Von Nina Rehfeld
12. November 2006 Noch nie in ihrer 155jährigen Geschichte stand die altehrwürdige New York Times derart unter Druck wie in den vergangenen Monaten. Eine Reihe journalistischer Skandale, ein unmöglicher Spagat zwischen institutionellem Anspruch und dem Druck der Wall Street, die schwierige Positionierung in einer politisch tief gespaltenen Nation und einer technisch rasant sich wandelnden Medienlandschaft machen der alten Dame schwer zu schaffen. Seit in der vergangenen Woche das Audit Bureau of Circulations die Auflagenzahlen der amerikanischen Tageszeitungen veröffentlichte und der New York Times einen Rückgang von 3,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr bescheinigte, sehen manche schon das Ende einer Ära heraufziehen.
Die Times ist mit einer Auflage von 1,1 Millionen Exemplaren nach der USA Today und dem Wall Street Journal die drittgrößte Zeitung der Vereinigten Staaten. Mit insgesamt 94 Pulitzerpreisen - davon allein sieben im Jahr 2002 für die Berichterstattung über den 11. September 2001 - ist sie außerdem die höchstdekorierte. Doch konterkariert durch den vielpublizierten Bau eines 850 Millionen Dollar teuren, von Renzo Piano entworfenen neuen Bürogebäudes an der 41st Street, zwei Wohnblocks vom derzeitigen Hauptsitz an der 43rd Street entfernt, gelten die jüngeren schlechten Nachrichten über die Times heute vielen exemplarisch als Beispiel für den Niedergang der amerikanischen Zeitungslandschaft.
Erheblich an Autorität und Souveränität eingebüßt
Leserschwund, unzufriedene Aktionäre und die Konkurrenz des Internets machen vielen amerikanischen Zeitungen zu schaffen. Die Times jedoch, so sehen es viele, verliert derzeit noch etwas Wichtigeres als ihre Leser: Nach einer Reihe von redaktionellen Skandalen hat sie erheblich an Autorität und Souveränität eingebüßt. Für eine Zeitung, die historisch eher ein Regierungsarm denn ein bloßes Unternehmen war, wie der Vanity Fair-Autor Michael Wolff kürzlich schrieb, ist dieser Verlust womöglich der gravierendere.
Es ist vermutlich kein Zufall, daß der Siegeszug der Meinungs-Talkshows im amerikanischen Fernsehen und der Blogs im Internet zeitlich mit einer Serie von schweren Glaubwürdigkeitsunfällen bei der New York Times zusammenfiel. Gerade, als die traditionellen Medien den Hobby-Journalisten im Internet lächelnd Professionalität und Unabhängigkeit absprachen, gerieten ihre Redaktionen zum Schauplatz saftiger Skandale.
Entschuldigung für naive Berichterstattung
Blogger fungierten als wichtige öffentliche Verstärker in den Affären um den Times-Autor Jayson Blair und den USA Today-Korrespondenten Jack Kelley, deren Geschichten sich als abgekupfert oder gar frei erfunden erwiesen. Fast über Nacht und unter tatkräftiger Mitwirkung der Blogger, die das Medienestablishment als arrogante Informationsdealer betrachten, verlor die Zeitung ihre althergebrachte Autorität, und hektische Schadensbegrenzung trat an die Stelle einer dringend benötigten strategischen Neuausrichtung in einer übervölkerten Informationslandschaft.
Als vier Wochen nach der Entlassung von Jayson Blair im Juni 2003 der damalige Times-Chefredakteur Howell Raines endlich seinen Hut nahm, hatte sich die Aufmerksamkeit längst von Blairs Betrügereien zu Raines' ungeliebtem Führungsstil, einer übertriebenen Starkultur im Blatt und der miserablen Stimmung in der Redaktion verschoben. Und Raines' Nachfolger, Bill Keller, hatte den Chefsessel noch nicht warmgesessen, als er sich in aller Öffentlichkeit für die naive Berichterstattung seiner Zeitung im Vorfeld des US-Irak-Feldzuges entschuldigen mußte - die Times-Starreporterin Judith Miller hatte ihre Geschichten über Massenvernichtungswaffen im Besitz von Saddam Hussein auf Aussagen des undurchsichtigen, vorübergehenden Bush-Günstlings Ahmad Chalabi gestützt, der ganz eigene politische Pläne im Irak nach Saddam Hussein verfolgte.
Gefundenen Fressen der publizistischen Gegenkultur
Ausgerechnet die New York Times hatte sich zum Werkzeug einer Propaganda-Initiative aus dem Weißen Haus machen lassen, und diesmal kam die Kritik, besonders schmerzhaft, aus den eigenen Reihen - Miller und der Times-Ombudsmann Byron Calame gifteten sich per E-Mail an, und die Times- Kolumnistin Maureen Dowd bezeichnete ihre Kollegin Miller im Blatt als WMD - als Woman of Mass Destruction.
Die schmutzige Wäsche aus den Redaktionsräumen der Gray Lady geriet zum gefundenen Fressen jener neuen publizistischen Gegenkultur, der es schnell zur Daseinsberechtigung wurde, den Machtanspruch der klassischen Medien aufzubrechen und im Internet und Kabelfernsehen mit dreist unterhaltsamen Meinungsschaukämpfen den grauen Eminenzen des Journalismus die Rolle des Themensetzers in der öffentlichen amerikanischen Debatte streitig, wenn nicht sogar abspenstig zu machen.
Überwachungsprogramme für Al Qaida ruiniert
So mutierte, als die Times 2005 die Enthüllungsstory des Jahres über George W. Bushs illegale Abhörung privater Telefonate unter dem Vorwand der Terrorbekämpfung veröffentlichte, ein saftiger Regierungsskandal zur lebhaften Diskussion um angeblichen Landesverrat in Blogger-Foren und Polit-Talkshows. Das Wall Street Journal verstieg sich gar zu der Attacke, die Times-Enthüllung könnte eines unserer besten Überwachungsprogramme für Al Qaida ruiniert haben, und prominente Republikaner forderten, die mit Pulitzerpreisen ausgezeichneten Autoren der Geschichte nach dem Spionagegesetz von 1917 anzuklagen.
Kurzum: Es wurde für dieTimes immer schwieriger, teuren Qualitätsjournalismus gegenüber ihren Anteilseignern an der Wall Street zu verteidigen, die angesichts eines Aktienverfalls von fünfzig Prozent seit 2002 Kurskorrekturen verlangten - was genau das bedeuten könnte, zeigte sich in der Branche in den vergangenen Monaten in aller Deutlichkeit: Der hochangesehene Knight-Ridder-Verlag mußte sich im März nach dem Aufbegehren seines Mehrheitsaktionärs Bruce Sherman dem Verkauf (und der Zerschlagung) stellen - journalistisches Renommee unterlag leichterhand den Anlegerinteressen.
Das Format schrumpfte um 3,75 Zentimeter
Und bei der zur Chicagoer Tribune Company gehörenden Los Angeles Times tobt derzeit ein Managementkrieg um die Kaputtschrumpfung der Belegschaft, der in den letzten vier Wochen sowohl Herausgeber Jeffrey Johnson wie auch Chefredakteur Dean Baquet zum Opfer fielen. Denn auch die Tribune Company steht nach Kurseinbrüchen zum Verkauf, und die Eigner wollen dem verunsicherten Markt möglichst profitable Produkte präsentieren.
Zwar wähnt sich die New York Times, die seit 1896 im Besitz der Familien Ochs und Sulzberger ist, in relativer Sicherheit - die Familienmitglieder halten das Stimmrecht im Aktionärsvorstand der New York Times Company, zu der außerdem der Boston Globe, die International Herald Tribune, einige Fernsehstationen und ein Stück des Baseballteams der Boston Red Sox gehören. Doch die Anleger übten zuletzt zunehmend scharfe Kritik an der Politik der Eigner, und erste Sparmaßnahmen wurden mit der Verkleinerung des Formats um 3,75 Zentimeter - was den Berichterstattungsumfang der Zeitung um immerhin fünf Prozent reduziert - sowie Werbeanzeigen auf der Titelseite des Wirtschaftsteils eingeleitet.
New York Times als eine Art Wiki-Zeitung im Netz?
Und dann ist da das Dilemma mit dem Internetboom: Wie viele Zeitungsverlage hat auch die New York Times die aufkommende Blog- und Selbstdarstellungskultur im Netz zu lange mit Verachtung gestraft, um ihre Bedeutung zu erkennen - während die Times die drittklassige Info-Website About.com erwarb, kaufte Rupert Murdoch weitsichtig das boomende Sozialforum MySpace. Zwar lockt der Online-Auftritt der Times, trotz dieser Schläfrigkeit, mittlerweile mehr Leser als die Printausgabe - nur leider erwartete er seine Informationen erstens gratis; und zweitens sorgt er längst noch nicht für vergleichbare Werbeeinnahmen.
Michael Wolff rechnete jüngst in Vanity Fair vor, daß die angesehene und vielgenutzte Website der New York Times 400 bis 500 Millionen Surfer erreichen müßte, um einen ähnlichen Profit wie die Printausgabe zu erzielen - sprich: um ähnliche Werbepreise aufrufen zu können. Alternativ müßte sie ihre Inhalte weit günstiger produzieren. Doch als Herausgeber Arthur Sulzberger jr. in der vergangenen Woche ankündigte, künftig sogenannten Bürgerjournalismus stärker in die Website einbinden zu wollen, jagte das Medienexperten und Journalisten Schauer über den Rücken: Die New York Times als eine Art Wiki-Zeitung im Netz?
Google läßt die Herzen höher schlagen
Stick with ink and sink, lästern die Zeitungsverächter, doch noch ist der Zeitungsmarkt nicht verloren. Der Boom mit Internetmedienseiten hat erst begonnen, und noch haben weder die traditionellen Medien noch die Werbebranche das Potential des Netzes auch nur grob kartiert. Unterdessen spekulieren Wirtschaftsexperten, daß sich die Werbeumsätze im Netz in den kommenden fünf Jahren verdoppeln könnten.
In dieser Woche ließ dazu die Meldung die Herzen in den Redaktionsräumen und Managementetagen der großen amerikanischen Zeitungen höher schlagen, daß Google in den kommenden drei Monaten probeweise Anzeigen in fünfzig Zeitungen schalten will, darunter in der New York Times und der Washington Post. Der Suchmaschinengigant, der inzwischen neunzig Prozent seiner Einnahmen mit Werbung erzielt, will sich damit Wert erschließen, der im Internet nicht zu haben ist, wie Tom Phillips, Leiter von Googles Print-Abteilung, sagte. Unerwartete neue Ehren für das 110 Jahre alte Motto der New York Times: All the News That's Fit to Print. Und vielleicht ein Anzeichen dafür, daß die alte Dame noch lange nicht hinfällig ist.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 12.11.2006, Nr. 45 / Seite 33
Bildmaterial: AP