FAZ.NET-Fernsehkritik

Wir machen's ja nicht jeden Tag

Von Matthias Hannemann

28. März 2008 So schnell geht das. Eben noch „Mad Jens“, jetzt schon „Dad Jens“. Doch auch hier kann er nicht anders, der Lehmann aus London: Manchmal muss er aus dem Strafraum einfach heraus und mit dem Kopf ganz libertär nach vorne stoßen, selbst wenn alles bis dahin so lief wie erwartet. „Meine Tochter ist zwei und trinkt gerne alkoholfreies Bier. Hat das irgendwelche Folgen?“, fragte Nationaltorhüter Jens Lehmann gestern die Runde, von der Maybrit Illner das Thema „Was läuft schief bei der Jugend von heute?“ ausdiskutiert wissen wollte.

Also kassierte er die Quittung. Der anwesende Hirnforscher wurde ganz ernst. Er zog die Augenbrauen zusammen. Er blickte böse wie ein britischer Sportreporter in die Kamera und entlarvte Lehmanns Erfrischung für den Nachwuchs als diffizile Mischung aus Restalkohol und Beruhigungssubstanzen. Selbst Fernsehfamilienministerin Ursula von der Leyen, die Lehmann eben noch ob seiner Bekenntnisse zur Familie im Allgemeinen und Abstinenz im Fußballverein im Besonderen mit einem Lob nach dem anderen überschüttete, mochte sich da mit einem Male nicht mehr für ihren Stuhlnachbarn erwärmen. „Naja“, schob Lehmann daraufhin dasselbe halbierte Grinsen nach, das wir von der Begegnung mit Angela Merkel in Sönke Wortmanns „Sommermärchen“ kennen, „wir machen's ja nicht jeden Tag“.

Herr der Fangfragen

Und schon fragen wir uns, ob Lehmann nicht doch der wahre Hexer ist, ein Herr der Fangfragen auch im öffentlich-rechtlichen Raum. Denn irgendwie war es ja schon langweilig, wie reibungslos bei dieser x-ten Fernsehdebatte zum Thema Jugend, Jugendgewalt und Jugendalkoholismus das Zusammenspiel zwischen einem stirnrunzelnden Sachverständigen und einer Politikerin ist, die auf die Medien setzt wie kaum eine andere. Da musste ganz einfach ein kleines und entlarvendes Störmanöver her.

Läuft überhaupt etwas schief mit der Jugend von heute? Wirklich behandeln wollte man diese Frage nicht. Denn es gab Wichtigeres zu tun an diesem Abend. Der Experte, der Hirnforscher Manfred Spitzer, erwähnte allerlei Studien über die schädliche Wirkung von Computerspielen, von Internetnutzung und Fernsehkonsum. Und schon war die Ministerin zur Stelle, um „bei der Arbeit!“ zu rufen und fröhlich zu zwinkern. Sie nutzte die Bühne, um dem auf Bundesebene gescheiterten Vorschlag jugendlicher Alkohol-Testkäufer nachträglich doch noch zum Durchbruch zu verhelfen („Als das Geschrei sich gelegt hatte, stellten wir plötzlich fest, dass das in Kommunen und Gemeinden und vom Kinderschutzbund auf einer regelmäßigen Basis längst getan wird. Wir haben das jetzt den Ländern freigestellt.“).

Spielend zu Nebendarstellern degradiert

Sie berichtete stolz davon, wie systematisch das Internet nach jugendgefährdenden Inhalten durchforstet werde, als sei der Arm des Gesetzes allgegenwärtig, allzeit bereit und allmächtig obendrein. Kurz: Sie machte genau das, was Minister im Fernsehen eigentlich immer machen: vermeldete einen Erfolg nach dem anderen.

Und schaffte es daher spielend, die anderen Gäste des Abends zu Nebendarstellern zu degradieren - obwohl die durchaus interessante Dinge zu sagen hatten. So wie MTV-Moderator Markus Kavka und RTL-Streetworker Thomas Sonnenburg („Die Ausreißer“), die den Alkoholkonsum unter Jugendlichen zwar als Problem kennen, aber gleichwohl für mehr Verständnis und eine Verständigung zwischen Jung und Alt auf Augenhöhe plädieren. So wie die 14-jährige Sängerin Mina, die zwar mit einem Lied über das Internet bekannt wurde, aber doch Verständnis für die Fallstricke des Netzes und Sorgen ihrer Eltern hat. Oder so wie Jens Lehmann, das eigentlich in diesen Tagen verstummte Idol, das die Internet-Nutzung seines Sohnes nicht allzu stark einschränken mag, weil er selbst von den Möglichkeiten des Computers fasziniert sei.

Fest steht nur das: Die Diskussionen über die verdorbene „Jugend von heute“ dauert nun schon Jahrtausende an, und sie kommt doch immer bloß zu dem Ergebnis, dass es die Erwachsenwelt ist, die solche Jugendliche hervorbringt.

„Das ist ja nur im Fernsehen.“

Wie kann man es da schaffen, fragte Frau Illner, ein gutes Vorbild zu sein? Auch hier hatte Jens Lehmann eine Antwort parat. Es sei auch ihm „sehr peinlich“, nach einem Foul oder wildem Geschreie auf dem Platz zurück zu den Kindern zu kommen: „Doch dann sage ich ihnen, das ist ein bisschen gespielt. Das ist nicht wirklich echt. Das ist ja nur im Fernsehen.“ Der Mann weiß genau, was er tut.



Text: FAZ.NET
Bildmaterial: ddp

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