FAZ.NET-Fernsehkritik

Nichts Genaues weiß man nicht

Von Christian Geyer

26. April 2007 Man sollte sich nichts vormachen: Der halbstündige Fernsehauftritt unter dem Titel „Das Opfer und der Terrorist“, der gestern Abend als Sondersendung das Programm der ARD unterbrach, war im Grunde nichts anderes als eine neue starke Geste im Dauerflirt zwischen medialer Öffentlichkeit und RAF-Szene. Dieser Flirt schien nur ein paar Jahre unterbrochen gewesen zu sein. Nun ist das Fernsehen neu entflammt. So also sieht es aus, das frisch installierte Genre der Terror-Show: ein Angehöriger eines Terror-Opfers (hier: Michael Buback) trifft im Fernsehstudio auf einen ehemaligen Terroristen (hier: Peter-Jürgen Boock), öffentlich in Szene gesetzt von einem TV-Moderator (hier: Volker Herres), der mehr als die harte Nachfrage die weiche Masche schätzt: „Und wie geht's Ihnen emotional, wenn Sie jetzt dem Täter/dem Opfer gegenübersitzen?“

Neue Bilder braucht das Land: die alten der ausgebrannten Mercedes-Limousinen, der unterm RAF-Logo gefesselten und um Hilfe bittenden Entführungsopfer - diese Bilder taugen nur noch als historisches Zitat im Dekor des Studios. Frisch sind die anderen Bilder: die vom gealterten, sich in der psychologischen Selbstanalyse bizarr spiegelnden Täter einerseits; und die Bilder vom Opferangehörigen, der bis zur Selbstverleugnung um späte Aufklärung ringt, andererseits. Man muss schon fragen: Was erhoffte sich Buback von dieser Art des Zusammentreffens mit einem Mann, der, was die Aufklärung seiner terroristischen Vergangenheit angeht, bereits durch viele taktische Winkelzüge aufgefallen ist? Ein Erkenntnisgewinn in der Mordsache seines Vaters war für Buback von vornherein nicht zu erwarten: Alle Informationen, die Buback hier von Boock hätte bekommen können, hatte er bereits zuvor in vielstündigen Telefonaten mit Boock erhalten. Die Fernsehbegegnung war in dieser Hinsicht völlig funktionslos. Buback erfuhr nichts, was er nicht schon erfahren hatte. Dennoch ließ er es sich nicht nehmen, Boock am Ende eine „klare Rede“ zu bescheinigen, die der Öffentlichkeit zeigen könne, dass die Täter sich von ihren Taten distanzierten. Sieht sich Buback heute womöglich als eine Art Sonderbotschafter zwischen Opfern und Tätern?

Hofiertes Institut der Wahrheitsfindung

Das neue Fernsehformat, bei dem sich Täter und Opfer des Terrorismus begegnen, trägt jedenfalls ordentlich zu der optischen Täuschung bei, um die es der RAF-Szene seit je zu tun war: Ihr geht es um die erfolgreiche Suggestion, zwischen Tätern und Opfern gebe es ein irgendwie geartetes Verhältnis der Symmetrie. Nach dem Motto: In Sachen RAF haben sich ja alle Seiten etwas zuschulden kommen lassen. Dass etwaige Versäumnisse der Justizbehörden aufgeklärt werden müssen, wo sie es noch nicht sind, ist selbstverständlich. In diesem Sinne hat sich der „Spiegel“ mit seiner aktuellen Titelgeschichte als Schrittmacher der Überprüfung betätigt. Dass aber ein Mann wie Boock jetzt im Fernsehen zu einem hofierten Institut der Wahrheitsfindung wird, ist grotesk. Boock, der die ihm hingehaltenen Mikrophone früher stets auch zum Betrügen und Finassieren in eigener Sache ausgenutzt hat; Boock, der nach wie vor ein Geheimnis daraus macht, wer Hanns-Martin Schleyer erschoss, obwohl er dies aus erster Hand wissen muss; Boock, der sich krankmeldet, wenn er von den zuständigen Justizbehörden um Aufklärung gebeten wird; derselbe Boock geriert sich nun im Abendprogramm der ARD als allzeit bereiter Aufklärer, an den sich jedermann jederzeit wenden könne, wenn es um den RAF-Terrror geht.

Erkenntnisgewinn brachte die Täter-Opfer-Show in der ARD freilich in anderer Hinsicht: Es wurde deutlich, dass Boock seine heiße Informationsware, wer der Schütze beim Buback-Mord war, lediglich vom Hörensagen hatte. „Es ist mir schlicht erzählt worden“, sagte er, „und ich habe keinen Zweifel, dass es auch richtig erzählt worden ist. Welche Absicht hätte vorliegen sollen, mir etwas Falsches zu erzählen?“ Nun, da sind viele Absichten denkbar, angefangen von dem möglichen Versuch, eine andere Täterschaft zu verschleiern. Doch wer sollte mir, Peter-Jürgen Boock, schon etwas Falsches erzählen? Wenn Selbstüberschätzung alles ist, was Boock an quellenkritischen Überlegungen zu bieten hat, dann sind seine Enthüllungen mit umso größerer Vorsicht zu gewichten. Bezeichnend auch, welch enges Tatverständnis Boock zugrunde legt, wenn es ihm um die Entlastung des wegen mehrfachen Mords und Mordversuchs verurteilten Christian Klar geht. Der sei, was das konkrete Attentat auf Buback angeht, „nicht an der Tat beteiligt“ gewesen, sagte er Michael Buback am Telefon. Auf dessen Nachfrage mochte Boock von Tatbeteiligung nur bei denen sprechen, die auf dem Motorrad saßen. Wer im Fluchtauto wartete, diese Frage hat für Boock schon nichts mehr mit der Tat zu tun. Eine juristisch wie moralisch hochmanipulative Lesart.

Stefan Aust, der als RAF-Experte und Autor des Buches über den „Baader-Meinhof-Komplex“ ebenfalls zur Fernsehrunde geladen war, hatte recht: Für die Angehörigen der Terroropfer sei es von elementarer Bedeutung, zu wissen, wer abgedrückt hat. Dies sei, stellte Aust klar, ein ähnlich unbedingtes Bedürfnis wie das der Hinterbliebenen von Kriegsopfern, das Grab der Ihrigen zu finden. Buback nickte. Es wäre, so möchte man hinzufügen, ein furchtbarer später Triumph, wenn es der RAF-Szene gelänge, dieses Elementarbedürfnis für ihre propagandistischen Zwecke zu missbrauchen. Die Täter-Opfer-Show von vorgestern Abend sollte im Fernsehen nicht Schule machen.



Text: FAZ.NET
Bildmaterial: REUTERS

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