Von Katja Gelinsky, Washington
27. März 2008 Die Story hätte fatale Folgen haben können. Ein neuer Krieg zwischen den Rappern von der amerikanischen Ostküste und von der Westküste hätte deswegen entbrennen können. Die Fortsetzung der tödlichen Fehde, die losgebrochen war, nachdem Unbekannte den Rapper Tupac Shakur am 30. November 1994 vor den Quad Recording Studios in New York überfallen und angeschossen hatten. Denn die Los Angeles Times hatte kürzlich unter Hinweis auf angebliche FBI-Dokumente massive Anschuldigungen gegen den Hip Hop-Mogul Sean Diddy Combs erhoben. Angeblich sollen Combs und der 1997 ermordete Rapper Christopher Wallace, besser bekannt als The Notorious B.I.G. oder Biggie, von der Attacke auf Shakur gewusst haben, der dann zwei Jahre später von Unbekannten in Las Vegas erschossen wurde.
Drahtzieher des Überfalls in New York soll Combs' Vertrauter, der Talentmanager James Rosemond, gewesen sein. So war es am 17. März in der Internetausgabe der L.A. Times zu lesen. Die Story war kaum erschienen da herrschte auch schon Kriegsstimmung in Internetforen der Hip-Hop-Szene. Schließlich hatte Shakur Combs und Biggie immer wieder der Mittäterschaft bezichtigt. Doch nun deckte die Internetseite The Smoking Gun, die unter anderem Medienberichte auf ihren Wahrheitsgehalt überpüft, auf, dass die Dokumente, die angeblich Combs' Verwicklung belegen, eine Fälschung sind.
Einem Betrüger auf den Leim gegangen
Chuck Philips, ein Veteran in der Berichterstattung über die amerikanische Unterhaltungsindustrie und Pulitzer-Preis-Gewinner, ist einem inhaftierten Betrüger und Fälscher auf den Leim gegangen, der sich offenbar eine Fantasiegeschichte über die Rapszene ausgedacht hat, in der er sich selbst eine prominente Rolle an der Seite von Combs und anderen Größen der Hip-Hop-Szene zuwies. James Sabatino heißt der 31 Jahre alte Lügenbaron, der in Pennsylvania eine elfjährige Freiheitsstrafe wegen Betrugs und Identitätsdiebstahl verbüßt - schreibt The Smoking Gun.
Kleinlaut entschuldigten sich Chuck Philips und seine Vorgesetzten am Mittwoch dafür, dass sie sich an der Nase herumführen ließen. Indem ich auf Dokumente vertraute, von denen ich nun glaube, dass sie gefälscht waren, habe ich meine Arbeit nicht richtig erledigt, teilte Philips zerknirscht mit. Wir haben die Geschichte in dem ernsten Glauben veröffentlicht, dass die Dokumente echt sind, aber unsere guten Absichten sind irrelevant, fügte Deputy Managing Editor Russ Stanton hinzu.
Anhand der Rechtschreibfehler überführt
Nach den Recherchen von The Smoking Gun gab es offenkundige Hinweise darauf, dass mit den angeblichen FBI-Dokumenten etwas nicht stimmte. Ein bekannter Fälscher und dreister Schwindler sei Sabatino gewesen, einer, der sich als einflussreiche Hip-Hop-Figur habe wichtig machen wollen. Sabatino hatte die fabrizierten FBI-Dokumente vor einigen Monaten bei einem Gericht in Miami eingereicht, vor dem er Combs auf Zahlung von sechzehn Millionen Dollar verklagt hat; angeblich schuldet Diddy ihm noch Geld für seine Mitarbeit bei Plattenaufnahmen.
Dazu sagte Philips, da die Dokumente zu den Gerichtsakten genommen worden seien, habe er sie für echt gehalten. Auch hätten die Schilderungen des von Sabatino erfundenen FBI-Informanten, in zahlreichen Details Berichten entsprochen, die er bei schon vorher zum Überfall auf Shakur gehört habe. The Smoking Gun hat allerdings zahlreiche Hinweise zusammengetragen, die Philips hätten alarmieren müssen. So wurden die angeblichen FBI-Dokumente auf einer Schreibmaschine geschrieben, obwohl FBI-Ermittler schon seit Jahrzehnten keine Schreibmaschinen mehr zur Abfassung ihrer Berichte benutzen. Außerdem tauchten in den FBI-Dokumenten die gleichen Rechtschreibfehler wie in Sabatinos eigenen Schriftsätzen auf. Der Skandal könnte noch ein kostspieliges gerichtliches Nachspiel für die L.A. Times haben. Rechtsanwälte von Combs und Rosemond warfen der Zeitung vor, in böser Absicht gehandelt zu haben.
Ein Rechtsstreit wird folgen
Der Rechtsanwalt von Combs äußerte, man habe von Anfang an darauf hingewiesen, dass es sich um eine Lügengeschichte handle. Jeffrey Lichtman, ein Anwalt des Talentmanagers Rosemond, teilte mit, er habe Philips und seinen Vorgesetzten schon im vergangenen Jahr einen Brief geschrieben, in dem er darauf hingewiesen habe, dass die Vorwürfe gegen den Talentmanager völlig aus der Luft gegriffen seien. Wenn die L.A. Times die Anschuldigungen dennoch veröffentliche, könne sie sich auf einen epischen Rechtsstreit gefasst machen.
Die Vorwürfe seien nicht nur falsch, sondern auch gefährlich. Man erlebe gegenwärtig eine friedliche Zeit in der Hip-Hop-Szene, aber das könne sich schnell ändern. Bei der L.A. Times habe man seine Warnungen jedoch ignoriert, kritisierte der Rechtsanwalt. Sabatino selbst sagte zu den Enthüllungen von The Smoking Gun kryptisch: im Moment zirkulieren eine Menge Lügen. Die L.A. Times hat nun angekündigt, sie wolle in internen Ermittlungen die Wahrheit ans Licht bringen. Wir nehmen die Sache sehr ernst, teilte Russ Stanton mit.
In ihrem Internetauftritt wird die Zeitung wegen des Berichts von ihren Lesern hart rangenommen. Haben Sie die falschen Schreibweisen und die Übertreibungen nicht bemerkt?, fragt ein Leser und kritisiert: Anonyme Quellen sind überall der Fluch des seriösen Journalismus. Leihen Sie sich den Film All the President's men aus (den findet ihr in der Spielfilmabteilung, Jungs) und zwingen Sie Ihre Mitarbeiter, den Film zu sehen.
Text: F.A.Z., 28.03.2008, Nr. 73 / Seite 42
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