Propaganda-Webseiten

Der Google-Islamismus

Von Michael Hanfeld und Souad Mekhennet

Islamistische Propaganda für die Kleinsten: www.awladnaa.net

Islamistische Propaganda für die Kleinsten: www.awladnaa.net

12. August 2006 Wenn es darum geht, für ihren militärischen Kampf zu trainieren, stehen den Islamisten der Irak und Afghanistan zur Verfügung. Wer sich berufen fühlt, in den Dschihad, den Heiligen Krieg gegen die Feinde des Islams, einzutreten, findet bei den zahlreichen Splittergruppen Aufnahme, die gegen die Amerikaner und ihre Verbündeten kämpfen. Ihre Trainingscamps in Afghanistan hat Usama Bin Ladins Al Qaida zwar verloren, aber dafür kann sie sich im Norden Pakistans sammeln und verbergen, um immer wieder nach Afghanistan vorzustoßen. Das Trainingsfeld für die Sympathisanten des Dschihad aber, von dem sie niemand vertreiben kann, ist das Internet.

Hier werden Kämpfer angeworben und mit dem nötigen Wissen für den Heiligen Krieg und ausgewähltem Geschichtswissen für ihr Weltbild ausgestattet. Die Zahl der Seiten, die minutiös schildern, wie man Bomben baut, wie man Anschläge vorbereitet und ein Selbstmordattentat verübt, oder Propaganda betreiben, ist Legion. Fachleute schätzen die Zahl der stabil zu erreichenden und der vagabundierenden Terrorseiten im Netz auf 4500. In Chatrooms, die immer wieder ihre Adresse wechseln, tauschen sich die Islamisten nicht nur aus, mit eigenen Fernsehprogrammen im Internet errichten sie eine regelrechte Gegenöffentlichkeit.

Eine virtuelle Gemeinschaft der Muslime

Die Hinrichtungsvideos und Botschaften Usama Bin Ladins, die zumeist beim arabischen Nachrichtensender Al Dschazira landen, sind nur der sichtbarste Teil eines Propagandakriegs, den nicht nur Al Qaida mit hoher Professionalität führt. Das Internet, das haben die Islamisten längst erkannt, ist eine wirksame Waffe.
Erst die Medienwirkung macht den Terror aus, deshalb war die Liveübertragung der Anschläge vom 11. September für Al Qaida ebenso wichtig wie das verheerende Ausmaß der Zerstörung auf Ground Zero. „Terrorismus bedeutet Theater und Wettstreit um Aufmerksamkeit“, schreibt Joseph Nye, Politikwissenschaftler an der Harvard-Universität. Was sich im Internet bilde, meint der französische Islamwissenschaftler Gilles Kepel vom Institut d'Etudes Politiques in Paris - und greift dabei zurück auf eine These des amerikanischen Anthropologen John W. Anderson -, sei nichts anderes als eine „neue virtuelle Umma“, eine Gemeinschaft aller Muslime.

Zwar ist die Szene fragmentiert und können die Autoren der Websites ihre jeweilige Herkunft nicht verleugnen, doch eint sie das Bewußtsein, Teil eines globalen Glaubenskriegs zu sein, den es an jeder Front, in jedem Land, auf ganz unterschiedliche Weise auszufechten gilt. Deshalb sollte man die Wirkung der vielen Beiträger zu dieser „virtuellen Umma“ und den Islamismus durch Google nicht unterschätzen, auch wenn die Verbreitung des Internets in vielen arabischen Ländern weit hinter Asien, Europa und den Vereinigten Staaten zurückliegt. Es wäre falsch, die Bedeutung der „virtuellen Umma“ geringzuachten. Denn man braucht keinen privaten Internetanschluß, um ins World Wide Web zu kommen, dazu gibt es Internetcafés. Und schließlich richten sich die Aufrufe zum Dschihad nicht allein an die Muslime in den arabischen Ländern, sondern an die islamische Jugend in Europa und Amerika.

Comic-Geschichten vom Dschihad für Kinder

Zum Thema
Buchshop
Die Kinder des Dschihad - Die neue Generation des islamistischen Terrors in Europa
von Mekhennet, Souad; Sautter, Claudia; Hanfeld, Michael
Kaufen bei
amazon.deLibri.de

Auch die Botschaften selbst lassen sich nicht exakt verorten: Ist ein Videofilm an einer Stelle nicht mehr zu erreichen, taucht er umgehend unter einer anderen Adresse wieder auf. So ist auch die Internetseite „Let's go 4 jihad“ nicht mehr unter der ursprünglichen Adresse zu finden (www.lg4j.com). „Let's go for jihad“, und zwar „NOW!!!“, riefen dort die „Mudschaheddin der arabischen Halbinsel“ ihren Brüdern zu und lockten mit mehreren Dutzend Frontvideos aus dem Irak und aus Afghanistan. Unter www.almagribi.blogspot.com stehen ebenfalls jede Menge Videos zum Download bereit, solche von Angriffen und von den Auftritten von Selbstmordattentätern, die sich vor dem Attentat mit der Waffe in der Hand von ihren Angehörigen verabschieden.

Allein auf Kinder ausgerichtet ist die Seite www.awladnaa.net (Unsere Kinder). Sie stellt mit farbigen Comicfiguren dar, wie die „richtige“ Erziehung von Kindern aussieht. Sie lobt den Dschihad und weist dessen Kämpfer als Helden aus, deren Geschichten sich die Kinder in Comic strips ansehen können. Die Juden, lernen die Kinder, seien für den Tod von 25 von Allahs Propheten verantwortlich sowie für eigentlich jedes Übel in der Welt, habituelle Kindermörder seien sie ohnedies. Wohin der Dschihad zu führen habe, wird auch gelehrt. Zunächst seien die muslimischen Regionen in Spanien, die Gegend um Sevilla oder Andalusien zurückzuerobern. Unter muslimischem Recht, heißt es bei aladnaa.net, sei es den Menschen dort viel besser gegangen als heute.

Webseiten für kampfwillige Frauen

Gefragt sind in der „virtuellen Umma“ jedoch nicht nur Kämpfer und Kinder, aus denen Kämpfer werden, sondern auch Mütter und Kämpferinnen. Eigens für sie ist in zwei Ausgaben ein Pamphlet unter dem Titel „Al Khansa“ erschienen - eine Internetzeitschrift und Vorläufer der jetzigen Vollnachrichtenprogramme, die nach eigenen Angaben von der arabischen Halbinsel aus entstand. Sie wurde inzwischen wie einige andere Adressen, die mehr oder weniger direkt mit Al Qaida in Verbindung gebracht wurden, von den saudischen Behörden lahmgelegt, ist in Kopien aber weiter erhältlich. Sie führt vor Augen, daß falschliegt, wer glaubt, Frauen spielten im islamischen Terrorismus nur eine untergeordnete Rolle. Für den „Kampf“ sind nicht mehr nur die Männer zuständig, das hat sich mit dem Massaker an mehreren hundert Kindern und Eltern in Beslan grausam bestätigt. Die Prediger des Dschihad werden bei ihren Attentaten in Zukunft sogar noch mehr auf Frauen setzen, heißt es bei „Al Khansa“.

Die Titelseite von „Al Khansa“ leuchtet in Rosa, eine Straße ist zu sehen, auf der rot-weiß gestreifte Hütchen aufgestellt sind, darunter steht zu lesen: „Die Schwierigkeiten auf dem Weg der Mudschahida“ (die weibliche Form des Mudschahed). Im Inhaltsverzeichnis werden die Ziele derselben formuliert: „Wir müssen die Ungläubigen von der Arabischen Halbinsel vertreiben.“ Die „Ungläubigen“ hätten bereits zahlreiche muslimische Jungfrauen vergewaltigt, viele Muslime hätten vergessen, was ihnen bereits alles angetan wurde. Doch damit sei es nun vorbei, weil die muslimischen Frauen selbst in den Kampf zögen und eine regelrechte „Frauenarmee“ bildeten. Die Frauen müßten sich darauf vorbereiten, den Glauben und den heiligen Boden zu verteidigen wie ihre Männer: „Gott hat uns auch erlaubt zu kämpfen, und wenn wir kämpfen und sterben, ist das der beste Tod.“

Die Erziehung der Kinder beginnt im Mutterleib

Bevor die Kriegerinnen in den Kampf ziehen, müssen sie zunächst ein Training absolvieren. Es beginnt mit einem „Programm für die Arme“, damit „wir im Krieg nicht schwach werden“. Liegestütze werden empfohlen, mindestens zehn am Stück, davor soll fünf bis zehn Minuten gejoggt werden, um die Muskeln zu lockern. Seilspringen geht auch, sogar die richtige Atmung wird erläutert. Und schließlich geht es um „die Erziehung der Kinder nach dem Dschihad“: „Wenn in der Familie, zwischen dem Mann und seiner Frau alles in Ordnung ist, dann sind es die Kinder auch“, heißt es ganz harmlos. Selbstredend soll die Frau einen Mann heiraten, der über eine gute, also streng islamische Erziehung verfügt und gegen die Ungerechtigkeit kämpft. Bereits im Bauch der Mutter stehe fest, welches Leben die Kinder führen würden. „Unser erster Dschihad ist die Erziehung unserer Kinder“, schreiben die Autoren von „Al Khansa“.

Damit stehen die Frauen den Männern nur in der Anzahl der für sie eingerichteten Foren nach. Mit der Kampfausbildung der Männer befassen sich die beiden populären und langlebigeren Seiten „Sawt Al Jihad“ (Die Stimme des Dschihad) und „Mu'askar Al Battar“ (Die Battar-Armee). Auch sie stammen von der „arabischen Halbinsel“, und es ist angesichts der Ähnlichkeiten in Aufbau und Texten anzunehmen, daß es einen redaktionellen Zusammenhang mit „Al Khansa“ gibt. Die saudischen Behörden waren auch bei ihrer Bekämpfung erfolgreich, so daß die beiden Adressen im Jahr 2005 nicht mehr zu erreichen waren, im Frühjahr 2006 sind sie jedoch mit wechselnden Adressen wieder aufgetaucht.

Dem Terror in den Großstädten gewidmet

Bei „Sawt Al Jihad“ finden sich Dutzende Schreiben, die mit „Stimme der Mudschaheddin auf der arabischen Halbinsel“ unterzeichnet sind. Es sind Aufrufe oder Bekennerschreiben. Die meisten Artikel beschäftigen sich mit Geschehnissen in Saudi-Arabien, im Irak und in Palästina und werden aktuell auf dem laufenden gehalten. Dasselbe geschieht mit der Publikation „Mu'askar Al Battar“. Sie ist eine echte Fibel des Terrortrainings, ein praktisches Handbuch. Hier wird den „Kämpfern des Heiligen Krieges“ erklärt, wie sie sich fit halten sollen, durch möglichst viele „sit-ups“ oder auch „chin-ups“. „Mu'askar Al Battar“ erinnert an die Kampfbücher der Al Qaida, wie sie in den Camps in Afghanistan gefunden wurden. In diesen online verfügbaren Schriften gibt es Waffenkunde und Schulungen in konspirativem Verhalten, und es wird erklärt, wie man Menschen entführt.

Eine Ausgabe von „Mu'askar Al Battar“ hat sich ganz allein dem Terror in Großstädten gewidmet. Dort heißt es ausdrücklich: „Treffe Investitionen von Juden und Christen in muslimischen Ländern.“ Es gibt auch eine Rangliste, nach der gemordet und entführt werden soll, Christen sind primär das Ziel, die Nationen folgen an zweiter Stelle: „Amerikaner, Briten, Spanier und so weiter“.

Der Zusammenhang zwischen diesen Schriften und den Entführungen und Morden im Irak und in Saudi-Arabien und den Anschlägen in Madrid und London liegt nahe. Entführungen, so hieß es bei „Mu'askar Al Battar“, seien „ein besonders wirksames Mittel im Dschihad: Bring die Regierung in eine schwierige Situation, die politische Störungen zwischen der Regierung und den Ländern der Entführten hervorrufen könnte.“

Stecken CIA oder Mossad dahinter?

Rita Katz, die Direktorin des Site-Instituts, glaubt, daß nach solchen Anweisungen Verbrechen gezielt verübt wurden und werden. Das in Washington ansässige Site-Institut ist eine der besten Adressen für die Erforschung islamistischer und extremistischer Websites. Es hat sich zur Aufgabe gemacht, über islamistische Bewegungen und den Terrorismus zu berichten und einschlägige Publikationen zu übersetzen und zu veröffentlichen. „Site“ steht für „Search for International Terrorist Entities“.

Weil die bekannteren ursprünglichen Terrorseiten, obwohl sie im Internet ständig umherwandern, immer wieder von Hackern geknackt und von staatlichen Verfolgern dingfest gemacht wurden, hat das Hin und Her von Aufklärung und Gegenpropaganda sogleich Verschwörungstheoretiker auf den Plan gerufen. In nicht wenigen Chat-Foren wird diskutiert, ob nicht „CIA oder Mossad“ hinter all dem steckten - und die Aufrufe zu Mord und Entführung nicht gänzlich erfunden seien. Doch selbst Araber, die nicht im Verdacht stehen, mit „CIA und Mossad“ irgend etwas zu tun zu haben, sind davon überzeugt, daß sich mit „Sawt Al Jihad“ und „Mu'askar Al Battar“ originäre Plattformen des islamistischen Terrors gezeigt haben. Der in London ansässige saudische Oppositionelle Muhammad Al-Massari betreibt selbst eine Internetseite, auf der häufig über den Dschihad debattiert wird. Seiner Auffassung nach gab es bei „Sawt Al Jihad“ „hochrangige Mitglieder von Al Qaida, die dort publiziert haben“.

Machtlos gegen ausländische Provider

Man müsse, meint der saudische Dissident und Betreiber eines Forums Saad Al Fagih, davon ausgehen, daß allein aus Neugierde Zehntausende von Muslimen die Seiten jeden Tag besuchen. Da nütze es auch gar nichts, daß die Seiten relativ schnell von den Providern gesperrt würden. Die Urheber kennen das Einmaleins des Internets. „Sie nutzen extra die kostenlosen ,freien‘ Seiten“, sagt Saad Al Fagih. Seiten, die es ermöglichen, Botschaften ins Internet zu stellen, ohne daß der Absender erkennbar ist. „Für diese Seiten zahlen diese Leute nichts, müssen also auch keine Kreditkartennummer eingeben, und deshalb bleiben sie anonym.“ „,Sawt Al Jihad‘ liefert die Ideologie und ,Mu'askar Al Battar‘ das militärische Gedankengut Al Qaidas“, sagt Rita Katz.

Um sich wenigstens annähernd einen Überblick über das Internet als Rekrutierungsplatz der Islamisten zu verschaffen, tauschen sich die Geheimdienste in Europa und im Nahen Osten rege aus. „Die Anzahl der Seiten wächst, und es ist nicht einfach, mit dieser Menge fertig zu werden, denn die Inhalte sind meistens in arabischer Sprache“, sagt ein Vertreter eines deutschen Nachrichtendienstes. Mehr als 500 Internetseiten stünden ständig unter Beobachtung. Manchmal vagabundierten die gleichen Inhalte über Server auf der ganzen Welt und würden über mehrere Anbieter umgeleitet. Das führe dazu, daß man unerwünschte Seiten nicht immer stillegen könne. „Ich kann etwas dagegen tun, wenn einer dieser Provider in Deutschland oder Europa sitzt, aber nicht, wenn er sich in Süd-Pakistan aufhält“, sagt der deutsche Geheimdienstler.

Zielgruppe: im Westen geborene Jugendliche

Schwierig ist auch die Überwachung von Chat-Rooms. Dort werden Trainingsanweisungen und vor allem Reiserouten zu Lagern im Irak, in Afghanistan und Tschetschenien durchgegeben. Wenn die Chatter in Internetcafés sitzen, von dort aus miteinander kommunizieren und dann in einen „privaten Chat“ wechseln, haben die Nachrichtendienste kaum eine Möglichkeit mitzubekommen, was in diesen privaten „Räumen“ besprochen wird. Doch alleine die Inhalte und Äußerungen, die für alle offen zugänglich sind, spiegeln wider, wie sich gerade die jüngere Generation von Muslimen weltweit radikalisiert, meinen die Beobachter der Geheimdienste. Sie werden angestiftet, den Koran-Auslegungen ihrer Eltern oder der Scheichs in ihren Heimatländern nicht zu vertrauen. „Wir haben schon Listen mit Namen von Geistlichen gefunden, die als verwestlicht oder als Marionetten der arabischen Machthaber bezeichnet werden“, sagt der Vertreter eines arabischen Geheimdienstes.

Die Situation ist in Europa nicht anders. In den Niederlanden wurde der Fall eines jungen Mannes bekannt, der sich durch das Internet radikalisiert und von seiner Familie getrennt hat. Solche Fälle nehmen laut der Analysen europäischer Geheimdienste zu. Wie groß die Zahl der durch das Internet den Islamisten zugeneigten jungen Muslime ist, können die Beobachter nicht einschätzen, denn in vielen Fällen wird die Veränderung nicht sichtbar. „Sie werden in den Foren angehalten, ihre Tarnung zu wahren und möglichst nicht aufzufallen“, erzählt ein Geheimdienstagent. Das Interesse der Werber für den Dschihad gilt aber eindeutig im Westen geborenen, hier aufgewachsenen Jugendlichen, die angehalten werden, lokale Terrorzellen zu bilden. „Man kann heute allein durch die Informationen im Internet zum Terroristen werden“, lautet die Einschätzung eines europäischen Dienstes.

Der Text ist ein leicht überarbeiteter Vorabdruck aus dem neuen Buch „Die Kinder des Dschihad. Die neue Generation des islamistischen Terrors in Europa“ von Claudia Sautter, Michael Hanfeld und Souad Mekhennet, das am 23. August im Piper-Verlag erscheint. 224 Seiten, 14 Euro.



Buchtitel: Die Kinder des Dschihad - Die neue Generation des islamistischen Terrors in Europa
Buchautor: Mekhennet, Souad; Sautter, Claudia; Hanfeld, Michael

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 13. August 2006
Bildmaterial: Archiv

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Glück im Unglück: Schützen Sie sich vor den finanziellen Folgen eines Unfalls. Jetzt Unfallversicherungen vergleichen!

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche