politischen Möglichkeiten, der Wirtschaft, den sozialen Fragen oder kulturellen Themen beschäftigen.

Während das Interessenspektrum in der Altersgruppe über 30 Jahre noch keine auffälligen Veränderungen zeigt, ist das Interesse der Altersgruppe unter 30 Jahren an Politik in den letzten acht Jahren um 8 Prozentpunkte zurückgegangen, genauso das Interesse an Wirtschaftsthemen. Ende der neunziger Jahre interessierten sich 53 Prozent der Bevölkerung zumindest begrenzt für wirtschaftliche Themen, heute sind es 52 Prozent. In der jungen Generation dagegen schrumpfte der Kreis der zumindest begrenzt an Wirtschaftsthemen Interessierten im selben Zeitraum von 44 auf 36 Prozent, der Kreis politisch Interessierter von 56 auf 48 Prozent. Tiefer gehendes Interesse an Politik bekunden heute nur noch 9 Prozent der Jugendlichen bis 30 Jahre, ein ebensolches Interesse an wirtschaftlichen Entwicklungen 8 Prozent.

Interesse an Umweltfragen sinkt

Auch die Befassung mit Umweltfragen ist gesunken, gegenläufig zur Stärke der öffentlichen Diskussion. Seit dem Ende der neunziger Jahre ist der Kreis, der seine Aufmerksamkeit zumindest begrenzt dem Umwelt- und Naturschutz widmet, in der Altersklasse bis 30 von 83 auf 68 Prozent geschrumpft, der engagierte Kern dieser Gruppe von 27 auf 16 Prozent. Gemessen am gesamten Interessenspektrum dieser Altersklasse am Ende der neunziger Jahre, haben Umweltthemen besonders an Zuwendung verloren - neben Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Forschung, Kunst und Kultur. Das Interesse an Wissenschaft und Forschung liegt heute um rund ein Fünftel unter dem Stand, der vor etwa einem Jahrzehnt zu beobachten war, das Interesse an Kunst und Kultur um rund ein Drittel.

Rückläufig war auf dem Feld der Kultur besonders das Interesse an Literatur und klassischer Musik. Der Anteil derer, die gerne (auch) klassische Musik hören, ist innerhalb dieses Jahrzehnts in der Altersklasse unter 30 Jahren von 26 auf 15 Prozent gesunken. Der Musikgeschmack der Jüngeren sowie ihre Lektürepräferenz sind heute wesentlich fokussierter als vor einem Jahrzehnt und richten sich vor allem auf moderne Unterhaltungsmusik, englischen wie deutschsprachigen Rock und Pop.

Fasst man Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Umwelt, lokale Ereignisse, Kunst und Kultur zusammen, so liegt der Interessenpegel der gesamten Bevölkerung heute nur knapp unter dem Niveau am Ende der neunziger Jahre, derjenige der jungen Generation dagegen erheblich darunter.

Kommunikationstechnologie und Konsum

Zugleich gibt es durchaus Themen, welche die Jugendlichen bis zur Altersgrenze von 30 Jahren stärker interessieren als früher. Das gilt insbesondere für alle Felder der Kommunikationstechnologie, von Computer und Internet über Handy, digitales Fernsehen bis hin zu digitaler Fotografie und Videotechnik; das gilt jedoch auch für andere Konsumfelder wie Kosmetik und Mode. Die Neugier auf psychologische Themen und auf Gesundheitsinformationen ist zumindest tendenziell angestiegen, das Interesse an beruflicher Weiterbildung ist stabil.

Diese Veränderungen ergeben ein Muster: Fast alle Themen, die zum einen mit dem klassischen Bildungskanon und zum anderen mit der gesellschaftlichen Entwicklung verbunden sind, finden heute weniger Aufmerksamkeit, während Informationen, die unmittelbar auf den eigenen Alltag übertragen werden können und zur Optimierung von Beruf, Kaufentscheidungen und Privatleben dienlich sind, stabiles oder sogar größeres Interesse finden.

Soziale Gerechtigkeit sinkt in der Bedeutung

Parallel wandeln sich die Rangordnungen und Werte. Erfolg im Beruf, ein hohes Einkommen, ein gepflegtes Aussehen, aber auch eine eigene Familie, Kinder zu haben, sind den jungen Menschen bis 30 Jahre heute wichtiger als vor einem Jahrzehnt, gesellschaftliche Ziele dagegen weniger wichtig. Das gilt sogar für die soziale Gerechtigkeit, ein Thema, das in letzter Zeit in der öffentlichen Diskussion eine regelrechte Renaissance erlebt hat. Der Anteil derer, die in dieser Altersklasse der sozialen Gerechtigkeit besonders große Bedeutung beimessen, hat sich binnen zehn Jahren von 60 auf 53 Prozent vermindert.

Der Kreis, der politischem Engagement große Bedeutung beimisst, wird geradezu marginalisiert. Vor einem Jahrzehnt hielten es noch 9 Prozent der Jugendlichen bis 30 Jahre für wichtig, politisch aktiv zu sein, heute noch 6 Prozent. Der Rückgang des politischen Engagements der jungen Generation verändert auch die Ausgangslage für die Parteien. Das gilt insbesondere für die CDU/CSU, die von 40 Prozent der politisch Interessierten dieser Altersklasse bevorzugt wird, aber nur von 24 Prozent der gleichaltrigen Desinteressierten. Alle anderen Parteien erzielen bei den politisch Desinteressierten bis zu 30 Jahren bessere Ergebnisse als bei politisch Interessierten.

Insgesamt wird die Neigung der jungen Leute schwächer, sich kontinuierlich zu informieren. Der Anteil derer, die über das aktuelle Geschehen auf dem Laufenden sein wollen, sank allein in den letzten fünf Jahren von 45 auf 37 Prozent.

Das Informationsbedürfnis sinkt

Die Begründung scheint auf den ersten Blick eindeutig zu sein: Das Informationsbedürfnis sinkt, weil das Interesse an politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Themen zurückgeht. Sicher wäre in der öffentlichen Diskussion rasch Übereinstimmung gefunden, dass das rückläufige Interesse auf Politikverdrossenheit, die Komplexität der politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen und den daraus folgenden Fatalismus der Bürger zurückzuführen ist. Dies erklärt jedoch kaum, warum auch Kunst und Kultur, Forschung und Wissenschaft oder Umweltthemen heute weniger Jugendliche interessieren als noch vor zehn Jahren.

Die Suche, was diese Veränderungen des Interesses bewirkt, führt zum tiefgreifenden Umbruch in der Mediennutzung. Die junge Generation läuft hier der Gesamtbevölkerung weit voraus. In den nur zwei Jahren zwischen 2000 und 2002 wurde das Internet in der jungen Altersklasse vom Minderheiten- zum Massenmedium. Damals nutzten bereits 59 Prozent dieser Altersklasse, jedoch nur ein Drittel der Gesamtbevölkerung das Internet; heute sind bereits 86 Prozent der jungen Generation online, 60 Prozent der Bevölkerung.

Gegenläufig ist die Lektüre von Tageszeitungen bei den Jugendlichen bis 30 Jahre erdrutschartig gefallen. Dies setzte nicht erst Ende der neunziger Jahre mit dem Siegeszug des Internets ein, sondern bereits beschleunigt nach 1990. Damals lasen noch 66 Prozent dieser Altersklasse regelmäßig eine Tageszeitung, 2000 53 Prozent, heute 41 Prozent. In der gesamten Bevölkerung ist die Reichweite von Tageszeitungen zwar ebenfalls gesunken, liegt jedoch auch heute noch bei rund 70 Prozent. Untersuchungen nach Altersklassen zeigen jedoch, dass kaum zu erwarten ist, dass der Einstieg in die Zeitungslektüre nur zu einem späteren Zeitpunkt erfolgt. Wer sich vor seinem 30. Geburtstag weitgehend dem Zeitungslesen verweigert, gewöhnt sich die Lektüre im Allgemeinen auch später nicht an.

Internet dient nicht als Informationsquelle

Fernsehen und Internet sind bei den Jüngeren keine Substitution einer Tageszeitung, sondern eine ganz andere Nutzungsgewohnheit und damit ein Paradigmenwechsel im Umgang mit Information. Fernsehen und Internet werden in der Altersklasse bis 30 Jahre keineswegs der Tageszeitung vergleichbar für die kontinuierliche tägliche Information genutzt. Trotz einer Reichweite von 86 Prozent spielt das Internet als Informationsquelle über das aktuelle Geschehen in der jungen Generation nur eine geringe Rolle. Stichtagsbefragungen belegen, dass im Durchschnitt nur 15 Prozent dieser Altersklasse sich mit Hilfe des Internets über das aktuelle Geschehen informieren.

Das Internet wird stattdessen in hohem Maße für Kommunikation und für die gezielte Information bei Bedarf genutzt: Man informiert sich dann, wenn man etwas Bestimmtes wissen will. Der auf Knopfdruck jederzeit verfügbare, schier unerschöpfliche Informationsbestand des Internets lässt die kontinuierliche Information überflüssig erscheinen; denn die Information steht stets dann, wenn man sie braucht, zur Verfügung. Damit gewöhnt sich jedoch ein großer Anteil der Jüngeren, die bereits mit diesem neuen Medienangebot aufgewachsen sind, die kontinuierliche Information nicht mehr an, sondern ersetzt die regelmäßige Information durch eine bedarfsgesteuerte, die wesentlich ereignisgetriebener erfolgt und enger auf Themen fokussiert ist, für die von vornherein großes Interesse besteht.

Das Fernsehen kompensiert diese Entwicklung nicht, da ein wachsender Anteil der jungen Leute informierenden Inhalten ausweicht und das Fernsehen vor allem zur Unterhaltung nutzt. Wie die Tageszeitungen sind auch die informationshaltigen Fernsehprogramme zunehmend an ein Alter jenseits der dreißig Jahre gebunden.

Dies führt zunehmend zu einer Spaltung der Gesellschaft in die, die sich sowohl durch Zeitungen wie über Fernsehen, Rundfunk und Internet informieren, und jene, die das Informationsangebot zunehmend selektiv in Anspruch nehmen.

Dies verändert auch die Voraussetzungen für den gesellschaftlichen und besonders den politischen Diskurs. Eine Gesellschaft, die teilweise auf kontinuierliche Information und Urteilsbildung verzichtet, wird spontaner, in der Urteilsbildung beweglicher, sogar sprunghafter und anfälliger für Manipulation.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z.

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

NEU: Jetzt keine Folge „RICHTERSPRUCH“ mehr verpassen! Testen Sie den kostenlosen Benachrichtigungsservice von FAZ.NET.

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche