Von Peer Schader
09. Januar 2008 Wir hätten da auch mal eine Frage ans Jenseits: Stimmt es, dass Programmverantwortliche, die ihre Zuschauer hinters Licht führen, nach ihrem Ableben für alle Zeiten dazu verdammt sind, sich das anzusehen, was sie in ihren irdischen Tagen fabriziert haben? Immer und immer wieder in der Wiederholung?
Dann müsste bei Pro Sieben ab sofort die Angst umgehen. Seit diesem Dienstag sucht der Sender einen Nachfolger des selbst ernannten Weltstars Uri Geller, der - naja - Ruhm damit erlangte, Löffel angeblich mit Gedankenkraft verbiegen zu können und stehen gebliebene Uhren wieder zum Ticken zu bringen. Das ist ein dämliches Vorhaben, impliziert es doch, dass Geller sich nach dem Ende der Suche zurückziehen würde - wozu bräuchte es sonst einen Nachfolger? Darauf zu hoffen ist jedoch aussichtslos.

Darauf zu hoffen ist wohl aussichtslos: Uri Gellers neues Showkonzept ist auch in Deutschland angekommen
Immerhin ist Geller bei ähnlichen Shows bereits in Israel und in den Vereinigten Staaten fündig geworden, und dass er jetzt noch einmal bei Pro Sieben suchen darf, bedeutet womöglich, dass er plant, in jedem Land einen Gleichgesinnten auf den TV-Thron zu heben, bevor er selbst den Löffel abgibt. Das kann eine Weile dauern. Zehn Auserwählte hat Pro Sieben angeschleppt, die in den kommenden Wochen ihre Tricks dem Publikum präsentieren, das entscheiden darf, wer wiederkommen soll, bevor am Ende nur noch einer übrig ist. Die Belohnung ist allerdings eine erstaunlich irdische: Der Sieger kriegt 100.000 Euro.
Deutschland sucht den Superfreak
Und eigentlich wäre das alles auch gar nicht weiter schlimm, wenn Gellers Wanderzirkus tatsächlich bloß als Wettstreit der Illusionisten angelegt wäre, die einen mit ihren Tricks verblüffen, ohne zu verraten, wie sie funktionieren. Das hat aber weder Geller noch seinen Unterstützern gereicht: Also ist The Next Uri Geller zu einer Parade des Mystischen aufgebauscht, in der mit vollem Ernst behauptet wird, dass Menschen Kontakt mit dem Jenseits aufnehmen können, Gedanken übertragen oder Zukünftiges vorhersehen. Deutschland sucht den Superfreak.
Zugegebenermaßen hat Pro Sieben das nicht dumm angestellt: Zum Auftakt saßen Schauspieler Jürgen Vogel, Moderatorin Sonya Kraus und Germany's Next Topmodel-Teilnehmerin Anni als Zeugen im Studio und mussten gleichzeitig als Assistenten für die Kandidaten herhalten.
Aufgedrehtes Übersinnlichkeitsgeplapper
Einer stellte eine telepathische Verbindung zwischen Vogel und Kraus her, einer beantwortete Fragen ans Jenseits, die die Promis zuvor auf Zettel geschrieben hatten, welche danach sofort verbrannt wurden, und eine Dame, die von sich behauptete, sie könne Geister sehen, durfte mit verbundenen Augen Gegenstände erkennen, die ihr Kompagnon dem Publikum aus der Tasche zog. Was soll man sagen: Ja, es hat alles geklappt, und das meiste war sogar recht unterhaltsam.
Nur die Inszenierung, die sich der Sender dazu ausgedacht hatte, die war unerträglich: die künstlich-düstere Studioatmosphäre, das aufgedrehte Übersinnlichkeitsgeplapper, die ständigen Nahaufnahmen von Protagonisten und verblüfften Versuchsteilnehmern.
Als ein dunkel gekleideter Herr namens Vincent Raven mit seinem Raben die Jenseits-Frage von Topmodel-Kandidatin Anni richtig wiedergab, die auf dem Zettel nach ihrem verstorbenen Vater gefragt hatte, war diese sichtlich erschüttert und ließ die Tränen kullern, was die Kamera dazu veranlasste, so nah an sie heranzufahren, dass es einen als Zuschauer förmlich ins Sofa drückte, um Abstand zu schaffen. So mit den Gefühlen der Protagonisten zu spielen, das ist eklig.
Der Wasserkocher geht wieder!
Einen ganz und gar traurigen Auftritt lieferte ausgerechnet der Meister höchstpersönlich ab. Uri Geller als alter Mann mit einem Klemmbrett auf dem Schoß, der in einem Raumschiff-Enterprise-Sessel sitzt, so tut, als würde er Bewertungen notieren und hinterher zu den Kandidaten sagt: Dich umgibt eine Aura des Geheimnisvollen - ein trauriger Anblick.
Einmal durfte Geller selbst ran: Löffel hatten die Zuschauer holen sollen, auf den Fernseher legen, und davor eine kaputte Uhr oder ein Haushaltsgerät. Mit einem kurzen Energieschub wollte Geller sie wieder zum Funktionieren bringen. Pro Sieben hatte eigens eine kleine Telefonzentrale eingerichtet, in der Damen die Anrufe verblüffter Zuschauer entgegennehmen sollten, was ein bisschen so aussah wie bei Aktenzeichen XY, wenn Eduard Zimmermann die Kollegen in München und Wien nach eingegangenen Zuschauerhinweisen fragte.
Der Zimmermann von Pro Sieben war N24-Reporterin Verena Wriedt, die regelmäßig berichtete, welch unfassbare Phänomene sich in deutschen Fernsehhaushalten zugetragen hatten: Der kaputte DVD-Recorder liest wieder DVDs! Der USB-Stick, der noch nie funktionierte, tut endlich seinen Dienst! Und der defekte Wasserkocher, den eine Zuschauerin auf den Fernseher gestellt hatte, brüht endlich wieder Tee auf!
Vorgeführt von Raab
Am Vortag war Geller nicht ganz so erfolgreich gewesen: Als Gast bei TV total sollte er seine neue Show bewerben, ließ sich aber von Moderator Stefan Raab nach allen Regeln der Kunst vorführen. Raab zerbrach selbst präparierte Löffel, nachher scheiterte Geller auch bei dem Versuch, eine einfache Zeichnung, die Raab vor der Sendung auf einen Zettel gemalt hatte, zu erraten. Wenn er unter Druck gesetzt werde, funktioniere seine Kunst manchmal nicht, musste sich der Weltstar entschuldigen. Raab grinste bloß breit.
Pro Sieben mag sich alle Mühe gegeben haben, den Hokuspokus trotzdem seriös wirken zu lassen: Hier wird nichts geschnitten, hier ist nichts aufgezeichnet, versicherte Moderator Stefan Gödde am Dienstagabend seinem Publikum. Doch fernab der Jubelanrufe, die es nachher in die Sendung schafften, diskutierten die Nutzer des Pro-Sieben-Forums im Internet schon während der Liveshow die vermeintlichen Kunststücke der Auserwählten und beschwerten sich bitterlich, für dumm verkauft zu werden. Mag ja sein, dass es dem Fernsehen an Magie fehlt. Aber ob das dieselbe ist, die Pro Sieben gerade zu demonstrieren versucht, darf doch stark bezweifelt werden.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AP, Cinetext/Haeselich, dpa, Pro Sieben, REUTERS