Qualitätsdebatte Fernsehen

Da rennt einer um sein Leben

Reich-Ranicki und sein Schatten

Reich-Ranicki und sein Schatten

20. Oktober 2008 Die Sendung mit Marcel Reich-Ranicki und Thomas Gottschalk ist vorüber, und es sind alle Fragen offen. Dem Eklat beim Deutschen Fernsehpreis, aus dem ihr Streitgespräch am vergangenen Freitag im ZDF hervorging, muss man nicht mehr hinterherhecheln. Nun möge die Debatte beginnen. Die Debatte über Qualität im Fernsehen. Nun denn.

Viel Handreichung haben wir nicht bekommen. Denn all das, was gefordert wird, gibt es. Qualität in jedem Programm, in jedem Genre, soweit die Fernbedienung reicht. Man muss sie nicht suchen, man muss sie nur sehen wollen. Man muss sagen, was Qualität denn eigentlich ist, und man muss begründen, worin man einen Mangel an Qualität erkennt. Schon die Feststellung, dass darüber nun endlich zu debattieren sei, ist ignorant. Denn über Qualität im Fernsehen reden wir ohne Unterlass.

Gottschalks Publikumsbeschimpfung

Wir reden darüber im Einzelnen und im großen Ganzen. Wir preisen herausragende dramaturgische, schauspielerische und dokumentarische Leistungen, und wir geißeln das Niveaulose, den Müll, den Schrott. Von „Big Brother“ bis zum Dschungelcamp. Doch sobald wir das tun, stellt sich jemand wie Thomas Gottschalk hin und verweist auf „das Feuilleton“. Auf die ahnungslosen „Großkritiker“, die dem Publikum Vorschriften machen wollten.

Zugleich behauptete er in der Sendung - im Stile eines Sendersprechers -, die Privaten seien an allem schuld und die Intendanten von ARD und ZDF könnten gar nicht anders, als sich der Quote zu beugen, und wollten doch das Flache vermeiden, was Reich-Ranicki „abscheulich“ erscheint. Das ist natürlich ein Witz. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk - der unser aller Rundfunk ist - wird mit 7,3 Milliarden Euro Gebühren pro Jahr ausstaffiert, damit er von Nützlichkeitserwägungen frei bleibt. Zugleich ist Gottschalks Verdikt eine unverhohlene Publikumsbeschimpfung, behauptet er doch, das Publikum sei dumm und ungebildet.

Unterhaltung, die den Eklat braucht

Nur in einem Punkt seiner Eigenwahrnehmung hat Gottschalk recht: Er ist der Großmeister schmerzfreier Familienunterhaltung, den die „Klofrauen“ lieben. Deshalb muss er sich nicht „im Sanitärbereich“ verstecken. Seine Leistung nimmt ihm niemand, doch bemerkt er es nicht. Wir sollen ihn lieben, ohne Vorbehalt, darin unterscheidet er sich nicht von Veronica Ferres, Johannes B. Kerner und Dieter Bohlen.

Sie stehen für jene Art von Einheitsbrei-Fernsehen, an dem jede Kritik abprallt. Es braucht den Kritiker zwar, allerdings nur als Punching-Ball und Zerrbild. Es verleibt ihn sich ein und spuckt ihn als ausgewiesen-ahnungslosen Spielverderber wieder aus. Ohne den Eklat kommt eine bestimmte Art von Unterhaltung gar nicht aus, sie karikiert jede kritische Diskussion, weil sie nichts ernst nimmt. Nicht die Anregung, wie es besser gehen könnte, nicht den Einwand der Inhaltsleere oder moralischen Fragwürdigkeit. Solange das Publikum da ist und die Kandidaten mitspielen, läuft alles nach dem Drehbuch, das der Autor Wolfgang Menge und der Regisseur Tom Toelle in ihrem Film „Das Millionenspiel“ vor achtunddreißig Jahren schon aufgezeichnet haben: Da rennt einer um sein Leben, und das Publikum ergötzt sich an seinem nahenden Tod.

Konjunkturen der Medienkritik

So weit waren wir also einmal schon in der medienkritischen Debatte, lange bevor die Privatsender kamen und die Welt doch nicht verdarben. Und lange bevor das öffentlich-rechtliche Fernsehen sich entschloss, sich auf jedem Feld mit beinahe jedem Mittel mit jedem Konkurrenten zu messen. Der Wettbewerb hat die Qualität befördert, bei den Filmen, den Serien und den Dokumentationen. Und er hat sie in Frage gestellt. Wäre vor Jahren jemandem eingefallen, Boxnächte bei ARD und ZDF zu veranstalten? Oder Telenovelas und Seifenopern täglich zu senden? Sie sind seit langem da, und man fragt sich, ob sie nicht mit Recht dazugehören. Denn das Urteil der Medienkritiker ist auch den Moden unterworfen. Die vernichtenden Kritiken, die man 1971 zum ersten „Tatort“ des großen Regisseurs Peter Schulze-Rohr, „Taxi nach Leipzig“, lesen konnte, würde heute niemand mehr verstehen, nicht einmal Superverrisse zu „Deutschland sucht den Superstar“.

Wir wissen, dass es falsch ist, alles über einen Leisten zu schlagen und von einer quälenden Preisverleihung auf das große Ganze des Programms zu schließen, an das man viele Fragen haben kann, immer und immer wieder. Woran also erkennen wir die nicht zum ersten Mal eingeforderte Qualität?

Qualität ist offensichtlich

„Also, wenn's richtig gut ist, also richtig gut“, dann könne man es sehen. Das hat der damals neunjährige Janeck gesagt, als das Internationale Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen vor drei Jahren wissen wollte, was gutes Kinderprogramm ist. „Man muss sich in ein Thema reinbohren, bis es weh tut“, sagt der „Sendung mit der Maus“-Macher Armin Maiwald. Man müsse das Publikum abholen, wo es sich aufhalte, meint die Produzentin Gabriele M. Walther („Briefe von Felix“), ihr Kollege Ulrich Limmer (dessen Werk vom „Sams“ über den „Räuber Hotzenplotz“ bis zu „Schtonk“ und den „Comedian Harmonists“ reicht), sagt ganz einfach: „Qualität spricht die Seele an.“

Vom Kinderfernsehen kann man in Sachen Debattenkultur lernen. Damit lässt sich schon etwas anfangen. Es lässt sich erkennen, worin Seele steckt und worin geistloses Nachklappern um der Quote willen. Es lässt sich erkennen, wo es um etwas anderes geht als schieren Zeitvertreib ohne jeden Nachhall. Und es lässt sich erahnen, dass eine auf den ersten Blick absurde Show wie „Bauer sucht Frau“ ihre Qualitäten hat. Wer nach Shakespeare, Schiller und Brecht ruft - die es im Kino und im Fernsehen im Original, im Remake und in der Adaption gibt, das ZDF hat dafür eigens den Theaterkanal ins Leben gerufen -, der soll doch einmal schauen, ob nicht dort und an vielen anderen Orten kreative Köpfe im Sinne der aufklärenden Unterhalter von einst unterwegs sind.

Es gibt keinen Grund, die Intendanten, Programmchefs, Geschäftsführer, die vermeintlichen und echten Stars nicht immer wieder aufs Neue zu piesacken (wobei ganz bestimmte Moderatoren Hilfestellung nicht nötig haben). Man soll sie piesacken, nur mit anderen Mitteln, um eine Travestie-Debatte zu vermeiden, aber durchaus in Reich-Ranickis Sinne.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP

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