09. August 2008 Auf dem Marktplatz von Breslau herrscht reger Betrieb. Rund um das Rathaus sind die Touristen unterwegs, alle paar Meter drückt ihnen jemand einen Reklamezettel in die Hand mit einem Hinweis auf allerlei Unterhaltungsangebote, die man unter gar keinen Umständen verpassen darf. Das geht bis zum Abend, wenn sich der Platz in eine Kneipen- und Diskomeile verwandelt. Nur zweihundert Meter weiter wird an diesem Tag das Grauen in Szene gesetzt.
Die Nebenstraße Karola Szajnochy ist mit einer grünen Filzwand zugestellt. Dahinter stehen dreihundert zerlumpte Gestalten in Reih und Glied. Flankiert werden sie von einem Dutzend junger Männer in SS-Uniformen. Langsam gehen sie voran, bis jemand Cut ruft. Abermals nehmen sie Aufstellung, so lange, bis die Einstellung stimmt.
Panik im Getto
Was sie hier an einem heißen Sommertag nachstellen, das hat sich im September 1942 im Warschauer Getto ereignet. Es ist eine der letzten der großen Deportationen in die Vernichtungslager, in Windeseile treibt die SS die ersten siebentausend Juden zum berüchtigten Umschlagplatz, von dem aus die Züge in die Lager fuhren, im Getto herrscht Panik. Die Juden sollten umgesiedelt werden, heißt es in den offiziellen Dokumenten, doch jeder weiß, was das bedeutet.
Am 22. Juli 1942 haben die Deportationen begonnen. Und am 22. Juli haben Marcel Reich-Ranicki und Teofila Langnas geheiratet. Im Haus des Judenrates, wo er als Leiter der Korrespondenzstelle beschäftigt war. Die Ehe versprach einen Aufschub der Vernichtung auf Zeit, im Umsiedlungsbefehl war die Rede von den Gruppen, die von der Umsiedlung zunächst ausgenommen waren; noch unterschied das NS-Regime und bestimmte, in welcher Reihenfolge die Juden in die Vernichtungslager kommen sollten.
In Warschau ging es nicht
Aus den Fenstern der umliegenden Häuser heraus verewigen einige Bewohner die Szene vom August 2008 in Breslau, die im September 1942 in Warschau spielt, mit ihren Fotohandys. Bis die große Szene im Kasten ist, dauert es Stunden. Die Straße ist präzise um sechzig Jahre zurückversetzt worden, doch es findet sich immer noch ein Detail, das verändert werden muss, und es dauert, bis der Regisseur Dror Zahavi zufrieden ist. Er ist eine Woche lang durch Warschau gelaufen, um zu erkennen, dass er dort nicht würde filmen können, was er zeigen will: wie Marcel Reich-Ranicki und seine Tosia das Getto überlebt haben. Zwar verfügt die Produktion über einen Etat von rund 5,3 Millionen Euro, was für einen Fernsehfilm erheblich ist, doch kann Zahavi nicht wie Roman Polanski für seinen Pianisten ganze Straßenzüge absperren oder nachbauen lassen.
Zahavi will es auch gar nicht. Er arbeitet mit dreihundert, vierhundert Statisten, die im Film wie siebentausend Menschen wirken sollen. Den Realismus in großen Bildern, mit dem bei Polanski oder in Schindlers Liste das Grauen des Holocausts aufschien, sucht er gar nicht zu übertrumpfen. Er will die Geschichte von Tosia und Marcel Reich-Ranicki erzählen. Und dabei ist für ihn eine Frage die alles entscheidende: Werde ich dem gerecht? Der persönlichen und der großen Geschichte gerecht zu werden, das ist der Anspruch des Regisseurs. In unserem Film fällt kein einziger Schuss, sagt Zahavi. Den Umschlagplatz werden wir bei ihm nicht sehen, wohl aber, wie Marcel Reich-Ranicki seine Eltern den Waggons entgegengehen sieht. Seine Mutter trägt ihren besten Mantel, den sie sich noch in Berlin gekauft hat. Was auch immer Sie denken, wie schlimm es war, hat Reich-Ranicki dem Regisseur über das Getto gesagt; es war noch viel schlimmer.
Die vielleicht größte Hürde
Dem in Tel Aviv geborenen Dror Zahavi, dessen Familie aus Polen stammt und dessen Onkel lange Vorsitzender der Auschwitz-Überlebenden war, muss obendrein das Kunststück gelingen, neben der historischen und der persönlichen auch die literarische Ebene zu treffen, jene, die für das junge Liebespaar Tosia und Marcel zum Überlebensraum, zur Heimat wird. Katharina Schüttler, die Tosia spielt, ist von dieser Aufgabe ganz hingerissen. Sie überlegt lange, bis sie antwortet, und spricht dann von Szenen, die so anspannend und groß seien, dass man es sich kaum vorstellen könne, dann aber, wenn sie glückten, für nur einen Moment die Ahnung von dem vermittelten, was sich im Warschauer Getto abspielte. Während in der Zweisamkeit von Tosia und Marcel Reich-Ranicki, wie sie etwa nebeneinander liegen und sich gegenseitig deutsche und polnische Lyrik vorlesen, etwas ganz Besonderes Gestalt annehme, wie es sich in Reich-Ranickis Autobiographie ja auch ausdrücke - die Literatur wird real.
Für den Drehbuchautor Michael Gutmann war das vielleicht die größte Hürde. Denn mit Mein Leben von Marcel Reich-Ranicki hatte er die Geschichte zweier Personen und ein Thema, nicht aber die Vorgabe für eine Dramaturgie. Sollte er chronologisch nacherzählen und eines jener beliebten Bio-Pics entwerfen, die das Kino bevölkern? Gutmann fand einen Kniff, wie er in dreißig Jahren aus dem Leben des Marcel Reich-Ranicki - von dessen Ankunft in Berlin 1928, als Junge von neun Jahren, bis zum Entschluss, 1958 Polen den Rücken zu kehren und nach Deutschland zu gehen, um dort als Literaturkritiker zu arbeiten - hin und her wandern und zugleich ein ganzes deutsch-polnisch-jüdisches Panoptikum aufspannen könnte: Er schickt Reich-Ranicki zu einem Verhör, das anknüpft an seine Zeit als polnischer Konsul in London und Mitarbeiter des polnischen Geheimdienstes, die nur knapp zwei Jahre vom Februar 1948 bis zum November 1949 währte, bis er abberufen wurde und in Ungnade fiel.
Das geeignete Mittel
Das Verhör hat so nie stattgefunden, erscheint aber als das geeignete Mittel, eine Epoche und die verschiedenen Personen zu zeigen, die der Drehbuchautor in Reich-Ranicki erkennt - vom naiven Jungen bis zum reifen Mann -, und, wie Gutmann sagt, dramaturgisch ein Pendant für das sprachliche Niveau der Vorlage zu finden. Vor großer Literatur ist Gutmann, der an der Münchner Filmhochschule lehrt, nicht bange. In diesem Herbst kommt Otfried Preußlers Krabat in die Kinos, nach einem Drehbuch von ihm.
Es dauert, bis auf der Karola Szajnochy alles stimmt. Eine elektrische Laterne, die ins Bild ragt, macht besonders zu schaffen. Wäre Reich-Ranicki hier, würde er sich das nicht lange mit ansehen. Der Regisseur Dror Zahavi ist die Ruhe selbst. Am 15. April 2009 soll sein von der Produzentin Katharina Trebitsch verantworteter und vom Westdeutschen Rundfunk produzierter Film im Ersten laufen, der Titel folgt der Vorlage: Mein Leben - Marcel Reich-Ranicki. Der Regisseur würde sein Stück auch gerne im Kino sehen, doch davon muss er die Leute im Sender erst noch überzeugen.
Was er denn eigentlich sei, ein Deutscher, ein Pole oder was? Das habe ihn, erinnert sich Marcel Reich-Ranicki, einmal der junge Günter Grass gefragt. Ein halber Deutscher, ein halber Pole und ein ganzer Jude sei er, habe er geanwortet und damit nicht die Wahrheit gesagt. Denn eine Heimat hat er jenseits der Literatur nie gefunden. Zeigen zu können, dass er sie dort gefunden hat, dass er beweist, dass es dieses Arkadien tatsächlich gibt - genau daran werden wir diesen Film messen.
Die Straße, in der an diesem heißen Sommertag in Breslau dreihundert zerlumpte Gestalten warten, mündet auf den Plac Bohaterow Geta, ein unscheinbarer Gedenkstein in einer Grünanlage erinnert an die Helden des Aufstands im Warschauer Getto vom 19. April 1943. Die Statisten laufen genau darauf zu, ohne es zu sehen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Dirk Plamböck/WDR, WDR/Dirk Plamböck, WDR/Dirk Plambšck, WDR/Thomas Kost