Von Peer Schader
15. Oktober 2007 Das wären natürlich auch spannende Bilder gewesen: wie das Pro-Sieben-Team morgens im Hotel aufwacht, hurtig ans Frühstücksbuffet spurtet und danach augenblicklich die Kameras schultert, um nachzusehen, ob unter den Wandernden in der Herberge auf der anderen Straßenseite endlich ein Streit ausgebrochen ist, mit dem man nachher ein paar Minuten Sendezeit füllen kann.
Aber solche Begleitbilder wird es vermutlich nicht geben. Also begnügen wir uns mit dem, was Pro Sieben seit Sonntagabend auf dem heiklen Sendeplatz um kurz nach sieben zeigt, an dem König RTL sonst triumphierend Bauern verkuppelt oder Waldgasthöfe von Sterneköchen aufmöbeln lässt.

Wandersleute: Oli Petszokat, Katy Karrenbauer, Ingo Naujoks, Charlotte Engelhardt und Claude-Oliver Rudolph (v.l.)
Niemand wird eine historisch genaue Dokumentation erwartet haben, als Pro Sieben vor ein paar Monaten ankündigte, Das große Promi-Pilgern veranstalten zu wollen, bei dem einige mehr oder weniger bekannte Fernsehleute auf ihrem Wanderweg nach Santiago de Compostela begleitet werden. Es hat allerdings den Anschein, als wüsste auch beim Sender keiner so genau, warum man das eigentlich macht. Außer natürlich, dass Hape Kerkeling mit seinem Jakobsweg-Buch Ich bin dann mal weg einen großen Erfolg hatte, von sich womöglich profitieren lässt, und Pilgern irgendwie modern geworden ist.
Eine Art Klassenausflug
Vielleicht lässt es sich sogar als schöne Idee werten, Prominente, die man nur im künstlichen Bühnenumfeld kennt, auf einem Fußmarsch durch Spanien zu begleiten, bei dem es kein Publikum zu unterhalten gibt, keine Moderationen vorzubereiten und keine Quizshow-Fragen zu beantworten. Mal sehen, was mit diesen Menschen dann passiert. Aber was passiert, ist bloß eine Art Klassenausflug, bei dem am Ende des Tages diskutiert wird: Wer war schneller? Wo bist du lang gelaufen? Und welche Muskeln tun am meisten weh?
Pro Sieben zeigt trotzdem, wie Film- und Fernsehbösewicht Claude-Oliver Rudolph mit Moderatorin Charlotte Engelhardt, den Kollegen Oli Petszokat und Ingo Naujoks sowie Schauspielerin Katy Karrenbauer den Weg zum Grab des Apostels Jakobus auf sich nehmen. Kerkeling ging damals, um nach gesundheitlichen Rückschlägen wieder zu sich zu finden und zu überlegen, wohin er sein Leben eigentlich steuern will. Seine Nachfolger gehen, weil es ihnen das Fernsehen gesagt hat.
Ständiges Geprotze
Für mich ist das einfach eine sportive Motivation, erzählt Rudolph, der die Wandereinladung von Pro Sieben vermutlich bloß angenommen hat, um sich endlich einmal wieder richtig im Fernsehen produzieren zu können und den harten Einzelkämpfer zu spielen, der von nichts und niemandem Hilfe braucht. Das macht er nicht besonders gut, weil das ständige Geprotze einem schnell auf den Geist geht.
Ich bin cool, selbstbewusst - das ist ja keine Show, sagt Rudolph und macht ordentlich Show. Clint Eastwood fragt auch keiner: warum bist du so zurückgezogen? Mit so einer Vorstellung kriegt man heutzutage nicht mal mehr die Rolle des Angebers in einem B-Movie.
Man bekommt Existenzängste
Auch von Engelhardt und Petszokat weiß man nach der ersten Folge nicht so recht, warum sie mitmachen: ein Experiment? Sonst nichts anderes zu tun gehabt? Einzig für Katy Karrenbauer scheint der Jakobsweg eine Bedeutung zu haben. Die 44-Jährige gehört wohl zu der Kategorie von Promis, denen Journalisten gerne ein B oder C voranstellen, um sich über ihre mangelnde Bedeutung zu amüsieren. Aber was ist schon Bedeutung? Zehn Jahre hat Karrenbauer in der RTL-Serie Hinter Gittern - der Frauenknast die rabiate Lesbe gespielt. Im vergangenen Jahr ist die Serie abgesetzt worden. Und das hat offenbar tiefere Spuren hinterlassen, als man sich vorstellen kann, wenn man glaubt, Fernsehleute seien es gewohnt, dass ruppig mit ihnen umgesprungen wird, sobald die Quoten runtergehen.
Karrenbauer ist es nicht. Nach ein paar Tagen auf Wanderschaft hat sie sich an den Straßenrand gesetzt und erzählt, wie das ist, wenn man das Gefühl kriegt, nach so einer Entscheidung nicht mehr geschätzt zu werden. Menschen sagen dir: Oh, es wird lange dauern bis du wieder einen Job bekommst. Man bekommt Existenzängste in so einer Gesellschaft, die unheimlich schnell ist, hat sie sichtlich angeschlagen gesagt.
Hoffen auf den großen Streit
Das war ein ganz erstaunlicher Moment. Nicht nur, weil hier mal jemand gesagt hat: Ich komme mit den Regeln dieser Branche nicht zurecht und kann einen solchen Rückschlag nicht einfach so wegstecken. Sondern auch, weil es eine Ausnahme war im Promi-Pilgern, bei dem Pro Sieben sonst ganz darauf aus ist, künstliche Emotionen herauf zu beschwören. Nichts hat das am Sonntag schöner gezeigt als die Vorschau auf die kommende Folge: Was ist der Grund für Katys Tränen?, raunte der Off-Sprecher zu Bildern, in denen Karrenbauer nach Fassung ringt.
Weil zwei der Wanderer sich nicht so ganz grün sind, folgte die Suggestivfrage: Kommt es zum offenen Streit zwischen Ingo und Claude-Oliver? Und dass Petszokat und Engelhardt sich gut verstehen, wusste man blitzschnell umzudeuten: Ist die Beziehung zwischen Oli und Charlotte wirklich nur rein freundschaftlich? Ob es wirklich diese Kicks braucht, um eine solche Sendung attraktiv zu machen, obwohl sie eher in den leisen Momenten gelungen ist - allein schon, weil sie es in Kauf nimmt, fünf Menschen eine Stunde bloß beim Wandern zuzusehen?
Wenn Fernsehsender pilgern könnten, würde man Pro Sieben auch gerne mal auf die Reise schicken. Auf dem Jakobsweg hätte der selbstsichere Einzelgänger mit dem tollen Image bei den jungen Leuten reichlich Zeit, um einmal tief in sich zu gehen und zu überlegen: Kann ich meinen Zuschauern auch mal was zumuten, das nicht künstlich aufgebauscht ist, ohne dass gleich alle panisch wegschalten, weil sie sich überfordert fühlen könnten? Vielleicht ließen sich auf so einer Reise ein paar ganz spannende Antworten finden.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: obs