Von Peer Schader
29. Juni 2008 Hier entsteht die Zeitung von morgen, heißt es auf dem riesigen Plakat am Verlagsgebäude in der Berliner Karl-Liebknecht-Straße, Ecke Alexanderplatz. Das Plakat ist alt und dreckig, die weiße Schrift auf rotem Grund längst so grau wie der Beton, über den sie gespannt ist.
Aber trotzdem ist es immer noch ein Versprechen. Das Plakat sagt: Berliner, seht her, hier machen wir eure Zeitung, die Zeitung der Hauptstadt, die Nachrichten, über die Berlin sprechen wird. Komisch, dass noch keiner druntergeschrieben hat: Wie lange noch?
Irgendwann muss es doch aufhören
Die Berliner Zeitung muss sparen. Aber nicht, weil es ihr nicht gut ginge. Im Gegenteil: Die Auflage sinkt zwar seit Jahren, doch die Zeitung verdient Geld, und das ist, wenn man sich in Deutschland umschaut, längst nicht mehr selbstverständlich. Gespart wird, weil es der Eigentümer will. Um noch mehr Geld zu verdienen.
Im Herbst 2005 übernahm der britische Investor David Montgomery das Blatt, und seitdem gibt es alle paar Wochen schlechte Nachrichten: Kürzungen, Sparmaßnahmen, Entlassungen. Jedes Mal denkt man: Irgendwann muss es doch aufhören. Aber es hört nicht auf. Am Montag wurde bekannt, dass weitere vierzig Stellen in der Redaktion wegfallen sollen, neunzig blieben übrig. Es ist eine Entscheidung, eine schlechtere, anspruchslose Zeitung zu machen, sagt Thomas Rogalla, Vorsitzender des Redaktionsausschusses. Andere sagen: Es geht nur noch darum, Rendite rauszuschlagen.
Ein Zeitungsimperium zusammengekauft
Wie viele Leute braucht man mindestens, um eine Zeitung zu machen? Bei der Berliner Zeitung gibt es darauf unterschiedliche Antworten. Die des Managements lautet: Probieren wir's aus.
Mit seiner Firma Mecom hat sich Montgomery ein Zeitungsimperium zusammengekauft: Blätter in Dänemark, Norwegen, Polen. Die Idee ist überall dieselbe. Wer viele Zeitungen hat, kann Kosten sparen, indem er Arbeitsabläufe zusammenlegt, Personal reduziert und jedem Blatt nur die notwendigsten Ressourcen zugesteht.
In Deutschland gehört ihm auch die Hamburger Morgenpost, ursprünglich hätte es weitere Übernahmen geben sollen. Montgomery wollte die Dresdner Morgenpost und die Braunschweiger Zeitung, aber gekriegt hat er sie nicht. Vielleicht ahnten die Eigentümer, was das bedeutet hätte. Die Blätter wären ausgeschlachtet worden, der Mantelteil aus Berlin zugeliefert, vor Ort wären vermutlich bloß einige Redakteure fürs Lokale geblieben. Jetzt muss stattdessen die Berliner Zeitung bluten.
Ich kenne keinen, der bleiben möchte
In den vergangenen Monaten sind viele Redakteure freiwillig gegangen: aus dem Feuilleton, vom Sport, von der Meinungsseite, aus der Wirtschaft, weil sie nicht mehr geglaubt haben, dass es besser wird, oder ein Angebot von der Konkurrenz bekommen haben. Die, die noch da sind, haben Angst, nichts Neues zu finden.
Ich kenne keinen, der bleiben möchte, sagt ein Redakteur. Gerade wurden vier offene Stellen neu besetzt, weil die Redaktion massiv bei der Verlagsleitung protestiert hatte. Die meisten haben sich damit abgefunden, dass die Arbeitsbelastung drastisch angestiegen ist, um noch die Zeitung machen zu können, die sie bisher gemacht haben - genauso zuverlässig, genauso gut.
Von einer kaum mehr zumutbaren Selbstausbeutung ist die Rede. Viele Mitarbeiter hängen an dieser Zeitung. Was Montgomery mit ihr an Wert hat, haben wir geschaffen, sagt Rogalla. Deshalb machen sie weiter, auch wenn vom Management längst beschlossen scheint, dass so viel Anspruch gar nicht notwendig ist.
Dann kam Montgomery
Die Berliner Zeitung hat schon so manche schwierige Situation durchgestanden: Als nach der Wende Gruner + Jahr Eigentümer wurde und Journalisten von angesehenen Blättern wegkaufte, um eine Zeitung zu machen, die mit der Süddeutschen und der F.A.Z. mithalten sollte, war das Selbstvertrauen groß, manchmal größer, als es der Zeitung guttat.
Vor acht Jahren hat G + J die Investitionen zurückgefahren, um sich die FTD leisten zu können, die Berliner schließlich an den Konkurrenten Holtzbrinck verkaufen wollen, was aber das Kartellamt verhinderte. Dann kam Montgomery. Von einer überregional relevanten Autorenzeitung ist schon lange keine Rede mehr. Jetzt geht es darum: Kann die Berliner wenigstens eine gute Hauptstadtzeitung sein? Als kürzlich rauskam, dass zwei Redakteure vor der Wende für die Stasi als IM tätig waren und jetzt geklärt werden muss, ob es weitere solcher Überraschungen gibt, hat das die Situation nicht einfacher gemacht.
Chef ohne Rückhalt
Die Probleme allerdings, die die Redaktion mit ihrem Eigentümer hat, sind keine Ausnahme. Anfang Juni haben acht Chefredakteure der niederländischen Wegener Nieuws Media, die Mecom aufgekauft hat, einen Brief an Montgomery geschrieben, in dem sie unmissverständlich zum Ausdruck bringen, dass er durch sein Handeln ernsthaft den Bestand der Blätter gefährde: durch Kürzungen, Personalabbau, Planlosigkeit.
In Deutschland werden längst schon keine höflichen Briefe mehr geschrieben. Seitdem Montgomery den Boulevardjournalisten Josef Depenbrock zum Chefredakteur machte und ihm zugleich die Position des Verlagsgeschäftsführers übertrug, gibt es scheinbar unüberbrückbare Differenzen. Die Mitarbeiter argumentieren, ein Chefredakteur könne unmöglich die Interessen der Redaktion vertreten, wenn er zugleich fürs Sparen verantwortlich sei. Im Februar haben sie Depenbrock zum Rücktritt aufgefordert. Der entgegnete, er brauche das Vertrauen der Redaktion nicht, und machte weiter.
Daraufhin reichte die Redaktion Klage beim Berliner Arbeitsgericht ein, weil die Doppelfunktion die Vereinbarung im erkämpften Redaktionsstatut verletze. Die Verhandlung ist für kommenden Mittwoch angesetzt. Dabei geht kaum jemand davon aus, dass sich etwas ändern wird, selbst wenn die Redaktion recht bekommt. Depenbrock soll schon angedeutet haben: Dann setzt er eben einen Strohmann ein.
Kein Konzept, keine Ahnung
Josef Depenbrock schweigt, wenn man ihn zu alldem befragen will. Seine Sekretärin schreibt: Leider wird er Ihre Fragen nicht beantworten. Ein persönliches Gespräch ist vorher schon ausgeschlossen worden. Erstaunlicherweise erzählen viele, dass man eigentlich ganz gut mit Depenbrock reden könne, er sei auch nicht unsympathisch. Nur zeige sich das eben nie in seinem Handeln. Kennen Sie den schon?, sagen Ehemalige und erzählen Anekdoten. Kann man das sagen: Die Presse ist die vierte Gewalt?, soll er einmal einen Redakteur gefragt haben, und: Was sind noch mal die anderen drei? Auf ein von ihm verwendetes Zitat des Philosophen Antigones angesprochen, fragte ein Redakteur: Meinen Sie vielleicht Aristoteles? - Ja, genau: den!
Depenbrock, sagen die Redakteure, hat nicht nur kein Konzept, er hat auch keine Ahnung. Als er nach seinem Antritt die Ausgaben für das wichtige Abonnentenmarketing um dreißig Prozent kürzte, sanken die Abozahlen dramatisch ab - obwohl er gewarnt worden war: Wenn die Abonnenten erst mal weg sind, kriegt man sie so leicht nicht wieder. Im 1. Quartal 2008 gab es 13.000 Abos weniger als im Vorjahresquartal. Und die Redaktion scherzt über den Depenbrock-Knick in der Auflagengrafik. Inzwischen wurden die Ausgaben fürs Marketing wieder angehoben.
Börsenwert abgestürzt
Depenbrocks Strategie ist: ausprobieren. Und wenn's nicht klappt: rückgängig machen. Gerade ist die für Anfang Juli geplante Online-Offensive abgeblasen worden, weil die Kollegen von der Netzeitung, die Montgomery ebenfalls gekauft hat, dann gemeinsam mit den Online-Journalisten der Berliner in einem Großraumbüro gesessen hätten und womöglich nach Tarif bezahlt werden müssten. Jetzt steht der ausgebaute Großraum erst mal leer. Dabei müsste die Berliner dringend ins Netz investieren. Die Pläne sind längst fertig. Auch ein Termin für das neue Redaktionssystem, das Anfang des Jahres versprochen wurde, ist nicht in Sicht.
Mag sein, dass Montgomery sich verkalkuliert hat. Er hat den komplizierten deutschen Zeitungsmarkt unterschätzt und gedacht, dass sich sein Konzept wie ein Franchise-System über ganz Europa ausbreiten ließe, ohne sich um regionale Besonderheiten kümmern zu müssen. Jetzt breitet er seinen Misserfolg auf diese Weise aus.
Der Börsenwert der mit Krediten finanzierten Mecom-Gruppe ist abgestürzt. Um Anleger zu beruhigen und Kreditgeber zufriedenzustellen, müssen jetzt zuallererst die Zahlen in Ordnung gebracht werden. Wir haben nichts dagegen, Geld zu verdienen, sagt Rogalla. Aber das geht nur in einem Maße, wie es im Berliner Zeitungsmarkt mit vielen Konkurrenzblättern möglich ist. Noch kommen Tagesspiegel und Berliner Morgenpost nicht an die Auflage der Berliner heran - aber wenn es so weit ist, wird das spürbare Einbußen bei den Anzeigeneinnahmen bedeuten.
Wechsel zur Konkurrenz
Was wird nun aus der Berliner Zeitung? Vielleicht bricht Depenbrock alles zusammen, vielleicht merken die Leser mit der Zeit, dass unter den Texten bald immer öfter Agenturkürzel stehen und immer seltener die Namen der Autoren, an die sie sich gewöhnt haben.
Vielleicht kündigen sie dann ihr Abo, vielleicht wechseln sie zur Konkurrenz, vielleicht lesen sie einfach gar keine Zeitung mehr. Das ist die eine Möglichkeit. Die andere, vor der man sich in der Redaktion genauso fürchtet, ist: dass es den meisten Lesern egal ist. Vielleicht verkauft Montgomery aber auch. Bloß: Wer will eine Zeitung haben, die bloß noch eine Hülle ist, um Werbung zu transportieren?
Alles, wirklich alles wird in Berlin gerade für möglich gehalten. Nur eines nicht: dass Montgomery erkennt, wie sehr es sich lohnt, in Qualität zu investieren, um damit Geld zu verdienen. Ein Redakteur sagt: Für das, was die jetzt hier vorhaben, reichen vermutlich auch 90 Redakteure. Hoffentlich hat wenigstens der Chefredakteur eine leise Ahnung davon, was genau das sein soll.
Text: F.A.S., Mitarbeit: Daniel Bouhs
Bildmaterial: AFP, Andreas Pein